In der Chemie- und Pharmaindustrie gibt es etliche flexible Arbeitszeitmodelle. Foto: dpa/Patrick Pleul

Kai Beckmann, Präsident des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie (BAVC), mahnt zur Besonnenheit in der aufgeregten Arbeitszeitdebatte. Die diversen Gesetzesvorstöße von Hubertus Heil hält er für nicht durchdacht.

Die Tarifpartner der Chemie- und Pharmaindustrie sehen sich als Vorreiter bei innovativen Arbeitsmodellen. Der Chef des Chemiearbeitgeberverbands erläutert, warum sie keine Nachhilfe benötigen.

 

Herr Beckmann, Arbeitszeiten, die sich an individuellen Bedürfnissen orientieren, werden immer wichtiger für die Beschäftigten. Bieten die Tarifverträge der Chemie- und Pharmaindustrie ausreichend Flexibilität?

Wir haben viele tarifliche Öffnungsoptionen, die auf betrieblicher Ebene rege genutzt werden und die sich gerade bei mobiler Arbeit als sehr flexibel erweisen. Bei uns im Unternehmen, also bei Merck, haben wir schon seit elf Jahren die volle Flexibilität bei Arbeitsort und Arbeitszeit mit viel Erfolg umgesetzt. Da erkenne ich keine Hemmnisse, die uns in irgendeiner Form behindern. Auch beim Thema Pflege von Angehörigen gibt es eine Reihe betrieblicher Modelle.

Somit glauben Sie nicht, dass die Unternehmen angesichts des Fachkräftemangels und des Bewerbermarktes verstärkt auf diesen Trend eingehen müssen?

Flexibilität bietet einen Mehrwert für Unternehmen wie Beschäftigte. Damit er auch für potenzielle künftige Arbeitskräfte sichtbar wird, gilt es, den einen oder anderen Punkt noch stärker in den Vordergrund zu stellen. Wenn wir zehn Prozent der Ausbildungsstellen nicht besetzen können, liegt es nicht daran, dass es an Flexibilität mangelt und auch nicht an den Vergütungen – damit sind wir eher am oberen Ende der Vergleichsskala. Vielmehr ist Chemikant vielleicht nicht der Traumberuf aller Schulabgänger, weil sie teils falsche Vorstellungen von dieser Arbeit haben. Da müssen wir als Branche weiter investieren, um über die Attraktivität der Chemieberufe zu informieren.

Die Idee der Viertagewoche erfährt einen regelrechten Hype. Diesbezüglich haben die Chemie-Tarifverträge noch nicht so viel zu bieten?

Wir haben einen großen Teil der Belegschaften in der Produktion. Dort würde eine Viertagewoche deutlich mehr Wechsel in der Schichtbelegung bedeuten – mit einem erheblichen Mehraufwand. Da bräuchte es ein Viertel mehr Leute. Also würde die Umsetzung bei gleichbleibendem Lohn 25 Prozent mehr kosten. Das Argument, man erledigt die Arbeit, die bisher an fünf Tagen zu erledigen ist, dann in vier Tagen, funktioniert da nicht. Deswegen geht die Idee der Viertagewoche in der Industrie deutlich an der Praxis vorbei. Wir müssen aufpassen, dass sich die Diskussion nicht in eine falsche Richtung entwickelt, indem man sie an den Büroarbeitsplätzen festmacht, wo sich schon mit den heutigen Flexibilitätsinstrumenten die Arbeit an vier Tagen pro Woche erledigen lässt. Das wäre dann sehr kurz gedacht.

Würde eine Viertagewoche die Spaltung zwischen Produktionsmitarbeitern und Bürobeschäftigten forcieren?

Die Mobilitäts- und Flexibilitätsinstrumente im Bürobereich bringen heute schon eine Ungleichbehandlung. Im betrieblichen Alltag lassen sie sich noch vermitteln. Wenn man das aber manifestiert mit einer Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich, dann wird da eine Diskussion aus der 1.-Mai-Laune heraus verstärkt, ohne alle Fakten angeschaut zu haben.

Die IG Metall plant mit der Viertagewoche einen Vorstoß in der Stahlindustrie. Danach könnte es in der Metall- und Elektroindustrie relevant werden – möglicherweise auch in der Chemie?

