Das Bärenschlössle Die Mär vom Bär

Von Barbara Czimmer-Gauss 

Hartnäckig rankt sich eine Geschichte um das Bärenschlössle. Es soll dort einen Bärenzwinger gegeben haben, heißt es. Ob im Keller oder im Gartengeschoss, lassen die Kolporteure offen. Wo also beginnen wir mit der Suche nach der Wahrheit?

Stuttgart - Hartnäckig rankt sich eine Geschichte um das Bärenschlössle. Es soll dort einen Bärenzwinger gegeben haben, heißt es. Ob im Keller oder im Gartengeschoss, lassen die Kolporteure offen. Wo also beginnen wir mit der Suche nach der Wahrheit?

Fangen wir mit Herzog Carl Eugen von Württemberg an. Der, für ausschweifenden Lebenswandel berüchtigt, hat das Schloss Solitude in den Jahren 1763 bis 1767 bauen lassen – und war damit einer seiner großen Leidenschaften näher: der Jagd. Unter seiner Herrschaft „wurde der Glemswald zum Schauplatz repräsentativer Jagdveranstaltungen, die Schaulust und Eitelkeit befriedigten“, schreibt Gary Duszynski in „Waldleben. Im Stuttgarter Wald zwischen Solitude und Bärensee“.

Damit den Jagdgästen was vor die Flinte kam, trieben Bauern auf Geheiß Wild zusammen. Jede Jagd, so der Stuttgarter Historiker Wolfgang Kress, glich einem „pompösen Hoffest“. 1768 ließ Carl Eugen vom Architekten Reinhard Ferdinand H. Fischer am Bärensee einen zweigeschossigen Pavillon aus Stein im altrömischen Stil bauen, damit die höfische Gesellschaft nicht im ­Regen stehen musste.

Mit opulenten Festen am See wollte der Kleinfürst sich großtun. Aus Venedig ließ er zwei Gondoliere kommen und mehrere Gondeln bauen, auf denen er, beseelt, über den Bärensee dahinglitt.

Als der russische Großfürst und spätere Zar Paul im Jahr 1782 zu Besuch war, mussten die Bauern rund 6000 Stück Hirsche zusammentreiben. Am Höhepunkt der Lustbarkeit jagte man die Tiere „die Terrassen am Bärenschlössle hinunter, durch den Bärensee hindurch und hinüber zur Hirschwiese“, so Wolfgang Kress. „Schwimmend, stoßend, kletternd, sich überstürzend suchte das gehetzte Wild das andere Ufer zu erklimmen, da aber starrten ihm die Gewehrläufe der Jäger entgegen. Die Jagd wurde zur Massenschlächterei“, zitieren Sybille und Ulrich Weitz aus zeitgenössischen Quellen für das im Silberburg-Verlag erschienene Buch „Stuttgart zu Fuß“.

Einem derart dekadenten Spross wäre ­zuzutrauen gewesen, dass er auch mal einen Bär vor die Flinte bekommen wollte. Also müsste es einen Zwinger gegeben haben – und einen Nachweis dafür in den Archivalien des Staatsarchivs Ludwigsburg.

Die Königliche Bau- und Gartendirektion hat im 19. Jahrhundert etliche Briefe, Bekanntmachungen und Rechnungen an die „Königliche Majestät“ geschickt nach der „Visitation der herrschaftlichen Gebäude zu Hohenheim, Solitude und auf dem Bärensee“. Darin wird „unterthänigst“ angezeigt, dass man Maurer- und Zimmermannsarbeiten erledigt habe. Allerdings nicht, um einen Zwinger zu sanieren. Vielmehr geht es in den in Sütterlin und mit Tinte verfassten Briefbögen um „verfaulte Balken und feuchte Wände im Souterrain“ des Bärenschlössles. Von einem Zwinger keine Rede.

Außerdem war der für Carl Eugen gebaute Pavillon unten offen und nicht unterkellert. Erst „1817 ließ König Wilhelm I. von Württemberg ihn abreißen und einen größeren, achteckigen Jagdpavillon aus Freudental (bei Besigheim) heranschaffen“, schreibt der Historiker Kress. Der König hatte Interesse an einem Tierpark, den er dort einrichtete, nicht an einer Kuriositätenschau mit Bär.

