Erfolgreiche Verhandlungsführer: Georg Müller (links) vom Bundesarbeitgeberverband Chemie und Ralf Sikorski von der IG BCE. Foto: dpa

Die Chemie-Tarifpartner erzielen einen Tarifabschluss – ein Meilenstein gelingt ihnen nicht. Vielmehr schieben sie das Thema Arbeitszeit auf die lange Bank. Arbeitgeberverband und Gewerkschaft haben an Innovationskraft eingebüßt, meint Matthias Schiermeyer.

Stuttgart - Not macht erfinderisch: Die unter Fachkräftemangel leidenden Unternehmen stehen unter einem enormen Druck, sich mit besseren Angeboten guten Nachwuchs zu sichern. Geld allein zählt da nicht mehr – speziell in der ohnehin schon gut entlohnenden Industrie. Vielmehr soll mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit den Beschäftigten eine bessere Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf sichern. Die Bereitschaft der Arbeitgeber zu modernen Arbeitsmodellen korrespondiert mit dem Wunsch der Beschäftigten, mehr Souveränität über die eigene Arbeitszeit zu bekommen. Flexibilität soll nicht länger ein Privileg der Unternehmen sein.

Die Metaller haben es vorgemacht

Das Thema hat Konjunktur. Bereits der Metalltarifabschluss im Februar mit der sogenannten „verkürzten Vollzeit“ zielte in diese Richtung. Das Abkommen ermöglicht allen Arbeitnehmern eine auf bis zu zwei Jahre befristete Teilzeit mitsamt Rückkehr zur vorherigen Arbeitszeit. Zudem erhielten drei Beschäftigtengruppen – Schichtarbeiter, Mitarbeiter mit Kindern oder zu pflegenden Angehörigen – die Wahloption Geld oder Zeit, also acht zusätzliche freie Tage. Ein Meilenstein der Tarifgeschichte.

Im steten Wettbewerb mit den Metallern halten sich die Tarifexperten der Chemieindustrie für ebenso innovativ. Doch diesmal sind sie nicht die Vorreiter, sondern Nachzügler. Denn die Beschäftigten müssen mit einer „Roadmap" statt mit handfesten Regelungen vorlieb nehmen. „Versprochen – geliefert“ – damit übertreibt Gewerkschaftschef Vassiliadis.

An Arbeitgeberwünschen gescheitert?

Gewiss, der Metalltarifabschluss erweist sich als hochkomplex – so etwas lässt sich nicht mal eben eins zu eins übertragen oder gar noch praktikabler gestalten. Als größeres Hindernis für eine umfassende Einigung dürften sich in der Chemieindustrie aber die Arbeitgeberansprüche herausgestellt haben, ihrerseits mehr Arbeitszeitvolumen herauszuholen. Erst mit Ausweitungsmöglichkeiten für Unternehmen und Mitarbeiter hätte die Chance auf ein zukunftsweisendes Tarifwerk bestanden. Zu so viel Flexibilität sahen sich die Arbeitgeber und die Gewerkschaft, die sonst so gerne ihre Einigkeit demonstrieren, diesmal nicht in der Lage.

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