Wichtig ist, die Diskussion weniger pauschal zu führen und die ganze Komplexität anzuschauen. Dann liegen die Sachargumente schnell auf dem Tisch. Im Bürobereich arbeiten wir auf Wunsch der Belegschaft seit vielen Jahren daran, den strikten Arbeitstagbegriff aufzulösen, weil die Menschen mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf wollen. Jetzt kommen wir zurück auf die reine Arbeitstagesicht, wie wir sie schon vor 20 Jahren hatten.

Wird auch die Chemiegewerkschaft, die IG BCE, auf das Thema einschwenken?

Ich äußere keine Vermutungen, was unser Sozialpartner macht. Allerdings weiß er sehr genau, was er tut. Fest steht, dass wir immer in der Lage sind, die Dinge sachlich zu diskutieren. Ich glaube nicht, dass sich dies bei diesem Thema ändern wird.

Manche Arbeitgebervertreter zeigen sich schon genervt von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und seinen diversen Gesetzesvorstößen. Sie auch?

Politische Vorstöße bringen mich selten aus dem Sattel. Man wundert sich aber schon bei einigen Gesetzesentwürfen, wo der rote Faden ist: Auf der einen Seite wollen wir es digital, auf der anderen Seite auf Papier haben. Dann wollen wir Bürokratie abbauen, bauen aber gleichzeitig welche auf. Da ist aber das Grundproblem, das wir nicht übersehen sollten: Wir haben eine Energiepreiskrise, die uns in der Chemie in den Grundfesten trifft.

Sind Ihnen die Aktivitäten von Heil zu einseitig auf Arbeitnehmerinteressen ausgerichtet?

Das sind Versatzstücke, die oft auch parallel, aber nicht mit einer gemeinsamen Linie gedacht werden. Daher versuche ich in Berlin die Botschaft zu vermitteln: Lasst uns das große Ganze ansehen und entsprechend handeln!

Umstritten ist auch der Entwurf des Arbeitsministers zur Arbeitszeiterfassung – welche Risiken sehen Sie darin?

Das Arbeitsrecht kennt die Arbeitszeiterfassung im Grunde nur bei der Abweichung von der Regelarbeitszeit – also ab der neunten Arbeitsstunde zur Wahrung der Zehnstundengrenze. Darunter hat man alle Freiheitsgrade. Die Vertrauensarbeitszeit etwa ist ein einvernehmlich sehr gerne genutztes Werkzeug. Das soll jetzt alles plötzlich Historie sein, sodass wir quasi von der ersten Minute an Arbeitszeiten, Pausen und solche Dinge erfassen müssen? Das ist völlig schräg und steht der Flexibilisierung von Arbeitszeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder dem mobilen Arbeiten entgegen. Da bewegen wir uns weit zurück.

Heil kann sich auf die Rechtsprechung gerade auf europäischer Ebene berufen.

Die Vorgaben aus der EU lassen mehr Optionen zu und sind nicht so eng gefasst wie das, was jetzt in Deutschland umgesetzt werden soll. Die Spielräume im europäischen Recht werden einfach ignoriert.

Glauben Sie, dass die Unternehmen genug tun, um die älteren Beschäftigten so lange wie möglich im Berufsleben zu halten.

Da sind wir in der Chemie schon wirklich sehr gut unterwegs. Die klassischen Produktionsaufgaben sind immer weniger abhängig von der körperlichen Leistungsfähigkeit. Ich kann aus Erfahrung in den eigenen Betrieben sagen: Das wird sehr stark angeboten und genutzt. Die Aussage, dass die Leute aufhören, weil sie die körperliche Arbeit nicht mehr verrichten können, würde ich so für unsere Industrie nicht stehen lassen. Wir haben zum Beispiel Langzeitkonten für die individuelle Lebensplanung. Und wir haben die Angebote zur Flexibilisierung der Arbeitszeit. Das Durchschnittsalter in der Chemiebranche liegt bei knapp über 43 Jahren – binnen 20 Jahren haben wir drei Jahre zugelegt. Das spiegelt die allgemeine Bereitschaft, länger im Beruf zu bleiben und die zahlreichen betrieblichen Maßnahmen, um länger arbeiten zu können.

Vorruhestandsmodelle wie früher sollte es in der Industrie wegen der Arbeitsmarktlage ohnehin nicht mehr geben?

