Eingeschränkte Handelswege sind ein zweischneidiges Schwert: Es sind weniger Drogen im Umlauf, für suchtkranke Konsumenten bringt das aber auch Probleme mit sich. Foto: imago images/Christoph Hardt

Das Coronavirus beeinflusst fast alle Lebensbereiche. Auch die Realitäten im Drogenmilieu befinden sich im Wandel. Eingeschränkte Handelswege und geschwächte Immunsysteme machen süchtigen Konsumenten zu schaffen.

Stuttgart - Ein Polizeieinsatz in Stuttgart-Weilimdorf diese Woche verbildlicht, dass Corona-Zeiten vielleicht keine guten Zeiten für Dealer sind: Ein mutmaßlicher Drogenhändler rettet sich vor der Polizei gerade noch so in den Wald, wirft zwei Tüten Marihuana in die Büsche, die Fahnder stellen die illegale Substanz sicher. „Es ist einfacher, Drogenhändler zu erkennen“, sagt Stephan Widmann, ein Sprecher des Polizeipräsidiums Stuttgart. Durch die geltenden Ausgehvorschriften seien Dealer auffälliger, leichter auszumachen. Auch die Bevölkerung hülfe immer wieder mit und mache hilfreiche Beobachtungen. Drogenhändler sichtbar, Probleme gelöst? So einfach ist es wahrscheinlich nicht.

Denn das Coronavirus setzt in der Lieferkette des internationalen Drogenhandels vor allem dem schwächsten Glied zu: den Endkonsumenten. Ganz besonders denjenigen, die nicht am Weilimdorfer Waldrand Gras kaufen wollen, sondern von harten Drogen wie Heroin abhängig sind. „Viele Patienten sind gesundheitlich ohnehin schon angeschlagen und darum besonders gefährdet“, sagt Elke Wallenwein, Vorsitzende der Landesstelle für Suchtfragen Baden-Württemberg.

Darum wurde die ambulante Suchthilfe vor wenigen Tagen als systemrelevant eingestuft. Anfängliche Befürchtungen, unkontrollierter Entzüge und deren Folgen wie Gewalt, Kriminalität, und körperliche Notfallsituationen hätten sich deswegen nicht bewahrheitet. „Die Hilfeangebote sind zugänglich, zum Teil anders organisiert, aber sie laufen“, sagt Wallenwein – wobei es an der einen oder anderen Stelle schon stocke.

Verlagerung in Privatwohnungen

Auch die kassenärztliche Vereinigung hat aus der Erwartung, dass weniger illegaler Stoff im Umlauf sein könnte, bereits Konsequenzen gezogen. Substitutionsärzte dürfen in der Krise bis auf Weiteres mehr Patienten aufnehmen und Substitutionsdrogen wie Morphium aushändigen. Das soll ungewollte Entzugszustände verhindern.

Die Crimemap unserer Zeitung liefert Indizien, dass die Drogenkriminalität – und damit die Verfügbarkeit von Stoff – seit Ausbruch der Pandemie abnehmen könnte. Demnach gab es in den vergangenen vier Wochen nur fünf Drogendelikte in Stuttgart, im Vormonat waren es 14. Die Crimemap speist sich aus den Daten der offiziellen Polizeiberichte für Stuttgart.

Die Stuttgarter Polizei möchte aus den aktuellen Fallzahlen der Erhebung nichts herauslesen. „Die offene Szene ist weniger sichtbar, aber das muss für den Handel nichts heißen“, sagt der Polizeisprecher Stephan Widmann. Vielmehr gehe das Stuttgarter Drogendezernat davon aus, dass sich der Drogenhandel aufgrund der Ausgangsbeschränkungen in private Wohnungen verlagere. Es sei noch zu früh, zu beurteilen, ob die Drogen aufgrund der Corona-Krise tatsächlich zurückgehen.

Preise für Drogen in Stuttgart steigen

Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA) übt sich ebenfalls in Zurückhaltung. „Ob und in welcher Form sich die aktuelle Situation auf die Entwicklung einzelner Phänomenbereiche und letztlich auf die Gesamtkriminalitätslage auswirkt, kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden“, heißt es aus dem LKA in einem Antwortschreiben auf eine Anfrage unserer Zeitung. Außerdem würden noch keine „validen kriminalstatistischen Daten“ vorliegen.

Zumindest ein Stuttgarter Szenekenner mit Einblicken in den Handel mit Betäubungsmitteln will spüren, dass weniger Drogen in den Kessel hineinschwappen. „Es scheint Engpässe zu geben“, sagt der Mann, der anonym bleiben will. Das mache sich bei den Einkaufspreisen bemerkbar. Gleichzeitig sei die Nachfrage geringer geworden. Für einen Gelegenheitskokser trifft das zumindest zu. „Weil man ja nicht mehr Party machen kann, konsumiere ich derzeit nichts“, sagt er.

Das beschreibt womöglich die Auswirkungen dessen, was sich auf der großen Bühne abspielt. So sagte Mark Shaw, Direktor der Nichtregierungsorganisation Global Initiative Against Transnational Organized Crime, dem Norddeutschen Rundfunk (NDR), dass die Krise erhebliche Auswirkungen auf das organisierte Verbrechen habe.

Kartellen fehlen Rohstoffe aus China

Andere Beobachter, etwa von Polizeigewerkschaften, machen ähnliche Beobachtungen und gehen davon aus, dass Grenzschließungen und mehr Kontrollen den internationalen Drogenhandel behinderten. Außerdem hat das LKA laut NDR in Nordrhein-Westfalen auffällige Bewegungen von in Deutschland lebenden Mitgliedern der Mafiaorganisation ’Ndangheta nach Italien beobachtet – denkbar, dass Krisentreffen anstehen.

Auch ein Bericht des Onlinemagazins „Vice“ legt nahe, dass die organisierte Drogenkriminalität unter dem Coronavirus nicht mehr so recht florieren will. Demnach haben mexikanische Kartelle Probleme bei der Produktion, weil für die Herstellung von Heroin und anderen Suchtmitteln Rohstoffe aus China fehlen.

Selbst wenn der internationale Drogenhandel durch das Coronavirus geschwächt ist, heißt das nicht, dass sich Suchtkranke nicht länger berauschen würden. „Wir beobachten einen kurzfristigen Umstieg auf andere Mittel wie Beruhigungsmittel, Aufputschmittel, eigen zusammengestellte Mischprodukte“, sagt Elke Wallenwein von der Landesstelle für Suchtfragen. Bei einigen komme auch der teilweise Ersatz durch Alkohol als Brücke über die Mangelsituation dazu.

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