Auf einem Seitenarm des Jangtse steht eine in Rot gekleidete Frau auf einem Boot - einfach nur, damit die Touristen auf dem Schiff ein schönes Fotomotiv haben. Foto: Rettig

Seit zehn Jahren ist der Drei-Schluchten-Staudamm in Betrieb. Welche Folgen das Projekt hat, erlebt man bei einer Fahrt auf dem Jangtse.  

Yichang - Der Ire macht ein langes Gesicht. Eigentlich sollte der Besuch des Drei-Schluchten-Staudamms für ihn einer der Höhepunkte seiner China-Reise sein. Doch heute ist der Damm, einer der größten der Welt, von der Aussichtsplattform kaum zu sehen und versteckt sich unter einer dichten Nebeldecke. Viel besser wird das auch später direkt davor nicht, wo sich die chinesischen Rentner stolz vor einer Stauanlage fotografieren, die zur Hälfte im Nichts verschwindet. Ziemlich scheu für ein Bauwerk, das immer wieder mit Superlativen in Verbindung gebracht wird.

15 Jahre dauerten die Bauarbeiten mit bis zu 18 000 Arbeitern. Vor ziemlich genau zehn Jahren wurde er in Betrieb genommen. Das Ziel dieses umstrittenen Mammutprojekts: Energiegewinnung, Wasserversorgung, bessere Schiffbarkeit und die Vorbeugung großer Fluten, die am Jangtse-Ufer früher verheerend viele Opfer forderten. Doch der Preis dafür war und ist hoch. Zwei Millionen Bewohner mussten umgesiedelt werden. Zwischen Yichang und der Megacity Chongqing erstreckt sich der Stausee auf rund 600 Kilometern und über die berühmten drei Schluchten, durch die die Jangtse-Kreuzfahrt führen wird.

Abends legt die „Victoria Anna“ endlich ab

Drei Tage mit straffem Programm auf der „Victoria Anna“ stehen bevor - mit Single-Reisenden aus England, einer irischen Gruppe und noch einmal so vielen chinesischen Touristen. Bevor sich das Schiff auf dem braunen Wasser aber überhaupt in Bewegung setzt, gibt es noch einen Abstecher in einen Jangtse-Seitenarm. Nach einer tosenden Dschunken-Action-Aufführung will Touristenführerin Cindy die Traditionen und alten Bräuche ihres Tuja-Stamms etwas näherbringen. Zwischen plätscherndem Flüsschen und üppig bewachsenen Felswänden, die hektisch von Affen beklettert werden, dienen diese aber vor allem als malerische Fotokulisse: Ein alter Fischer hockt neben fotogen drapierten Netzen auf einem Boot. Eine junge Frau zupft ein chinesisches Saiteninstrument, eine andere, ganz in Rot mit passendem Schirm, treibt auf einem Boot im türkisen Wasser. Abends legt die „Victoria Anna“ endlich ab und erreicht schon nach wenigen Kilometern die Schleuse am Staudamm.

Vor allem Ausländer stehen spät noch an Deck und beobachten, wie sich die mächtigen Tore öffnen und das Schiff in dieses eindrucksvolle Stahlungetüm steuert, das auch die Kulisse für einen finsteren Science-Fiction-Film abgeben könnte. Begleitet von einem gespenstischen Quietschen wird es Kammer für Kammer über 100 Meter hochgeschleust und nach vier Stunden zur Weiterfahrt durch die restliche Xiling-Schlucht entlassen. Früher muss es ein Abenteuer gewesen sein, diese Schlucht zu befahren. „Es gab viele gefährliche Strömungen und Unfälle“, erklärt Cruise-Director Marion Gaston, eine gebürtige Deutsche aus den USA, die seit vielen Jahren den Jangtse hinauf- und hinabfährt.

Um 7.15 Uhr verkünden die Kabinenlautsprecher, dass die Wu-Schlucht erreicht wird - die von Legenden umrankte Hexenschlucht mit ihren markanten zwölf Gipfeln. Obwohl auch dort das Wasser seit der Stauung um etwa 100 Meter gestiegen ist, sind die Dimensionen in den exotisch majestätischen Schluchtenszenarien immer noch gewaltig und haben kaum an Reiz verloren. Die geschmeidig geschwungenen Bergketten entlang der Ufer sind teilweise über 1000 Meter hoch, so dass selbst das mehrstöckige Kreuzfahrtschiff dagegen winzig wirkt. An einer Stelle wird die „Spitze der Göttin“ passiert, die oft im Nebel verschwunden ist. „Wer sie zu sehen bekommt, hat lebenslang Glück“, sagt River-Guide Andy und weist darauf hin, dass die schönste Schlucht aber erst noch käme: die schroffe Qutang-Schlucht. Nur acht Kilometer ist sie lang, aber extrem steil, sehr eng und so atemberaubend, dass sie es als Motiv auf die 10-Yuan-Note geschafft hat.

