Seit 40 Jahren bietet das Stuttgarter Schriftstellerhaus Literaturschaffenden einen Ort. Dass es zugleich immer wieder mit rauschenden Lesefestivals in die Stadt hineinwirkt, ist ein Verdienst der scheidenden Leiterin Astrid Braun. Ein Besuch im Poetenwinkel.
Draußen führt gerade eine Stadtführerin aufgeputzt als schwäbische Hausfrau mit Reisigbesen und Eimer eine Handvoll Touristen vorbei, manche halten ihr Smartphone für ein Foto in die Luft. Amüsiert oder leicht genervt oder beides zugleich blickt Astrid Braun aus ihrem Büro im ersten Stock des Schriftstellerhauses auf das Treiben. Drinnen sieht es so aus, wie es eben aussieht, wo kreativ gearbeitet wird. Produktives Chaos, Manuskripte, Broschüren, Drucksachen aller Art. Und natürlich Bücher, Bücher, Bücher, die meisten von Autorinnen und Autoren, die diesem Haus viel zu verdanken haben.
Von hier aus hat die frühere Journalistin nicht nur immer wieder mit veranstalterischen Geistesblitzen das literarische Leben der Stadt erhellt, sondern zugleich dafür gesorgt, dass in das gemütlich-verwinkelte, leicht biedermeierlich anmutende Ambiente der belebende Geist junger, gerade entstehender Literatur einströmt. Knapp 19 Jahre lang hat Astrid Braun die Geschicke dieser in Deutschland nahezu einzigartigen Institution geleitet. In wenigen Tagen feiert der Poetenwinkel in der Kanalstraße sein vierzigjähriges Bestehen. Und wer weiß, ob es etwas zu feiern gäbe, wenn die herzliche, zugewandte Impresaria, die sich pünktlich zum Jubiläum in den Ruhestand verabschiedet, das Haus nicht mit viel Liebe und Engagement auch durch schwierigere Zeiten gesteuert hätte.
Als sie 2003 antrat, war der Fortbestand der Einrichtung alles andere als gesichert. Programme wurden damals noch per Fax verschickt. „Irgendwann stand ein Mac auf dem Schreibtisch, noch verpackt, niemand kannte sich damit aus – der Anfang war beinhart“, erzählt die scheidende Leiterin. Mittlerweile gibt es sogar ein Tonstudio, von dem aus das Schriftstellerhaus in den begegnungsfreien Coronatagen auf Sendung gegangen ist. Die Transformation vom Gestern ins Heute ist gelungen. „Du schreibst?“ ist auf einem der Flyer auf dem Schreibtisch zu lesen; das von dem Stuttgarter Autor Moritz Heger ins Leben gerufene Junge Schriftstellerhaus wendet sich an schreibbegeisterte junge Leute – und wird fleißig frequentiert.
In der Wohnung darüber residieren die, denen Schreiben zum Beruf geworden ist, bis zu vier Stipendiatinnen und Stipendiaten pro Jahr. Der Blick vom Schlafzimmer in eine ruhige Hinterhofidylle täuscht. Gerade ist der Rapper und Lyriker John Sauter zu Gast: Die gegenüberliegende Bäckerei beginne nachts gegen eins mit der Arbeit, im Sommer bei offenen Fenstern, aus denen Pop der Achtziger- und Neunzigerjahre schalle – nicht seine Musikrichtung. Der Rumor rund um die Öfen hat Einzug in manche der hier entstehenden Arbeiten gefunden. Ähnliches gilt für die gegenüberliegende Zahnarztpraxis oder die Belegschaft eines Friseurs, die sich bei schönem Wetter direkt unter den Fenstern von den Mühen der Haararbeit ausruht. Die Lyrikerin Odile Kennel hat sie in einem Gedicht verewigt. Es trägt den Titel „Der Hof der tatschenden Frisöre“ und beginnt so: "Immer träume ich von blauen / Kletterschuhen und einem Hof / voller Frisöre. Die Frisöre / rauchen, es sind viele, keine Ahnung, / wovon sie reden.“
Freundschaften fürs Leben
Wer weiß, wozu Kletterschuhe nützlich sind. Neulich wäre Astrid Braun beinahe die steile Treppe, die zu ihrem Arbeitsplatz führt, herabgestürzt, statt ihrer flogen glücklicherweise nur die Kaffeetassen durch die Luft, vorbei an den Reliefs lokaler Hausheiliger, die die Bildhauerin Eva Zippel dort verewigt hat. Einer von ihnen ist der Lyriker Johannes Poethen. Er war einer der Initiatoren des Schriftstellerhauses und überzeugte die damaligen Stadtoberen, das schmucke Gebäude aus dem 17. Jahrhundert statt dem Abriss einer neuen Verwendung zuzuführen. 1983 öffnete der von dem mit Poethen befreundeten Architekt Johannes Wetzel sanierte schmale Bau seine Pforte, ein Haus von Autoren für Autoren – damals wurde noch nicht gegendert –, getragen von dem Verein Stuttgarter Schriftstellerhaus, finanziert von Stadt und Land sowie Einnahmen aus Veranstaltungen, Spenden und Projektmitteln.
