Nach 34 Jahren quittiert Jörg Schrempf den Dienst in der Backstube. Foto: Kai Müller

Das Backhaus an der Ackermannstraße hat bereits geschlossen. Noch warten ein paar letzte Aufträge, dann ist endgültig Schluss und es endet ein Stück Vaihinger Backgeschichte.

Vaihingen - Ein Stück Hefe liegt auf der Ablage, die Schüssel ist mit Mehl gefüllt. Jörg Schrempf blickt auf die still stehenden Gerätschaften. „Das ist der Mercedes unter den Backmaschinen“, sagt der 62-Jährige. Doch der Automat wird bald seinen Dienst woanders versehen. Das Vaihinger Backhaus hat geschlossen, die letzten Aufträge warten. Noch einmal wird Kuchen für den Katzenbacher Hof gebacken und am Tag der Deutschen Einheit werden zwei Stände mit Backwaren versorgt. „Dann ist endgültig Schluss“, sagt Schrempf. Es klingt nüchtern und sachlich. Dabei ist es eine Zäsur im Leben des Bäcker- und Konditormeisters. 34 Jahre lang lenkte er die Geschicke des Backhauses. Das heißt auch: Sechs-Tage-Woche und aufstehen, wenn andere noch schlummern.

Leicht ist ihm die Entscheidung nicht gefallen. „Ich habe lang daran herumgemacht“, sagt Schrempf und meint damit die Anfrage der Firma Schatz Consult vom vergangenen November. Das Backhaus verkaufen, das auch ein Stück Familiengeschichte ist? Schrempf hat schon eine Weile gebraucht, bis er sich mit diesem Gedanken anfreunden konnte: „Das ist schließlich ein großer Einschnitt.“ Im Frühjahr beantwortete er die Frage mit Ja. Schrempf ist froh, dass seine Mitarbeiter neue Jobs und die beiden Familien, die im Haus leben, eine neue Wohnung gefunden haben. „Das ist wirklich gut gelaufen“, sagt der Vaihinger.

Kunden haben sich ein letztes Mal mit Backwaren versorgt

Am 21. September hatte der Laden an der Ackermann-/Vaihinger Straße letztmals geöffnet. Die Stammkunden haben sich noch einmal mit Backwaren eingedeckt. Manch einer hat mehr gekauft als sonst und Weckle und Co. eingefroren. „Unsere Kunden waren natürlich nicht begeistert, hatten aber auch Verständnis für die Entscheidung“, sagt Schrempf. Zumal kein Nachfolger in Sicht war. Der Konditor- und Bäckermeister, der auch für die CDU im Bezirksbeirat sitzt, hat keine Kinder. Vor einigen Jahren hat er mal seine Mitarbeiter gefragt, ob jemand Interesse hätte, den Laden zu übernehmen. Das war nicht der Fall. „Der Standort ist auch etwas abseits“, sagt Schrempf. Er hat daher vor allem auch Hotels und Kantinen beliefert. Auch das ist nicht jedes Bäckers Sache.

Nicht nur die Vaihinger werden künftig auf den Teig für die Maultaschen aus dem Hause Schrempf verzichten müssen, auch die Gäste des CDU-Neujahrsempfangs in Vaihingen werden sich auf andere Kost einstellen müssen. Aber auch für Jörg Schrempf ändert sich einiges: „Ich werde mir mein Brot bei einem Kollegen kaufen.“

Schon Jörg Schrempfs Großvater war Bäcker

Mit dem Aus des Backhauses endet auch eine Bäcker-Ära. Der Großvater von Jörg Schrempf hat das Haus 1927 gekauft und sich in Vaihingen niedergelassen. Dessen Eltern hatten in Besigheim eine Landwirtschaft. Da er der vierte Sohn war, ging er bei der Erbteilung leer aus und musste sich seine Brötchen auf einem anderen Weg verdienen. Der Großvater entschied sich fürs Brötchen backen und gründete 1922 in Kirchheim am Neckar eine Bäckerei. Jörg Schrempf hat das Geschäft von seinem Vater übernommen: Das war 1979. Schrempf hatte zuvor Betriebswirtschaft studiert und suchte nach einem Job. Der Vater wollte sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen und Jörg Schrempf trat in seine Fußstapfen.

„Ich habe es immer gern gemacht“, sagt der 62-Jährige. Bis 2003 hatte die Bäckerei noch drei Einzelhandelsgeschäfte im Vaihinger Ortskern. Nach deren Verkauf konzentrierte man sich auf den Stammsitz an der Ackermannstraße. Doch auch das Gebäude ist nun bald Geschichte: An seiner Stelle soll ein Wohn- und Bürogebäude entstehen. Auf Schrempf wartet bis dahin aber noch jede Menge Arbeit. Schließlich muss das Haus geräumt und die Maschinen verkauft werden. Wehmut kommt da aber weniger auf: „Wenn man die Entscheidung getroffen hat, muss man sie auch durchziehen“, sieht er die Sache pragmatisch. Was er im Ruhestand genau machen wird, weiß er noch nicht: „Ich muss mich da erst einmal neu orientieren.“ Sicher ist schon jetzt, er will wieder mehr Zeit dem Golfen widmen. Schrempf wird in Vaihingen wohnen bleiben: „Mir gefällt es dort.“

Jörg Schrempf knipst das Licht aus. Ein letztes Mal wird die Backstube zum Leben erwachen. Dann wird auch der Back-Mercedes auf Wanderschaft gehen.

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