Cornelius Meister hat sein Amt an der Staatsoper Stuttgart mit Wagners „Lohengrin“ angetreten. Foto: Marco Borggreve

er neue Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister hat sein erstes Sinfoniekonzert mit dem Staatsorchester Stuttgart dirigiert.

Stuttgart - Am Anfang ist alles öd und leer. Die Musiker des Staatsorchesters sind aufgetreten, der neue Generalmusikdirektor der Staatsoper hat seinen ersten Applaus im Beethovensaal entgegengenommen, und dann erklingt: nichts. Zu hören sind nur Husten, Räuspern, Getuschel des Publikums. Auf dem Programm steht jenes legendäre Stück von 1952, das seine Länge im Titel trägt, John Cages „4’33’’“. Mit diesem Werk, das gleichzeitig Verweigerung ist, Meditation, Konzept und philosophisches Statement, markiert Cornelius Meister seinen (Neu-)Anfang. Aus der Stille, aus dunklen Klangfarben heraus beginnt er mit: Haydn. Dessen sechste Sinfonie mit dem sprechenden Titel „Le matin“ – übrigens das Stück, mit dem der Komponist seine Stelle als Vizekapellmeister beim Fürsten Esterházy antrat – führt die Zuhörer gleichsam an der Hand ein Mal durch das Orchester. Viele Musiker dürfen sich solistisch präsentieren, was gut gelingt – bis auf einige intonatorische Unsicherheiten des Konzertmeisters, dessen packender Ausdruckswillen später deutlich besser zu Mahler passen wird. Das Ganze klingt kontrastreich, frisch, dynamisch und in den beweglich genommenen Tempi fein ausgearbeitet, und man spürt, wo und wie hier an Details von Phrasierung und Klangfarben gearbeitet worden ist. Exzellent!

Mahlers Siebente, aus ihrem Zentrum heraus gedeutet

Den größten Raum nimmt bei diesem Antrittskonzert indes Gustav Mahlers siebente Sinfonie ein – also just jenes Werk, dem der sonst für den Komponisten entflammte Philosoph Theodor W. Adorno „ein ohnmächtiges Missverhältnis zwischen der prunkvollen Erscheinung und dem mageren Gehalt des Ganzen“ vorwarf. Tatsächlich hat Mahler in seiner Zentrifuge von Welt, Weh und Wonne hier einmal ziemlich viel affirmativ (und naiv) Strahlendes, ja sogar Plattes in die Außensätze geschleudert. Deutet man das Werk hingegen aus seinem Kern heraus, also von jenem zentralen Scherzo aus, in dem der Walzer zur Karikatur, zum zerfetzten Albtraum verkommt, dann wirken die strahlenden Fanfaren des Finales wie kontaminiert, und selbst dem Serenadenton der zweiten Nachtmusik mag man nicht recht trauen. Cornelius Meister dirigiert den Mittelsatz just so: als einen schwarzen Abgesang auf alle k.u.k.-Biedermeierlichkeit, der einem bis zum finalen Paukenschlag den Boden unter den Füßen wegzieht. Insgesamt lebt die Aufführung von großer Durchsichtigkeit und klarer Disposition; dass manche Übergänge brüchig wirken, empfindet man zuweilen als Mangel, oft aber auch als Qualität: Hier wird nichts schön getüncht, nichts ins klanglich Überirdische weggebeamt; alles steht mit beiden Füßen auf den Boden. Mahlers Siebente, so gespielt und gehört, ist nicht magisch, aber extrem nahbar. Ein Anfang, das auch ein Stück Vermittlungsarbeit ist. So kann es weitergehen.

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