Die Bahnstrecke unter der eingstürzten Brücke ist wieder freigegeben. Sonst ist seit dem Unglück in Genua nur wenig passiert. Foto: dpa

Auch zwei Monate nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua, weiß dort noch niemand, wie es weitergehen soll. Die Wut der Genueser auf die Regierung in Rom wächst mit jedem Tag, an dem nichts geschieht.

Rom/Genua - Der Frust in Genua ist groß. „Die Autos und Lkw, die noch auf der Brücke standen, wurden entfernt, etwas von dem Schutt haben sie auch weggeräumt, und letzte Woche wurde endlich ein Kommissar für den Wiederaufbau ernannt“, erzählt der Genuese Luca Boscolo. „Was den Rest angeht, ist alles ein riesiges Chaos.“

Der 41-Jährige fühlt sich von der Regierung in Rom im Stich gelassen. Wie so viele in Genua.

Vor zwei Monaten, am 14. August, ist um kurz vor 12 Uhr in der norditalienischen Hafenstadt die Morandi-Brücke auf etwa 180 Meter Länge eingestürzt. 43 Menschen sind bei dem Unglück ums Leben gekommen. 550 Anwohner können seitdem nicht mehr in ihre Wohnungen, die sich in den Häusern direkt unter der Brücke in der „roten Zone“ befinden. Kurz nach dem Unglück hatte die italienische Regierung versprochen, die Reste der Brücke schnell abzureißen. Bis heute aber ragen die Reste der Brücke von zwei Seiten über dem Polcevera-Tal ins Leere, passiert ist so gut wie nichts.

Die Eilverordnung aus Rom ist endlich da, aber zu schwammig

Das Problem: Für die Regierung in Rom war die Betreibergesellschaft Autostrade per l’Italia von Anfang an die Schuldige, mangelnde Instandhaltung soll zu dem Einsturz geführt haben. Die regierende Fünf-Sterne-Bewegung besteht daher darauf, die Firma und alle, die bisher mit ihr zusammengearbeitet haben, vom Wiederaufbau der Brücke auszuschließen. So steht es in dem Dekret, das die Regierung erlassen hat. Auch auf diese Eilverordnung, die die bürokratischen Hürden für den Wiederaufbau der Brücke wegen des Notstandes auf ein Minimum reduzieren sollte, wurde lange gewartet. Der Inhalt ist schwammig.

Marco Bucci, Bürgermeister von Genua von der rechten Lega, der erst vor wenigen Tagen zum Kommissar für den Wiederaufbau ernannt wurde, spart nicht mit Kritik an dem Papier aus Rom. Rein rechtlich müsste noch vieles klargestellt werden. „Die Reste der Brücke gehören noch immer dem Unternehmen Autostrade“, sagt er. Um mit den Arbeiten beginnen zu können, müsste dieses entweder enteignet oder ihm die Konzession entzogen werden. Dass das Unternehmen, auch wenn es vom Wiederaufbau ausgeschlossen wird, die Kosten dafür tragen soll, steht ebenfalls in dem Dekret der Regierung. „Hier muss aber noch spezifiziert werden, dass dies sowohl den Abriss als auch die Planung, die Kosten für die Enteignungen und die für den Wiederaufbau beinhaltet“, so Bucci.

Prinzipiell seien die Kosten von Rom viel zu niedrig kalkuliert. „Es braucht mindestens 120 Millionen Euro mehr, alleine für die Entschädigung der Anwohner und der Unternehmen, die von dem Einsturz der Brücke betroffen sind.“

Den Evakuierten reicht es derweil. Anfang der Woche demonstrierten 1500 Menschen in Genua. „Wir wollen Antworten“, „Die Zeit läuft ab“, stand auf den Transparenten, die sie vor dem Sitz der Regionalregierung hochhielten. 258 Familien, deren Wohnungen durch den Einsturz der Morandi-Brücke beschädigt wurden, ­warten noch immer darauf, ihr Zuhause betreten zu dürfen, um ihr Hab und Gut herauszuholen.

Verkehrsminister reißt Witze

Die Brücke verband die Stadt mit dem Meer, dem Hafen, mit Südfrankreich und anliegenden Regionen in Italien. Außerdem verband sie aber die Stadt. „Genua ist in zwei Teile zerrissen“, sagt Luca Boscolo. „Der Verkehr ist ein Albtraum.“

Während die Genueser auf Lösungen warten, wächst ihre Wut auf die Politiker in Rom. Verkehrsminister Danilo Toninelli von der Fünf-Sterne-Bewegung glänzte die letzten Wochen nicht nur durch seine Unerfahrenheit, sondern vor allem mit seiner Taktlosigkeit. Der Mann mit den wilden Locken postete auf Instagram ein Foto von seinem letzten Friseurbesuch und schrieb dazu: „Ich habe den Widerruf der Lizenz meines Friseurs widerrufen.“ Der Minister propagiert seit dem Brückeneinsturz, dem Betreiberunternehmen Autostrade die Konzession zum Betrieb der italienischen Autobahnen zu entziehen. Was die Regierung aber Milliarden kosten würde und juristisch ein komplizierter Prozess ist.

Ein Entwurf für eine neue Brücke liegt bereits vor, er stammt von Star-Architekt Renzo Piano. Autostrade selbst hat am Donnerstag ein Konzept vorgelegt, nach dem das Unternehmen innerhalb von neun Monaten die alte Brücke abzureißen und eine neue bauen werde. Ein Plan, der wohl nicht umgesetzt werden wird, da er am ­Widerstand der Regierung in Rom zu scheitern droht.

Soll die neue Brücke aber bis Weihnachten kommenden Jahres stehen, müsste alles innerhalb der kommenden 45 Tage geplant werden, die Abrissarbeiten Anfang Dezember beginnen, so Bürgermeister Bucci. „Wir brauchen eine Brücke, und wir brauchen sie schnell“, sagt Luca Boscolo. „Aber wir haben hier langsam verstanden, dass wir in den nächsten Jahren davon nicht mal einen Schatten sehen werden.“

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