Vermutlich hätte das nicht gereicht, wenn die Chefin dem Haus nicht vieles geschenkt hätte, was sich nicht beziffern lässt. „Man musste immer schauen, dass es läuft, von Hausmeisteraufgaben bis zum Entwickeln großer Projekte hatte ich alles an der Backe“. Kaputte Elektrik, defekte Heizungen – vielleicht ist gerade diese sympathische Fähigkeit, zwischen irdischen Belangen und intellektuellen Höhenflügen zu vermitteln, der Grund, dass sich Stipendiatinnen und Stipendiaten hier so zu Hause gefühlt haben, dass dabei Freundschaften entstanden sind, die Astrid Braun auch in ihrem bald beginnenden neuen Leben begleiten werden. Meine Stuttgarter Mama nennt sie die österreichische Autorin Angela Lehner. Und als ihr Sohn vor Kurzem in Italien geheiratet hat, hielt der Autor und Schauspieler Steffen Schroeder, der zu Jahresbeginn im Schriftstellerhaus an einem neuen Roman gearbeitet hat, die Trauzeremonie.
Fünf Wasserschäden musste sie bewältigen. Es könnte den Mut erklären, eine Stadt, die ihren einzigen nennenswerten Wasserlauf unter die Erde verlegt hat, für ein Buch begeistern zu wollen, das von einem verheerenden winterlichen Hochwasser in Holland handelt. Astrid Braun brachte ihn auf: Mit Margrit de Moors Roman „Sturmflut“ begann der im Zweijahresrhythmus stattfindende Veranstaltungsreigen „Stuttgart liest ein Buch“. Der Erfolg gab ihr gegen alle Skeptiker recht. Es folgte Judith Schalansky mit dem „Hals der Giraffe“ – wie ein Reflex auf die naturkundlichen Offenbarungen jener Tage wirkt das Muster von Astrid Brauns Kleid, Animal Print. Zuletzt war Arno Geiger mit seinem Roman „Unter der Drachenwand“ für eine Woche Wahl-Stuttgarter. In einem Brief dankte er später mit den Worten: „Du kannst sehr stolz sein auf das, was du auf die Beine gestellt hast. Es gibt im deutschsprachigen Raum nichts vergleichbar Gutes.“
Im nächsten Jahr ist es wieder soweit, aber dann hat Astrid Braun das unvergleichbar Gute schon wohlbestellt in die Hände ihrer Nachfolgerin Janina Hecht gelegt. Doch nun wird erst einmal gefeiert.
40 Jahre Schriftstellerhaus
Festakt
Die Jubiläumsfeier, bei der zugleich Astrid Braun in den Ruhestand verabschiedet wird, findet am 18. September um 19.30 Uhr im Hospitalhof Stuttgart statt. Der Lyriker Yevgeniy Breyger hält die Festrede, das literarische Programm bestreiten unter anderem Walle Sayer, Susanne Stephan, Steffen Schroeder, Moritz Heger, Selina Böttcher und Felicitas Kaiser. Die Saxofonistin Nikola Lutz und der Kontrabassist César Bernal intervenieren musikalisch.
Tag der offenen Tür
Am 19. September lädt das Schriftstellerhaus von 16.30 bis 20 Uhr zu einem Tag der offenen Tür mit ehemaligen Stipendiatinnen und Stipendiaten.