Wie schnell sich Entzücken in Ekel wandeln kann und wo sie Nagetiere gerne sieht, darüber schreibt unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn dieses Mal.
Stuttgart - Schau mal, die ganzen Eichhörnchen! Wie die da an dem Mülleimer rumturnen!“ Ein lauer Abend am Isebekkanal, Ecke U-Bahn Hoheluftbrücke, mitten in Hamburg. Frittendunst vom nahen McDonald’s, rosigviolettes Sonnenuntergangslicht auf dem Wasser, Spaziergänger Arm in Arm, viele mit einem Eis auf der Waffel. Spätsommer 1995 in der Stadt. Mein Begleiter lachte und sagte trocken: „Ich glaub, du brauchst ne neue Brille.“ Erst als ich genauer hinschaute, diesmal mit zusammengekniffenen Augen, erkannte ich, dass es sich bei den langschwänzigen, elegant auf dem Rand des städtischen Abfallbehälters balancierenden, Lebensmittelreste zwischen den Pfoten vor der Brust haltenden, emsig nagenden Geschöpfen um Ratten handelte. Mein Entzücken wandelte sich in Ekel. Damals verbrachte ich täglich viele Stunden im fensterlosen Mikrofiche-Leseraum der Staatsbibliothek, um auf einem schlecht beleuchteten Bildschirm Handschriften aus dem 15. Jahrhundert zu entziffern. Dieses Augenpulver hatte kapitale Kanalratten in possierliche Baumbewohner verwandelt.
Wo die Nagetiere Helden sein dürfen
Auch in Stuttgart hausen Hunderttausende der Gattung Rattus norwegicus. Sie leben gut von dem, was wir verschwenden. Kulturfolger seit dem Altertum, Träger schrecklicher Krankheiten, aber faszinierend und klug. Nicht umsonst stehen sie im chinesischen Tierkreis an erster Stelle. Kinderwünsche nach einem tierischen Mitbewohner mit kahlem Schwanz und Knopfaugen habe ich stets abgelehnt. Doch in der Literatur begegne ich ihnen gerne. Dort dürfen sie Helden sein, wie in Robert C. O’Briens „Frau Frisby und die Ratten von NIMH“, in Kenneth Grahams Klassiker „Der Wind in den Weiden“ oder Clemens Brentanos „Rheinmärchen“.
Meine jüngste Entdeckung in diesem Kosmos ist das Werk zweier Schriftstellerinnen, Mutter und Tochter. Die Mutter gehört zu den wichtigsten Autorinnen der Romantik: Bettina Brentano, verheiratete von Arnim. Mit ihrer Tochter Gisela, dem jüngsten ihrer sieben Kinder, schrieb sie die Erzählung „Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns “. Eigentlich ein Märchen, kommt dieser Kurzroman verspielt und frech daher, mit wilden, bärentötenden Prinzessinnen, einer aus dem Kloster geflohenen Mädchenbande, sprechenden Tieren, besonders Ratten, und viel Seemannsgarn.
Wo Kinder und Tiere friedlich zusammenleben
Die beiden von Arnims schildern parodistisch das Leben des oft bitterarmen Adels - auf der maroden Grafenburg gibt es nur Hirsebrei und nicht einmal Möbel. Gritta, die junge Heldin, flieht aus dem Kloster, wo sie von trunksüchtigen alten Nonnen misshandelt wird. Bemerkenswert sind die zahlreichen Seitenhiebe gegen einen menschenverachtenden Katholizismus und die genauen Beschreibungen von Kindern und Tieren. Diesen Schwächsten der Schwachen gönnen die Autorinnen zum Schluss die Gründung eines weltlichen Klosters nach Art einer Kommune.