Die Verdichterstation im brandenburgischen Mallnow nahe der deutsch-polnischen Grenze übernimmt vorwiegend russisches Erdgas. Von hier aus strömt russisches Gas in das deutsche Erdgasnetz. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild

Längst ist klar, dass Gas extrem knapp wird. Dennoch lässt Deutschland wertvolle Zeit verstreichen, meint unser Kommentator Klaus Köster.

Lange hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die Entscheidung hinausgezögert, nun ist sie da: In Deutschland wird die zweite Stufe des Notfallplans Gas ausgerufen. Schließlich hat Russlands Präsident Wladimir Putin nun auch Deutschland die Gaslieferungen drastisch gekürzt. Fast muss man froh sein, dass er bereits jetzt am Gashahn dreht und nicht erst im Winter, wenn zum Gegensteuern alles zu spät sein wird.

 

„Jede Kilowattstunde zählt“, erklärt Habeck unermüdlich. Genau deshalb müsste seit Monaten das wichtigste Ziel neben dem Energiesparen darin bestehen, so wenig Gas wie möglich zur Stromerzeugung zu verfeuern, um die Speicher vollzubekommen. Denn anders als eine Erdgasheizung lassen sich Teile der Stromerzeugung relativ einfach auf Öl und Kohle umstellen - und auch auf die zu Recht verpönte, in dieser Zwangslage aber nützliche Atomkraft.

In der Industrie droht ein Dominoeffekt

Doch in den sozialen Medien wird dieser Zusammenhang teilweise bis zur Unkenntlichkeit verzerrt: „Ich habe eine Erdgasheizung, was soll ich da mit eurem Atomstrom anfangen, ihr Intelligenzallergiker“, heißt es da. Tatsächlich aber würde eine Verlängerung der Atom-Laufzeiten dazu führen, dass knappes Gas nicht zur Stromproduktion verfeuert werden muss, sondern gespeichert und im Winter zum Heizen verwendet werden kann. Es ist nicht nur fürs Heizen in Millionen Wohnungen, sondern auch für viele Produktionsprozesse unersetzbar. Geraten Grundstoffbranchen wie Chemie und Stahl ins Wanken, droht ein Dominoeffekt den industriellen Kern der deutschen Wirtschaft lahmzulegen. Man schaue in einen „konjunkturellen Abgrund“, sagt Landesbank-Experte Elmar Völker.

Dass die Gasspeicher heute stärker befüllt sind als im vergangenen Jahr, ist nur ein schwacher Trost. Schließlich konnte man bei den Gaslieferungen bisher aus dem Vollen schöpfen. Doch die Regierung ließ diese Chance verstreichen. Im Mai erzeugte Deutschland so viel Strom wie nie aus Erdgas, ermittelte Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme. „Eigentlich sollte man bei der aktuellen Gasknappheit das Gegenteil erwarten.“

Atomausstieg vergrößert Lücke weiter

Der Unwille, Deutschlands Grundversorgung abzusichern, liegt auch darin begründet, dass die Alternativen zum Gas für Habeck wenig attraktiv sind. Die Verfeuerung von Kohle belastet das Klima, und der Widerstand gegen die klimaschonende Atomkraft gehört zum Gründungsmythos der Grünen. Während Berlin sich nun quälend langsam zu mehr Kohlestrom durchringt, meint man weiter, mitten im nächsten Winter die letzten drei Atommeiler abschalten und so die Energielücke noch vergrößern zu können. Dabei produzieren allein die noch laufenden Meiler so viel Strom wie mehrere Tausend Windräder im Binnenland, von denen der Südwesten im vergangenen Jahr gerade mal 27 neu in Betrieb genommen hat.

Natürlich ist die Atomkraft alles andere als nachhaltig. Sie verursacht Müll, der eine Million Jahre lang sicher gelagert werden muss. Kommen drei weitere Jahre hinzu, wird dies das gewaltige Problem der Endlagerung nicht weiter vergrößern, dem Risiko eines höchst gefährlichen Energie-Engpasses aber entgegenwirken.

Der Widerwille, das Nötige zu tun

Sollte Deutschland wirklich die Energie ausgehen, liegt das zwar an Russland, nicht an Habeck. Das Ausmaß der Lücke aber wird viel mit dem Widerwillen der Regierung zu tun haben, heute das erkennbar Nötige zu tun. Der Weckruf aus Moskau hat sie nun aufgeschreckt. Sollten wirklich Wohnungen kalt bleiben, frieren die Menschen nicht nur für den Frieden, sondern auch für die dogmatische Sturheit, mit der Berlin selbst in dieser Extremsituation den über zehn Jahre alten Zeitplan zum Atomausstieg durchpeitscht.