An den Bergen sind die Särge des Ba-Volks zu sehen

Ein Ausflug führt in die Geisterstadt Fungdu, die als Sitz des Königs der Unterwelt gilt. Die fast 2000 Jahre alte Pilgerstätte auf dem Ming-Berg hat die Flutung zwar überlebt, ihre zahlreichen taoistischen und buddhistischen Tempel voller bunter, grimassierender Dämonen führt man heutzutage jedoch teils als morbiden Mummenschanz mit Freizeitparkcharakter vor. Eindrucksvoller ist da die Tour, die an der höher gelegten Stadt Wushan startet und über den Daning-Fluss führt. An den Bergen sind die jahrtausendealten, hängenden Särge des Ba-Volks zu sehen.

Bis heute wird gerätselt, wie sie dort wohl hingekommen sind. „Vor der Flutung war in diesem Seitenarm nur ein kleiner, etwa drei Meter tiefer Fluss“, erklärt die Reiseführerin an Bord. Die Boote mussten damals teilweise von nackten Männern, den sogenannten Trackers, mit Seilen stromaufwärts gezogen werden. Die sind seit der Stauung überflüssig geworden und ebenso verschwunden wie die vielen Orte, die sich heute nicht unter Wasser befinden, sondern vorher komplett abgerissen wurden. An die Flutung kann sich die Reiseleiterin noch genau erinnern. „Zehn Tage lang beobachteten wir, wie alles vor unseren Augen verschwand“,sagt sie gerührt. Der Lebensstandard habe sich nach der Umsiedlung zwar verbessert.

„Viele, vor allem die Älteren, haben aber Schwierigkeiten mit der neuen Situation, und vieles ist unwiederbringlich verloren: unsere Geschichte, alte Relikte und das kulturelle Erbe. Das kann man mit keinem Geld der Welt bezahlen.“ In solchen Momenten überlagert das Schicksal der Menschen die majestätischen Naturpanoramen und relativiert so manches Touristenspektakel.

So wird das Wetter für die Weltreise

Infos zu China

Anreise
Von München nach Chongqing beispielsweise mit Finnair ( www.finnair.com ) ab 560 Euro. Ab Stuttgart ist es ab 630 Euro mit China Southern ( www.csair.com ) etwas teurer. Eine andere Möglichkeit ist ein Flug bis Peking oder Schanghai (und von dort weiter nach Yichang): Ab Stuttgart nach Peking ab 590 Euro mit China Southern oder ab 608 Euro mit SAS ( www.flysas.com ).

Veranstalter
Jangtse-Kreuzfahrten beispielsweise mit Victoria Cruises auf der „Victoria Anna“ ab etwa 700 Euro pro Person in der Standardkabine zur Hauptsaison: www.victoriacruises.com . Der Stuttgarter Flusskreuzfahrtspezialist Nicko Tours hat eine 15-tägige Jangtse-Kreuzfahrt im Programm, ab 2499 Euro ( www.nicko-tours.de ).

Der Reiseanbieter China Tours bietet eine Kreuzfahrt als Teil von China-Rundreisen an, 14 Tage ab 2119 Euro pro Person/Doppelzimmer, www.chinatours.de .

Auch FTI bietet eine Kreuzfahrt im Rahmen einer China-Rundreise an, zu der auch Zwischenstopps in Peking und Schanghai gehören. 12 Tage ab 1080 Euro ohne Flug pro Person im Doppelzimmer: www.fti.de

Unterkunft
Wer in Chongqing ein paar Tage bleiben will: Zentral gelegen ist das Somerset Jiefangbei ab etwa 80 Euro pro Nacht/Doppelzimmer: www.somerset.com .

Im Hilton Chongqing kostet eine Nacht im Doppelzimmer ab etwa 90 Euro: www.hilton.de.

Allgemeines
Chinesisches Fremdenverkehrsamt, Frankfurt/Main, Tel. 069 / 40 76 80 36, www.onebillionvoices.de .

Sehenswürdigkeiten/Ausflüge
Als Halbtagesausflug auf dem Jangtse lohnt vor allem die Tour ab Wushan in die engeren Schluchten des Daning-Flusses. Außerdem: vor oder nach der Kreuzfahrt noch ein paar Tage in der Megacity Chongqing dranhängen.

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