Das gibt es immer wieder mal aus betriebsspezifischen Gründen, durchaus auch notwendig. Klar ist aber, dass es natürlich kein Allheilmittel ist, weil auf der Gegenseite eine Schwächung des Fachkräftepotenzials steht, keine Frage.

Kann der Fachkräftemangel in naher Zukunft die Transformation behindern?

Wir haben hohe Strompreise, die Bürokratie in der Gesetzgebung und den Fachkräftemangel – wenn sich diese Einzelteile ungünstig summieren, dann sind das ernsthafte Störfeuer für das, was die Branche in den nächsten Jahren benötigt.

Mit dem Industriestrompreis erfährt die Branche jetzt eine Entlastung?

Es ist eine Entlastung gegenüber dem dramatischen Höchstpreis, den wir schon hatten. Aber von den Strompreisen, die wir in den USA oder im asiatischen Raum sehen, sind wir meilenweit entfernt. Wir kämpfen an vielen Stellen um das Überleben der industriellen Wertschöpfung hierzulande. Da noch weitere Stolpersteine in den Weg gelegt zu bekommen schmerzt besonders. Wir wollen gerne den Standort hier erhalten.

Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Gefahr einer Deindustrialisierung?

In der Konsequenz muss man sich fragen, was die Vorhabenliste der Politik für den Industriestandort bedeutet. Der Anbieter im asiatischen Raum oder in Nordamerika kann deutlich günstiger produzieren – die Energiekosten sind geringer, die gesetzlichen Regelungen besser zu verkraften, die Geschwindigkeit bei Genehmigungen höher. Ich bin verantwortlich für einen Standort mit 12 000 Beschäftigten, der zum größten Teil durch Produktion sowie durch Forschung und Entwicklung geprägt ist. Wenn dies in Deutschland nicht mehr funktionieren sollte, wäre es tragisch für unseren Wohlstand und die Finanzierung unserer Sozialsysteme. Da kann man leider nicht aus einem emotionalen Moment heraus sagen: Ich hätte es gerne in Deutschland. Da muss man der wirtschaftlichen Realität folgen. Aus meiner Sicht führt kein Weg daran vorbei, industrielle Wertschöpfung hier in Deutschland langfristig sicherzustellen – alternative Wege, die andere Länder eingeschlagen haben, sind nicht von Erfolg gekrönt.

Wo sehen Sie Abwanderungstendenzen?

Um ein ganz konkretes Beispiel zu geben: Ammoniak erfordert einen sehr energieintensiven Produktionsprozess – das lässt sich nicht mehr konkurrenzfähig in Deutschland herstellen. Es gibt es auch noch viele andere Beispiele. Sie alle stehen stellvertretend für eine ganze Problemklasse – damit sollte man nicht leichtfertig umgehen.

Sind Sie im Nachhinein betrachtet froh über den Tarifabschluss von Ende Oktober, also die 6,5 Prozent mehr Entgelt plus 3000 Euro Inflationsprämie über 20 Monate – weil die Chemiebranche im Vergleich zu anderen wichtigen Lohnabschlüssen seither noch relativ günstig weggekommen ist?

Jeder Abschluss steht für seine Branche – ein Quervergleich passt da nicht. Wir liegen jetzt zwischen 64 000 und 65 000 Euro als Durchschnittsgehalt für Tarifbeschäftigte. Das können andere Branchen nicht so leicht bieten. Und wir haben uns auf beiden Seiten extrem angestrengt, um einen Kompromiss zu finden. Die Chemieproduktion ist stark rückläufig – und auch die Energiepreisexplosion können wir jetzt nicht so einfach abschütteln. Dies ist der IG BCE sehr wohl bewusst und führt dann auch zur Akzeptanz notwendiger Kompromisse.

Verbandspräsident und Manager

Verbandschef
 Vor sechs Jahren wurde Kai Beckmann (57) zum Präsidenten des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie gewählt. Zugleich ist er Vizepräsident der Bundesarbeitgebervereinigung BDA.

Manager
 Seit 2011 ist der gebürtige Hanauer Mitglied der Geschäftsleitung im Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck – er hat die Verantwortung für den Unternehmensbereich Electronics und den Standort Darmstadt. Privat fiebert er für den örtlichen Fußballclub SV Darmstadt 98.