Patrick Wachowiak im „Chasing Carrots“-Büro in Gaisburg Foto: Benjamin Schieler

In einem Hinterhof an der Hornbergstraße in Gaisburg werden seit sechs Jahren Computerspiele entwickelt. Die Firma heißt Chasing Carrots, ihr neuestes Spiel „Pressure Overdrive“ steht kurz vor der Veröffentlichung.

S-Ost - Am Anfang stand die Ernsthaftigkeit. 2009 war das. Patrick Wachowiak und Dominik Schneider tüftelten für den Stuttgarter Spieleentwickler Unexpected an „Serious Games“. Spielen also, die nicht zuvorderst dem Spaß dienen, sondern Mittel zur Wissensvermittlung sind. Patrick Wachowiak und Dominik Schneider aber wollten mehr Spaß – und entwickelten nach Feierabend den Prototypen ihres ersten gemeinsamen Computerspiels. Inzwischen arbeiten sie am vierten, in der eigenen, von einem Investor gestützten Spieleschmiede. Nun sind sie beim Wettbewerb „Ideenstark“ der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg ausgezeichnet worden.

Früher war in dem Hinterhof eine Kegelbahn

Ein Hinterhofbüro in der Hornbergstraße in Gaisburg ist seit sechs Jahren der Ort, an dem das Duo einen Großteil seiner Zeit verbringt. Fünf Festangestellte und ein Praktikant zählen mittlerweile zum Mitarbeiterstab und sitzen in einem länglichen Raum an Rechnern mit mehreren Bildschirmen. „Früher war das hier wohl eine Kegelbahn“, sagt Patrick Wachowiak und sieht eine gewisse Kontinuität: „Damals wurden hier Spiele gespielt, heute werden sie gemacht.“

„Chasing Carrots“ heißt das Unternehmen, das der 38-Jährige mit seinem vier Jahre jüngeren Kompagnon Schneider aufgezogen hat. Das Bild der Möhre an der Schnur vor der Nase erschien den beiden als passendes Sinnbild des menschlichen Spieltriebs. „Außerdem haben wir damals in einer WG in der Möhringer Straße gelebt“, sagt er und lacht.

Ein Investor aus der IT-Branche trägt das finanzielle Risiko

Als sie 2011 den Investor fanden, der das finanzielle Risiko der Firma trägt, einen Unternehmer aus der IT-Branche, hatten sie ihren Erstling namens Pressure gerade mithilfe eines Produzenten auf den Markt gebracht. In der Mischung aus Schieß- und Rennspiel sahen sie eine Reminiszenz an alte Automatenspiele aus den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Pressure Overdrive, eine Überarbeitung mit neuen Inhalten, steht kurz vor der Veröffentlichung, dazwischen brachten Wachowiak und Schneider Cosmonautica auf den Markt, eine Wirtschaftssimulation im Weltall. 2018 soll das Strategiespiel Heart of Scrap erscheinen.

Der Markt ist umkämpft. Wer sich darauf halten will, braucht offensichtlich viel Geduld, Vertrauen und einen langen Atem. Trends würden kommen und gehen. Auch hierbei haben sie es bei Chasing Carrots immer wieder mit der bildhaften Karotte an der Schnur vor der Nase zu tun, allerdings in dem Fall vor der eigenen. „Unsere Zwickmühle ist, dass wir aufpassen müssen, keine Chance zu verpassen. Genauso wenig wollen wir aber auf jeden Zug aufspringen“, sagt Wachowiak.

Wichtig ist ein guter Draht zu Gronkh

Auch die marktbeherrschenden Unternehmen, in der Regel in den USA zu Hause, würden inzwischen kaum noch Risiken eingehen und überwiegend auf Neuerscheinungen bewährter Reihen setzen. Die Konsequenz der Stuttgarter: Ruhe bewahren und eine Nische suchen. Bis zu zwei Jahre dauert die Entwicklung eines ihrer Projekte. Jeden Tag stehen mehr als ein Dutzend Spiele für PC- oder Konsole in den Startlöchern. In den App-Stores für Mobilfunkgeräte würden sogar täglich bis zu 700 neue Spiele um Aufmerksamkeit kämpfen. „Um da aufzufallen, brauchst du ein ausgeklügeltes Marketingkonzept.“ Und am besten einen heißen Draht zu Multiplikatoren wie Gronkh. Der Kölner Tester hat auf der Videoplattform Youtube 4,6 Millionen Abonnenten. „Wenn er dich spielt, ist das wertvoller als eine Rezension in einer Spielezeitschrift“, sagt Wachowiak. Um aufzufallen, suchen sie bei Chasing Carrots den regelmäßigen Kontakt zu ihrem Klientel, etwa in Live-Streams aus dem Büro an Freitagabenden oder bei sogenannten Game-Jams, bei dem sie in einer Gruppe innerhalb von 48 Stunden ein Spiel improvisieren, zuletzt auf dem Internationalen Trickfilmfestival. Weitere Ideen erhoffen sie sich von den in dieser Woche startenden Coachings in Sachen Unternehmensführung, die mit der Auszeichnung beim „Ideenstark“-Wettbewerb einhergehen – die MFG hat landesweit insgesamt zwölf „Impulsgeber, Innovationsstifter und Andersdenker aus der Kultur- und Kreativwirtschaft“ berücksichtigt. Doch in der Hornbergstraße denkt man auch an einen Schritt nach vorn. „Wir stecken unsere Fühler in Richtung Dienstleistung aus“, verrät Wachowiak. Sein Partner und er überlegen, sich mit „Serious Games“ ein zweites Standbein zu schaffen. Der Spaß soll aber nicht zu kurz kommen.

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