Nach Stationen in Melbourne, Japan und den USA haben Keith Wilson und Caroline Fredericks vor sechs Jahren ihr Foto-Studio in Vaihingen eröffnet. Foto: Sunflower Imaging

Zwei Fotografen aus Stuttgart-Vaihingen sammeln in der Pandemie Türgeschichten, die in Krisenzeiten Positives in den Fokus rücken sollen. Sie haben dabei viele aufmunternde Dinge erfahren.

Vaihingen - Vorschriftsmäßig maskiert lehnt Kai Jehle-Mungenast am Geländer des Vaihinger Rathauses. Die Stirn in Falten, blickt der Bezirksvorsteher in die Kamera. Entstanden ist das Bild im Mai, im Rahmen des Türgeschichten-Projekts von Caroline Fredericks und Keith Wilson. Die beiden Inhaber des Fotostudios Sunflower Imaging in Vaihingen porträtieren Mitbürger und lassen sie zu Corona zu Wort kommen. In den Texten kommt der jeweilige Blickwinkel auf die Pandemie zum Ausdruck. Zudem verrät mancher Persönliches. Eine Lehrerin im Homeoffice, ein Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr, Ladeninhaber, Familien – bislang 30 Beiträge ergeben das Bild einer bunt zusammengewürfelten Gemeinschaft, die ähnliche Erfahrungen macht.

„Wir wollen zeigen, dass keiner allein ist“, erklärt Fredericks. Man wolle ein Zeichen der Hoffnung setzen. „Gemeinsam sind wir stark: Das ist die Botschaft, die wir transportieren wollen“, so die Fotografin. Sie ist gemeinsam mit ihrem Partner aus Melbourne, Australien, nach Stuttgart gekommen und lebt seit 2011 in Vaihingen. Zuvor hatten die beiden ihre Zelte bereits in Japan und den USA aufgeschlagen. Sich auf neue Lebenssituationen und Kulturen einzulassen, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Keith ist gebürtiger Ire, Caroline kam aus Malaysia nach Australien. „Es war uns immer wichtig gewesen, nicht abgeschottet auf einer sozialen Insel zu leben“, sagt Wilson (50), der wegen seines Jobs in der Automobilbranche nach Deutschland gekommen ist. Der passionierte Fotograf geht seiner Frau bei Shootings zur Hand oder ergänzt ihre Aufnahmen durch andere Perspektiven.

Bisher haben die Nachbarn nichts von einander gewusst

Die Corona-Türgeschichten waren für ihn und Caroline Fredericks ein Weg, die Nachbarschaft rund um das vor sechs Jahren eröffnete Foto-Studio besser kennenzulernen. „Gleich dort drüben wohnt ein junger Mann“, sagt sie. „Wir haben uns freundlich gegrüßt, aber wussten nichts voneinander. Nun stellte sich heraus, dass er in einem Blechbläserquintett spielt, das in Corona-Zeiten vor Kirchen, aber auch vor Pflegeheimen Musik macht. Das war genau das Richtige für unser Projekt.“

Die Idee zu den Türgeschichten entstand, als die ersten Fotoaufträge aufgrund der Corona-Beschränkungen abgesagt wurden. Hochzeiten platzen. Familienfotos fielen den neuen Regeln zum Opfer. Ausgehend vom Verbund Vaihinger Fachgeschäfte (VVF), wo auch Sunflower Imaging aktiv ist, begann die 52-jährige Caroline Fredericks Kontakte zu knüpfen. Nicht alle waren bereit, sich ablichten zu lassen. „Es gab immer wieder ablehnende Reaktionen. Einige wollten nicht noch mehr mit dem Thema konfrontiert werden und über ihre täglichen Sorgen sprechen.“ Das sei auch in Ordnung, betont sie. Man wolle keinen Stress verursachen, sondern den Leuten eine Freude machen.

Posieren in traditionellen Trachten

Betrachtet man die Bilder im Blog von Sunflower Imaging, fällt auf, dass sie von der Stimmung her, abgesehen von Masken hier und dort, kaum auf das Thema Corona verweisen. Reinhold Frank vom Heimatring und seine Frau Petra etwa posieren fröhlich in traditionellen Trachten. Das Foto sei an ihrem Hochzeitstag entstanden, sagt Wilson. „Sie haben sich sehr über das Ergebnis gefreut. Für sie ist es nun eine positive Erinnerung an eine schwierige Zeit.“ Es sei wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sagt Caroline Fredericks. Ihr selbst halfen die Türgeschichten, die Scheu vor der deutschen Sprache zu überwinden. „Deutsch? Das ist schon schwer. Aber es geht auch um Schwäbisch.“

Sie sind weiter auf der Suche nach Geschichten. Leise regt sich die Hoffnung, dass dank des Drahts ins Rathaus noch ein bisschen mehr daraus werden könnte: „Vielleicht geht ja unser Traum in Erfüllung“, sagt Keith Wilson. „Eine Ausstellung mit unseren Bildern und Texten und entsprechenden Beiträgen aus Melun im Rahmen der Feiern zur 35-jährigen Städtepartnerschaft Ende des Jahres.“

Die bisherigen Türgeschichten finden sich unter:
https://sunflowerimaging.com/blog

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