Das Fahrrad verliert sich im Verkehrsdschungel der Städte im Neckartal. Mit den Radschnellwegen soll das anders werden – auch zwischen Plochingen und Stuttgart. Foto: Rudel

Der Verkehrsminister hat zehn Kilometer Radschnellweg unterschlagen. Entgegen seinen Verlautbarungen von Winfried Hermann (Grüne) wird die Neckartal-Autobahn für Radler nicht nur bis Esslingen, sondern bis Plochingen geplant.

Plochingen - Gute Nachricht für Radfahrer: Die verloren gegangenen zehn Kilometer sind wieder aufgetaucht. „Da ist etwas in der Kommunikation schiefgelaufen“, sagt Andreas Schwarz, der Abgeordnete im Wahlkreis Kirchheimer und Fraktionschef der Grünen im Landtag. Der in Verantwortung des Landes geplante Radschnellweg im Neckartal geht von Stuttgart bis Plochingen und nicht, wie fälschlicherweise bekannt gegeben, nur bis Esslingen.

„Das ist auch sinnvoll, weil dort die Pendlerströme aus dem Filstal und die aus dem Raum Kirchheim/Wendlingen gebündelt werden können“, sagt Schwarz, der selbst ein überzeugter Radfahrer ist. Je nach Trassenführung würde der Schnellweg, der künftig Umsteiger aus dem Dauerstau der parallel verlaufenden Bundesstraße 10 in den Fahrradsattel verhelfen soll, nicht zehn, sondern rund 20 Kilometer lang. Ein Radfahrer, der nicht durch Überwege und Ampeln ausgebremst wird, dürfte auf dem Schnellweg in einer Dreiviertelstunde vom Neckarknie ins Stuttgarter Zentrum radeln.

Land fördert die Schnellwege mit sechs Millionen Euro

„Das Land stellt im Doppelhaushalt 2018/2019 insgesamt sechs Millionen Euro für die Förderung von Radschnellwegen zur Verfügung“, sagt Andreas Schwarz unter Verweis auf die jüngste Sitzung der Haushaltsstrukturkommision der baden-württembergischen Landesregierung, in der neben ihm der Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), dessen Stellvertreter Thomas Strobl (CDU) und der CDU-Fraktionschef im Landtag, Wolfgang Reinhart, vertreten sind. „Die Ampel steht jetzt auf Grün“, sagt Schwarz.

Auslöser für die Irritationen war eine Ankündigung des Verkehrsministers Winfried Hermann, wonach das Land Baden-Württemberg bei der Planung und beim Bau von drei Radschnellwegen selbst als Bauherr auftreten wolle. Im Rahmen dieses von Hermann als „Leuchtturmprojekt“ bezeichneten Pakets solle unter anderem eine kreuzungsfreie, schnelle Verbindung zwischen Esslingen und Stuttgart verwirklicht werden. Mit der Planung, dem Bau und dem späteren Unterhalt aus einer Hand wolle das Land die Zuständigkeit, die sich sonst Land, Bund und die anliegenden Städten und Gemeinden teilten, vereinheitlichen. Für die Kommune bedeute das Engagement des Landes eine finanzielle Entlastung, denn je Kilometer Radschnellweg entstehen Kosten, die laut Hermann zwischen 500 000 und einer Millionen Euro liegen können.

Straßenbauer fordert gesellschaftliche Debatte

Thorsten König hat die irreführende Verlautbarung aus dem Verkehrsministerium nicht aus dem Tritt gebracht. „Wir werden eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben, die den gesamten Abschnitt zwischen der Kreisgrenze bei Reichenbach und Stuttgart ins Auge nimmt“, sagt der Leiter des Straßenbauamts, das für die Kreise Esslingen und Göppingen zuständig ist. König, der täglich auf den Zuwendungsbescheid aus dem Regierungspräsidium Stuttgart wartet, geht davon aus, dass das beauftragte Ingenieurbüro ein Jahr benötigt, um den Trassenverlauf, die Art der Querungen von Hauptverkehrsstraßen und mögliche Anknüpfungspunkte zu definieren. Der von König als zweiten Schritt bezeichnete Klärung der Baulastträgerschaft hat sich mit der Klarstellung Schwarz’ erledigt. Ungeachtet der Ankündigung des Landes hat der Kreis Esslingen für die Machbarkeitsstudie vorerst 90 000 Euro im Kreishaushalt eingestellt.

Nach Einschätzung von Thorsten König geht es beim Thema Radschnellweg um viel mehr als nur ums Geld. „Ein Radschnellweg eröffnet eine ganz neue Dimension in der Mobilitätsdebatte“, sagt der Verkehrsexperte. So eine Schnellverbindung sei wie eine Autobahn, nur für Radfahrer. Und sie ist nach Einschätzung Königs alternativlos. .„Wir werden um die Stärkung alternativer Fortbewegungsmittel nicht herum kommen, wenn wir die Verkehrsbelastung auf unseren Straßen verringern wollen“, sagt er. Baden-Württemberg stehe da noch ganz am Anfang der Diskussion.

Nach Ansicht des obersten Straßenbauers im Kreis wird man vor allem in der vom Verkehrsinfarkt bedrohten Region Stuttgart nicht um eine breite gesellschaftliche Diskussion herumkommen. „Da geht es auch mal darum, eine Straße komplett für Radler freizugeben. Und es muss auch möglich sein, über einen neuen Radsteg über den Neckar zu diskutieren“, sagt König.

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