Die Gewerkschaft Verdi ruft an diesem Mittwoch die Commerzbank-Mitarbeiter bundesweit zum ersten virtuellen Warnstreiktag auf – und setzt dabei auf einen durchaus überraschenden Effekt.
Stuttgart - Die Commerzbank erlebt einen schmerzhaften Schrumpfungsprozess: Bis Ende 2024 sollen von 790 Geschäftsstellen noch 450 übrig sein – allein in diesem Jahr werden 240 Filialen dichtgemacht. Aktuell hat der Konzern noch 38 670 Vollzeitkräfte; diese Zahl soll bis zum Ende des Abbaus auf 32 000 sinken. Es könnte der Weg in die schwarzen Zahlen sein: Für das Gesamtjahr werden trotz erheblicher Umbaukosten schon wieder Gewinne erwartet.
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Vor diesem Hintergrund ruft die Gewerkschaft Verdi bundesweit für diesen Mittwoch zum ersten virtuellen 24-Stunden-Warnstreik auf – auch weil noch 40 Prozent der Commerzbank-Beschäftigten im Homeoffice tätig sind. Anlass ist der festgefahrene Tarifkonflikt mit den privaten Banken. Stefan Wittmann, Verdi-Funktionär und Aufsichtsrat bei der Bank, verspricht sich von diesem „Warnschuss“ einen nachhaltigen Effekt: „Uns geht es darum, in möglichst vielen sensiblen Bereichen zu streiken.“ So werde in den Servicegesellschaften die ganze Post- und E-Mail-Bearbeitung und die Nachbearbeitung der Geschäftsstellen gemacht. „Die werden wir am Mittwoch lahmlegen.“ Und wenn dann noch flächendeckend Filialen geschlossen werden müssen, werde das auch von Kunden wahrgenommen.
„Müssen uns nun um die kümmern, die da bleiben“
Wittmann zweifelt nicht daran, dass der Personalabbau von netto 7500 Stellen und die aktuellen Tarifforderungen nach 4,5 Prozent mehr Gehalt kein Widerspruch sind: Betriebsrat und Verdi hätten sich mit dem Rahmensozialplan um die Kräfte gekümmert, die gehen wollen oder gehen müssen. „Jetzt müssen wir uns um die kümmern, die da bleiben.“ Bei denen steige die Belastung, weil sich ihre Arbeit verdichte – doch zugleich würden die Realeinkommen sinken. Zudem hätten die Beschäftigten in der Coronakrise die Bank von daheim aus am Laufen gehalten, doch die Arbeitgeber wollten den Tarifvertrag zur mobilen Arbeit nur in einem unzureichenden Maße weiterentwickeln – auch dies werde nicht hingenommen.
Die Sorge um ihre berufliche Zukunft hält demzufolge Teile der Belegschaft nicht vom Streiken ab. Denn aufgrund der Freiwilligenprogramme verlassen so viele Beschäftigte die Bank, „dass sie perspektivisch wahrscheinlich sogar einstellen muss“, meint Wittmann. Somit wüssten die Verbliebenen, „dass sie für die Bank nicht mehr verzichtbar sind“. Dies gehe zwar nicht in jeder Funktion und jeder Region auf, doch hätten die Mitarbeiter ihren eigenen Wert sehr wohl erkannt und gewönnen an Selbstbewusstsein.
Die Organisationsgrad der Gewerkschaft wächst
Verdi gewinnt dadurch an Schlagkraft: Der Organisationsgrad konnte den Angaben zufolge auf 29 Prozent gesteigert werden – in den ComTS-Tochtergesellschaften sogar auf mehr als 40 Prozent. Für ein Geldinstitut sind das hohe Zahlen. So gibt sich der Funktionär zuversichtlich, „dass der Vorstand begreift: Er kommt an uns nicht mehr vorbei“.
Nach wie vor können der Betriebsrat und Verdi die harte Rosskur teils kaum nachvollziehen. Da würden zum Beispiel viele Filialen geschlossen, die Gewinn erwirtschaftet haben. Und künftig werde es bundesweit Dutzende Regionen geben, wo im Umkreis von gut 30 Kilometern keine Commerzbank-Filiale mehr zu finden sei. „Wir fragen uns, ob sich die Bank nicht zum eigenen Schaden aus der Fläche zurückzieht“, sagt Wittmann. Da müsse sie „dringend nachjustieren“.
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