Medikamente gegen Sars-CoV-2 sind kein Ersatz für Impfungen gegen das Virus. Sie stellen aber ein wichtiges weiteres Werkzeug dar.
Stuttgart - Zwar lässt sich mit den Impfungen die Covid-19-Pandemie hierzulande noch gut kontrollieren. Aber es ist wichtig, auch wirksame Medikamente gegen das Coronavirus zu haben. Ein großer Hoffnungsträger, das Molnupiravir könnte bald die Zulassungshürde schaffen. Der US-amerikanische Pharma-Riese Merck & Co, in Europa als MSD bekannt, hat kürzlich bereits eine Notfallzulassung für Patienten mit milden und mittelschweren Symptomen bei der US-Gesundheitsbehörde FDA beantragt. Seit dem 25. Oktober prüft nun auch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) die Zulassung des neuen Medikamentes. Es wäre die erste Pille zur Behandlung von Covid-19.
Welche Medikamente, die eine Infektion der Zellen mit dem Virus verhindern können, gibt es bereits?
Es gibt monoklonale Antikörper. Das sind künstlich hergestellte Eiweiße des Immunsystems, die biotechnologisch so nachgebildet wurden, damit sie an bestimmte Oberflächenstrukturen des Coronavirus Sars-CoV-2 andocken können. Sars-CoV-2-Viren können dann selbst nicht mehr andocken und deshalb auch nicht mehr in die menschliche Zelle eindringen. In Deutschland gibt es das Bamlanivimab und die Antikörperkombination Casirivimab/Imdevimab. Sie eignen sich für die frühzeitige klinische Therapie mit Sars-CoV-2 infizierter Personen, die milde bis mittelschwere Symptome und ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf aufweisen – etwa, weil sie eine Herz-Kreislauf-Erkrankung haben. Bei Hochrisiko-Patienten können Antikörper das Risiko eines Krankenhausaufenthalts und Todesfalls um 70 Prozent verringern. Allerdings müssen diese Präparate intravenös verabreicht werden und sind teuer.
Das Medikament Remdesivir ist schon seit Juli 2020 zugelassen. Es hemmt die Virusvermehrung in bereits infizierten Zellen. Wie wirksam ist es?
Remdesivir (Handelsname Veklury) ist zur Behandlung von Covid-19 nur bedingt zugelassen: Nämlich bei Erwachsenen und bei Jugendlichen ab 12 Jahren mit einer noch nicht sehr schweren Lungenentzündung. Es handelt sich um Patienten, die zwar zusätzlichen Sauerstoff, aber noch keine invasive Beatmung brauchen. Sie sind also noch nicht schwer erkrankt. Das Medikament muss fünf Tage lang täglich intravenös verabreicht werden. Fraglich ist aber, ob Covid-19-Patienten, die mit Remdesivir behandelt werden, auch wirklich eine größere Überlebenschance haben und sich schneller erholen. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat dies untersucht und kam zu dem Ergebnis: Erwachsene Covid-Patientinnen und -Patienten, deren Lungenentzündung noch nicht sehr schwer ist, können von einer Behandlung mit Remdesivir profitieren. Der Zusatznutzen von Remdesivir wird aber als gering eingestuft. Ob Remdesivir auch einen Einfluss auf das Überleben hat, ist unklar. Für Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren bringt Remdesivir keine Vorteile.
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Wie wirksam ist der neue Hoffnungsträger Molnupiravir, und wie wirkt er?
Molnupiravir soll verhindern, dass sich Viren in Körperzellen vermehren. Es führt dazu, dass bei der Virusvermehrung falsche Bausteine in den genetischen Code des Virus eingebaut werden. Das führt zu Veränderungen, die für das Virus tödlich sind. Aktuelle Studiendaten zeigen: Molnupiravir kann bei infizierten Patienten mit leichten oder mittleren Covid-19-Symptomen – also solange die Erkrankung noch nicht fortgeschritten ist – die Virusvermehrung tatsächlich so stark hemmen, dass sich das Risiko eines Krankenhausaufenthalts oder eines tödlichen Verlaufs von Covid-19 halbiert. Fünf Tage lang sind täglich viermal zwei Tabletten einzunehmen. Zum Vergleich: Monoklonale Antikörper erreichen bei noch nicht fortgeschrittener Erkrankung sogar 70 Prozent, müssen aber in der Klinik intravenös verabreicht werden. Dass es Molnupiravir als Pille geben wird, ist ein großer Vorteil, denn die Anwendung ist dadurch überall möglich. Allerdings konnte bislang ein gewisses Missbildungsrisiko für das Ungeborene bei Einnahme während der Schwangerschaft nicht ganz ausgeschlossen werden.
Welche anderen Medikamente befinden sich in der Entwicklung?
Das Pharmaunternehmen Pfizer arbeitet an einer vorbeugenden Pille. Sie soll Erwachsene, die mit einem Coronainfizierten zusammenleben, davor schützen,selbst zu erkranken. Diese Pille ist eine Kombination aus dem Wirkstoff PF-07321331 und niedrig dosiertem Ritonavir, welches sich bereits gegen das HI-Virus bewährt hat. Das PF-07321331 verhindert die Virusvermehrung, indem es das wichtigste Enzym blockiert, das das Coronavirus für seine Vermehrung benötigt. Es ist sicher und gut verträglich. Durch die Kombination der Wirkstoffe verlängert sich die Wirkdauer des PF-07321331. Diese Kombipille ist zweimal täglich über fünf bis zehn Tage einzunehmen. Derzeit läuft eine weltweite Phase2/3-Studie hierzu.
Wie eine weitere Studie zeigt, könnte ein seit vielen Jahren zur Behandlung von Depressionen eingesetztes Medikament, das Fluvoxamin, auch zur Therapie von Covid-19 geeignet sein. Es wirkt antientzündlich und ist offenbar auch gegen Viren wirksam. Laut der Studie kann es die Notwendigkeit eines Krankenhausaufenthalts im Vergleich zu Placebo um rund ein Drittel verringern.