Eins ist sicher: Wenn die Inzidenz an fünf Werktagen in Folge unter dem Wert von 100 liegt, kommen die ersten Öffnungsschritte. Stadt und Land haben bei der Berechnung jedoch unterschiedliche Zählweisen.
Stuttgart - Wechselhaft wird das Wetter an Pfingstmontag – und das Geschäft der Wirte wird verhagelt. Nach Monaten der Entbehrung sei mit einem „Pfingstwunder“ zu rechnen, sagte Sven Matis, der Sprecher der Stadt Stuttgart, noch am Donnerstagvormittag unserer Zeitung. Sollte die Inzidenz weiter unter 100 liegen, dürften die Fässer angestochen werden, dann dürfe man endlich auswärts im Restaurant essen. „Wir planen, dies entsprechend am Samstag bekannt zu geben“, erklärte Matis. Daraus wird nichts. Am späten Nachmittag hat das Sozialministerium das Vorhaben ausgebremst. Die Absprache zwischen Stadt und Land hat wieder mal nicht funktioniert. Erst am Donnerstag nach Pfingsten dürfen Lokale vielleicht öffnen.
Ab welchem Tag zählt die gesunkene Inzidenz?
Hintergrund des Abstimmungswirrwarrs: Es kommt darauf an, ob man den Samstag als Tag der Entscheidung nimmt. An diesem Tag liegt die von der Stadt ermittelte Inzidenzzahl vor. Nimmt man die Werte, die das Robert-Koch-Institut veröffentlicht, verschiebt sich alles um einen Tag: Diese kommen erst am Sonntag. Zwei Tage nach fünf Werktagen mit einer Inzidenz unter 100 (am Donnerstag stieg der Wert in Stuttgart von 85,2 auf 92,9 an) kann geöffnet werden. Der erste Werktag ist demnach der Dienstag – und man kann erst am Donnerstag nach Pfingsten öffnen.
Im Stuttgarter Rathaus wollte man den Samstag als ersten Werktag nehmen, um den Neustart nicht zu verzögern. „Leider funktioniert das nicht“, bedauert Claudia Krüger, die stellvertretende Pressesprecherin des Sozialministeriums.. Sie erklärt die Regeln: „Fünf Werktage müssen unter 100 sein, der Sonntag und der gesetzliche Feiertag werden nicht mitgezählt.“
Auch Freibäder und Museen sind dann wieder offen
Die Stadt kann also frühestens am kommenden Donnerstag die Bundesnotbremse aufheben. Jedoch bleibt die Coronaverordnung des Landes in Kraft. Öffnen können dann neben den Lokalen auch die Freibäder, Geschäfte dürfen wieder eine bestimmte Zahl Kunden einlassen, ebenso wie Museen. Auch Kultur und Sport erleben nach Pfingsten vielleicht ein Comeback: Veranstaltungen mit bis zu 100 Zuschauern im Freien sind möglich. Amateursport darf mit bis zu 20 Personen zählenden Gruppen stattfinden. Es fällt dann auch die Ausgangssperre.
Für die Gastronomie heißt die Öffnung von Donnerstag an: Geimpfte, Genesene und Getestete können Lokale im Außen- und im Innenbereich besuchen – vorerst zwischen 6 und 21 Uhr. „In Innenräumen ist ein Gast je 2,5 angefangene Quadratmeter Gastraumfläche erlaubt“, erklärt Matis, „im Außenbereich gilt keine Personenbegrenzung.“ Die Plätze seien so anzuordnen, dass ein Abstand von mindestens 1,5 Metern zwischen den Tischen gewährleistet sei. Wie viele Personen dürfen an einem Tisch sitzen? Was draußen gilt, gilt nach den Worten von Rathaus-Sprecher Sven Matis auch drinnen: „Zwei Haushalte und fünf Personen sind erlaubt, Genesene und Geimpfte werden nicht gerechnet, Getestete allerdings schon, für die gibt es keine Ausnahmen.“ Die Maskenpflicht gelte nicht an den Tischen, sondern auf den Wegen. „Die Öffnungen sind hart erarbeitet, durch Zurückhaltung von vielen“, betont der Sprecher der Stadt, „umso wichtiger ist es, maßvoll und umsichtig zu bleiben.“ Die Kontaktbeschränkung auf fünf Personen aus zwei Haushalten plus nicht eingerechnete Genesene und fertig Geimpfte Personen gilt nicht nur in Lokalen, sondern auch in allen anderen Bereichen. Denn das sieht die Verordnung des Landes vor. Das gilt also auch für die Nachtschwärmer, die sich vielleicht noch ans Ufer des Feuersees oder auf die Stufen des Schlossplatzes setzen wollen, wenn die Lokale zu sind. Allerdings ist der Spaß unter freiem Himmel an etlichen Stellen noch ein nüchterner: Das Alkoholverbot endet erst am 26. Mai.
Geöffnet werden darf vorerst nur bis 21 Uhr
Stuttgarter Gastronomen haben sich bereits auf die Öffnung am Pfingstmontag gefreut. Stefan Schneider hat am Donnerstag umgehend damit begonnen, in seinem Palast der Republik die Zapfanlage zu reinigen, alles zu testen und die alten Bierfässer im Keller zu entsorgen. Am Freitag werden die neuen Fässer geliefert. Patrick Witz wollte auch am Montag seine Fou Fou Bar im Leonhardsviertel aufmachen. Er versteht nicht, warum um 21 Uhr Schluss sein soll. „Wenn wir zu dieser Zeit schließen, trinken die Leute in Gruppen daheim weiter“, vermutet er. In der Altstadt hat er mit Kollegen die Schnellteststation „Ab-Strich“ eröffnet.
Nicht alle Wirte sahen sich in der Lage, den Betrieb schnell hochzufahren, wenn die Nachricht von der Öffnung so kurzfristig kommt. Jörg Mink vom Restaurant Schloss Solitude hatte sich bereits gegen Pfingstmontag entschieden. „Wir haben jetzt so lange warten müssen“, sagt er, „da kommt es nicht auf einige Tage an, es muss ja alles korrekt umgesetzt werden.“ Am Donnerstag, wenn auch das Land damit einverstanden sein dürfte, öffnet er nun. Oliver Joos von der California Bounge hatte gleich vermutet, die Rechnung des Rathauses könne nicht stimmen. Wieder mal hat das Land die Stadt gestoppt.