Daimler, VW und Co. Diesel-Krise trifft die Autohändler hart

Von Harry Pretzlaff 

ZDK-Präsident Karpinski wirbt mit Plaketten für den Diesel Foto: Lichtgut/Piechowski (2), StZ
ZDK-Präsident Karpinski wirbt mit Plaketten für den Diesel Foto: Lichtgut/Piechowski (2), StZ

Das deutsche Kraftfahrzeuggewerbe geht auf Konfrontationskurs zu den Autoherstellern und fordert eine Hardware-Nachrüstung der Abgasreinigung von Dieselautos. Damit soll der Preisverfall gestoppt werden.

Stuttgart - Die Stimmung im deutschen Kraftfahrzeuggewerbe ist derzeit deutlich schlechter als vor einem Jahr. Dies zeigt eine Umfrage, die der Branchenverbands ZDK am Donnerstag vor seiner Mitgliederversammlung in Stuttgart präsentierte. Ein Fünftel der befragten Betriebe bewertet die aktuelle Lage als schlecht – doppelt so viele wie vor einem Jahr. Nur das Werkstattgeschäft wird als gut eingeschätzt – im Neu- und Gebrauchtwagenverkauf sieht es dagegen wegen der Dieselkrise düster aus und eine Wende ist derzeit nicht in Sicht.

„Die Lage im Automobilhandel spitzt sich weiter zu, sie ist zum Teil existenzbedrohend“, sagte ZDK-Präsident Jürgen Karpinski. Dies gelte vor allem für Betriebe, die in nächster Zeit mit zahlreichen Leasing-Rückläufern konfrontiert werden. In den kommenden Monaten laufen viele Leasing-Verträge aus, die vor Bekanntwerden des VW-Abgasskandals abgeschlossen wurden. Die einst für die Rücknahme vereinbarten Restwerte können heute beim Weiterverkauf jedoch nicht mehr erzielt werden. Die Diskussion über Fahrverbote hat nämlich dazu geführt, dass Dieselautos heute viel länger als früher – nämlich im Schnitt 100 Tage – auf den Höfen der Händler stehen und nur mit hohen Rabatten weiterverkauft werden können. Eine Blitzumfrage des Verbands habe ergeben, dass Euro-5-Diesel heute nur mit Preisabschlägen zwischen zehn und 50 Prozent verkauft werden könnten.

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Der Verband hat eine Modellrechnung erstellt, wonach branchenweit allein von Mai bis August dieses Jahres Verluste in Höhe von 330 Millionen Euro drohen könnten. Auch der Verkauf moderner Euro-6-Diesel läuft nach Angaben des Verbands nicht so richtig, so Karpinski, weil unklar sei, wie es mit den Fahrverboten weitergehe.

Das Kraftfahrzeuggewerbe fordert den Schutz vor Fahrverboten

Um vor allem die Euro-5-Diesel im Wert zu stabilisieren, fordert der Verband schon seit gut einem Jahr eine Nachrüstung der Hardware von Dieselautos und geht damit auf Konfrontationskurs zu den Herstellern. Autobauer wie Daimler haben vorgerechnet, dass eine solche Nachrüstung viel zu lange dauern würde, weil die neuen technischen Lösungen entwickelt, umfangreich getestet und dann vom Kraftfahrtbundesamt genehmigt werden müssten. Die Autobauer kalkulieren dafür mit bis zu zwei Jahren – zu lange, um rasch die Luft zu verbessern und Fahrverbote zu verhindern. Die Hersteller bevorzugen deshalb Software-Updates, die schneller wirken sollen. Allerdings zeigt sich in der Praxis, dass die Software-Updates auch nicht so recht vorankommen.

Das Kraftfahrzeuggewerbe überzeugt diese Argumentation gegen eine Hardware-Nachrüstung jedoch nicht. Die Händler und Werkstattbetreiber meinen, dass die Hersteller die erforderliche Technik schon in der Schublade haben. Dass eine Hardware-Nachrüstung funktioniere, so Karpinski, hätten Tests der Zulieferer und des ADAC bewiesen. Der Verband fordert, dass Autobesitzer, die ihr älteres Fahrzeug nachrüsten und den Stickoxidausstoß damit senken, eine staatliche Garantie erhalten, dass sie von Fahrverboten verschont bleiben. Dann könne der Wertverfall der Wagen gestoppt werden, meint Karpinski. „Und so würden Dieselbesitzer, gewerbliche Flottenbetreiber und vor allem die geballt betroffenen kleinen und mittelständischen Autohäuser aus einer ansonsten fast ausweglosen Situation befreit“, so der ZDK-Präsident.

Der Landesverband feiert den 100. Geburtstag

Der Landesverband des Kraftfahrzeuggewerbes feierte am Donnerstag den 100. Geburtstag mit einer Gala-Veranstaltung in der Alten Reithalle. Dort wurde an die „Section Württemberg im Deutschen Automobil-Händlerverband“ erinnert, die am 14. Dezember 1918 von 18 Autohändlern und Werkstattbesitzern in Stuttgart gegründet wurde. Heute vertritt der Landesverband fast 4300 Betriebe.

Die baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sprach sich in ihrer Rede auf der Jubiläumsfeier für Software-Updates für Euro-5-Diesel aus und begrüßte auch die von den Autobauern angebotenen Diesel-Umstiegsprämien beim Kauf eines Neuwagens. Dies sei eine willkommene Möglichkeit, durch eine schnelle Flottenerneuerung für bessere Luft zu sorgen. Zugleich zeigte die Ministerin aber Verständnis für die Forderungen des Kfz-Gewerbes. „Ich finde, das letzte Wort sollte hier noch nicht gesprochen sein“, sagte Hoffmeister-Kraut und fügte hinzu: „Wenn und soweit Hardware-Nachrüstungen ein probates Mittel sind, Fahrverbote zu vermeiden, dann dürfen sie kein Tabu sein.“

Wechsel an der Spitze des Landesverbands

Zum Jubiläum gibt es auch einen Wechsel an der Spitze des baden-württembergischen Landesverbands. Nach zehn Jahren hat
Harry Brambach (73) die Führung auf eigenen Wunsch abgegeben. Die Delegiertenversammlung wählte am Donnerstag Michael Ziegler (63) einstimmig zum neuen Präsidenten.

Die Verbandschefs haben einiges gemeinsam: Brambach machte einst Karriere beim Stuttgarter Ford-Händler Schwabengarage, aus der sich der Multi-Marken-Händler SG Holding entwickelte. Brambach war Finanzchef. Die SG Holding wurde dann vom Schweizer Autohandelsriesen Emil-Frey übernommen. ­Michael Ziegler startete als Trainee bei Daimler, stieg dort im Vertrieb auf und wechselte 1996 zur Schwabengarage. Heute ist er Mitglied der Geschäftsführung der Emil-Frey-Gruppe Deutschland.

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