Martin Walsers neuer Roman „Das dreizehnte Kapitel“ ist eine Parabel über das Unmögliche – und also eine Hommage an die Liebe.

Wie kann man Martin Walser lesen und ihn nicht hören? Unmöglich ist das fast geworden. Immer eindringlicher sind ja in den vergangenen Jahren die Abende mit dem Schriftsteller geworden. Und könnte es nicht auch so sein, dass sich dieser Autor, dass sich Walser schreibend zuhört – und genießt?

Ein Mann steht im Wasser, die lange Hose hochgekrempelt bis unter die Knie, das Schilf verrät den See, seinen See. Und so blickt dieser Mann auch – ein wenig spöttisch fast über all diesen selbstverständlichen Besitzanspruch. Martin Walser mit den Füßen im Bodensee, der Blick auf nur Ahnbares gerichtet – ein Foto, das zum Sinnbild dieses schreibenden Beobachters geworden ist. Es ist ein Bild wie Walsers Ton – klar, voll, dabei hintersinnig analytisch und gerade deshalb mit einer Botschaft, die sich ein Souverän leisten kann. Spott, der wirkt, entsteht aus Distanz.

Hommage an die Liebe

Was aber, wenn die Wirklichkeit das Gesetz der Distanz (an dessen Skizzierung einst die Schriftstellerin Unica Zürn zerbrach) aufhebt, wenn gar aus Distanz letztlich unbeschreibliche und vielleicht gar unaushaltbare Nähe entsteht? Dies ist das Thema des neuen Romans von Martin Walser. Wobei, man muss vorsichtig sein. Ist es wirklich das Thema? Oder schreibt Walser nicht seine Hommage an die Liebe gerade auch in deren Verunmöglichung und Unmöglichkeit wieder und wieder fort, weil er nur so zu kostbaren Wort-, Satz- und Bildmomenten kommt? „Iris ging an ein freies Tischchen, ich folgte. Ich prostete ihr zu. Dann sagte ich: Lauter unbekannte Prominenz. Und sie: Wie wir.“ Eine Paarstudie, eine Milieustudie, eine Gesellschaftsstudie auf drei Zeilen. Das aber war nur der Anlauf (wie Walser überhaupt den Anlauf perfektioniert hat – über 10, 20, 40, bis zu 80 Seiten).

Im donnernden Walserton und mit allem Spott geht es weiter, den Bildausschnitt erweiternd, das Bild verengend: „Und schon landete ein Paar an unserem Tischchen. Er hatte ein Schildchen am Revers. Unlesbar. Freundliches Nicken. Gläserheben. Er sagte: Wir kennen hier keinen. Das war ein Angebot.“ Natürlich, der Mann, der an diesem Abend ein Taxi vor Schloss Bellevue halten ließ (wie sein Gegenüber), wird das Angebot nicht annehmen.

Walser führt ihn als erfolgreichen Schriftsteller und bekennenden „Zudringlichkeitsverfasser“ ein. Sein Name: Basil Schlupp. Der mit diesem einen Buch, das jeder kennt, das man kennt, weil doch eine ganze Republik damit aufgewachsen ist, irgendwie und seinerzeit. „Strandhafer“ – natürlich, und Walser lässt den Verlag diesen erfundenen Titel so distanziert, so absurd, so abgeschmackt und doch so ungemein wichtig wie möglich setzen. Kursiv. Man stolpert nicht darüber, man fällt darüber.

Ein Auftritt als Einladung – und Basil Schlupp nimmt an

Im Schloss Bellevue ist Basil Schlupp, weil der Bundespräsident eingeladen hat. Auch ihn, ihn besonders. Platziert am Tisch der Bundespräsidentengattin. Dort sieht er die Theologieprofessorin Maja Schneilin, 15, „vielleicht 16“ Personen sitzen um den Tisch, aber nun sind sie, Schlupp und Schneilin, ganz alleine. Und was heißt sehen, Schlupp hört die Professorin. „Sie lachte lauter als jeder und jede andere am Tisch.“ Jedoch, und das interessiert Schlupp: „Aber sie lachte nie lang. Zum Glück.“ Und dann: „Es war ein Auflachen und Schluss.“

Das ist es. Das ist sie. Die Frau sowieso, aber mehr noch diese Entschiedenheit, mit diesem Sinn für das Spiel, das ihren Mann, einen Hirnforscher, glänzen lässt, um sich doch gänzlich auf anderes, auf einen anderen zu konzentrieren. Ein Auftritt als Einladung – und Basil Schlupp nimmt an.

Mit seinen Mitteln. Mit dem Wort, mit einem Brief. Jetzt ist Walser warm – und seine Protagonisten können nicht mehr aus der Falle der Begegnung, die keine ist, keine werden wird, vielleicht aber gerade deshalb unausweichlich ist. Er wagt es, erhält Antwort. Natürlich, denn unter den 15 oder 16 waren da ja nur zwei an diesem Abend im Schloss Bellevue. Walser zündet ein Feuerwerk der Gedanken, beide, Schlupp und Schneilin, zitieren und diskutieren die Schriften des protestantischen Theologen Karl Barth derart intensiv, dass man in Versuchung kommt zu glauben, was jeweils vorgetragen wird. Im gleichen Moment aber hört man Walser lesen, hört ihn Walser lesen, und dies mit eigenem Genuss: „Es war immer unmöglich“.

Die Liebe geht tiefer, dieses Mal

Iris weiß das. Das ist das Zerstörerische, das ist das Verbindende. „Wir sind, was das Verständnis angeht, auf einem guten Weg.“ Was für ein Satz, was für eine Vernichtung, was für eine Hoffnung doch. Und Maja? Sie verschwindet.

Natürlich verschwindet sie – um sich aus nordamerikanischen Wäldern noch einmal zu melden. Maja, die Heldin. Maja, die vorbehaltlos „Ja“ sagt, als ihr Mann sie fragt, ob sie bei ihm bleibt. Da ist Martin Walser längst schon hinweg über die Schnörkel der ersten Briefe, die Windungen einer Liebe, die alles hinter sich lassen will, obwohl sie doch weiß, dass nichts vor ihr liegt. Diese Briefe müssen geschrieben werden, so wie Maja verschwinden muss, so wie Basil Schlupp die Theologin suchen muss, so wie am Ende nur Asche bleibt und doch so viel mehr, als es sich der Schriftsteller bei seinem Betreten von Schloss Bellevue hätte träumen lassen.

„Ein Auflachen und Schluss“ – das ist es, das bleibt es. Verdammte Klarheit. Und Iris? „Die Glut, sie atmet wie ein Tier, sagt sie.“ Walser, liest man schon vor dem offiziellen Erscheinen von „Das dreizehnte Kapitel“ nun hier und da, brilliere mit der ihm eigenen Leichtigkeit. Allein – das haben seine Protagonisten nicht verdient. Die Liebe geht tiefer, dieses Mal, und das Leben antwortet mit kalter Hand. Nein, dieser Autor, dieser Martin Walser lehnt sich nicht zurück, er kämpft. Was für ein Geschenk, dass er auch darüber noch lachen kann.

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