Die Bärenpopulation zu Carl Eugens Zeit macht die Legende nicht wahrscheinlicher. Laut World Wildlife Fund verschwand der Braunbär in Württemberg, Hannover und Westfalen bereits im 16. Jahrhundert, in Hessen im 17. Jahrhundert, in Mecklenburg, Sachsen, Thüringen und Oberfranken im 18. Jahrhundert. Wäre es Carl Eugens Hofdienern überhaupt möglich gewesen, ein solches Tier zu besorgen und heranzuschaffen? Eher nicht.

Müssen wir den Bärenzwinger vielleicht an ganz anderer Stelle suchen? Roland Müller, der leitende Stadtarchivdirektor, gibt den entscheidenden Hinweis: Am Nordufer des Pfaffensees findet sich eine runde gemauerte Grube. Von der erzähle man sich landläufig, es sei ein „Bärenzwinger“ gewesen. Tatsächlich aber ist sie nichts anderes als eine Wasserfassung und der Zugang zum Christophstollen. Den hatte Herzog Christoph 1566 anlegen lassen, um damit den Nesenbach mit Wasser aus dem künstlich aufgestauten Pfaffensee zu versorgen.

Roland Müller kommt zu dem Schluss: „Die Ihnen zugetragene Variante vom Zwinger im Bärenschlössle ist eine der bei solchen Wandersagen üblichen Ableitungen. Stadtgeschichten sind allerorten voll von solchen Mythen und Wandersagen.“

Ja, man hätte früher auf die Wahrheit kommen können. Schließlich hatte ein Autor unserer Zeitung am 15. Januar 1955 die Funktion des Wasserbauwerks erklärt und die Leser gewarnt: „Falls Ihnen mal jemand draußen beim Pfaffensee einen Bären aufbinden will, erzählen Sie ihm diese Geschichte.“

Offen bleibt die Frage, warum der Bernhardsbach, der gemeinsam mit der Glems die Seen speist, an etlichen Stellen Bärenbach genannt wird. Ist er ein Opfer der Lautverschiebung von Bären über Bärn zu Bern? Ein Beleg dafür ließ sich bisher nicht finden. Er harrt noch seiner Entdeckung.

Wasser, Wildtiere und Weinschorle

Zur Wasserversorgung Stuttgarts ist der Rotwildpark 1566 erstmals von Herzog Johann Friedrich genutzt worden. Er ließ die Glems zum Pfaffensee aufstauen und Wasser über den rund 873 Meter langen Chris­tophstollen über die Heslacher Wasserfälle in den Nesenbach leiten. Als auch dies nicht mehr ausreichend Wasser ins Tal brachte, „ließ Herzog Johann Friderich 1618 den Bärensee anlegen, der sein Wasser aus dem Bärenbach (dem Bernhardsbach, Anmerkung der Redaktion) empfing und es an den Pfaffensee abgab“, schreibt Karl Pfaff in der „Geschichte der Stadt Stuttgart“. 1833 wurde zudem der Neue See angelegt. Bis heute fließt ihr Wasser durch den Stollen über die Heslacher Wasserfälle hinunter ins Tal. Die Energieversorgung Baden-Württemberg ist Betreiber der Seen.

Das Jagdschlösschen Carl Eugens, das Bärenschlösschen, ließ König Wilhelm I. 1817 abreißen und durch einen großen Jagdpavillon ersetzen, der ursprünglich in Freudental bei Besigheim gestanden hatte. 1943 fiel eine Brandbombe auf den Pavillon, 1994 wurde das wieder aufgebaute Jagdschlösschen durch Brandstiftung zerstört. Seit 1995 existiert das Schlössle in heutiger Form.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts stehen vorm Schlössle als Symbol zwei Bären. Die ersten waren aus Zink gegossen und nach 100 Jahren fast vollständig zerstört, als die Stuttgarter Bildhauerin Lilli Kerzinger-Werth 1960 den Auftrag bekam, die Bären zu ersetzen. Sie wurden in Stuttgarts ältester Bronzegießerei Wilhelm Wölfle gegossen und sind, ohne Sockel, insgesamt 600 Kilogramm schwer. Seit 1964 stehen die spiegelbildlich gestalteten Bären vorm Schlössle, und ihre blank geputzten Ohren zeugen davon, wie beliebt sie als Reittiere für kleine und gelegentlich auch große Besucher sind.

Das Bärenschlössle wurde vom Land an den Verein der Brauereien von Stuttgart verpachtet. 1964 übernahm die Mutter des heutigen Pächters, Jürgen Unmüßig, die Gastronomie, sein Großvater war lange Jahre Revierförster in den angrenzenden Wäldern. (czi)

 

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