Zwei, die die CDU und das Land geprägt haben: Helmut Kohl und Konrad Adenauer am 1. Mai 1967 in Bonn. Foto: dpa

Am 17. Juni 1945 wurde der Grundstein für die CDU gelegt. 75 Jahre später steht ihr scheinbar natürlicher Regierungsanspruch in Frage wie nie.

Berlin - Mitten in den Trümmern ist etwas in der deutschen Parteiengeschichte ganz Neues entstanden. Kriegsende und Befreiung von der Nazi-Barbarei lagen erst wenige Wochen zurück, als „Christliche Demokraten“ am 17. Juni 1945 die Arbeit an ihren „Kölner Leitsätzen“ aufnahmen, die sie als Programmentwurf für eine „Christlich Demokratische Union Deutschlands“ bezeichneten.

 

„Ein freies Volk soll wiedererstehen, dessen Grundgesetz die Achtung der menschlichen Würde ist“, hieß es darin, die Tonlage des künftig ersten Verfassungsartikels vorwegnehmend. Wenige Tage später, am 26. Juni, kam es auch in Berlin zu einem überkonfessionellen Aufruf, der dem „Chaos von Schuld und Schande“ die „sittlichen und geistigen Kräfte des Christentums“ entgegensetzte: „Voll Gottvertrauen wollen wir unseren Kindern und Enkeln eine glückliche Zukunft erschließen.“

Hauptunterzeichner Andreas Hermes hatte die Nazizeit nur knapp überlebt und war überzeugt, dass es nach Zersplitterung und Zwietracht der Demokraten, die Hitlers Aufstieg erst ermöglicht hatten, eine Sammlungsbewegung brauchte, eben eine Union. Der Name Konrad Adenauer wiederum, der die politischen Newcomer später wie kein anderer etablierte, fehlt auf den Entstehungsdokumenten – der wieder eingesetzte Kölner OB wurde erst nach seiner Absetzung parteipolitisch aktiv.

Ein natürlicher Regierungsanspruch?

Das aber tat der erste Kanzler der neuen Republik und erste Vorsitzende der 1950 gegründeten Bundespartei auf eine Art und Weise, die in die Gegenwart nachwirkt. „Dass die CDU bis heute als eine Art Staatspartei wahrgenommen wird, liegt nicht zuletzt in der Adenauer-Ära begründet, in der entscheidende Grundpfeiler der Bundesrepublik errichtet wurden“, sagt Michael Borchard, der Leiter des Parteiarchivs der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Stabilisierung der jungen Demokratie, Westbindung und soziale Marktwirtschaft prägten das Land und den scheinbar natürlichen Regierungsanspruch der Partei. In 51 von 71 Jahren Bundesrepublik hat sie das Kanzleramt besetzt.

Grundüberzeugungen und Gesichter – mehr war da lange nicht. Die Entscheidungen fällte Adenauer, ohne dafür auf Wahlplakaten geworben zu haben, auf ihnen stand nur: „Keine Experimente“. „Die CDU galt lange als eine Honoratiorenpartei, in der die Köpfe nicht weniger wichtig waren als der inhaltliche Kurs“, meint Borchard und sieht den Einheitskanzler als Modernisierer: „Helmut Kohl hat sie mit dem Ludwigshafener Programm von 1978, dem ersten Grundsatzprogramm, zu einer modernen programmatisch arbeitenden Volkspartei im heutigen Sinne gemacht.“

Es galt als späte Reaktion auf das Godesberger Programm der SPD, das sie mit Zeitverzug ins Kanzleramt führte. Wie auch die Regentschaft der Grünen in Baden-Württemberg ist das bis heute nur ein Betriebsunfall der Geschichte - weil sich die CDU noch nicht dem gesellschaftlichen Wandel angepasst hatte.

Ein reiner Kanzlerwahlverein?

Anpassungsfähigkeit und Pragmatismus sind die größte Stärke und gleichzeitig die größte Schwäche der CDU. In gesellschaftlichen Umbruchphasen wie nach dem Mauerfall organisierte Kohl die Wiedervereinigung, ohne die der Union sonst so wichtigen Wirtschaftsgrundsätze zu beherzigen. Seine Nachnachfolgerin Angela Merkel hat in den Krisenlagen der vergangenen Jahre noch mehr klassische Positionen über Bord geworfen, als sie die Zeit reif dafür wähnte. Was viele Bürger als undogmatisches Regieren schätzen, verunsichert die Basis der Partei, die als reiner Kanzlerwahlverein dasteht.

Aus diesem Zwiespalt freilich kann sich eine Partei, die sowohl Überzeugungen als auch eine möglichst große Zahl von Wählern vertreten will, wohl nie ganz befreien. „Was als Sozialdemokratisierung der CDU verunglimpft wird, ist die beständige Suche nach einer Balance der liberalen, christlich-sozialen und konservativen Wurzeln der Partei, die dabei zugleich erspürt, was eine sich wandelnde gesellschaftliche Mitte will“, sagt Parteihistoriker Borchard: „Dass dies auch Reibungen mit älteren parteipolitischen Prägungen erzeugt, ist nicht zu vermeiden.“

Fieberhafte Arbeit an einem neuen Grundsatzprogramm

Im Moment befindet sich die Partei wieder dort, wo sie dem eigenen Selbstverständnis nach hingehört – bei 40 Prozent. Selbst die größten Optimisten in der CDU aber glauben nicht, dass dies das Ergebnis der nächsten Bundestagswahl sein könnte. Zu sehr überlagert das Regierungshandeln in der Pandemie den längerfristigen Trend weg von den traditionellen Volksparteien, die bisher keine ausreichende Antwort auf wegbrechende Wählermilieus, Individualisierung oder Digitalisierung der Gesellschaft haben geben können. Zudem tritt die aktuell wieder als Zugpferd fungierende Kanzlerin dann nicht mehr an – die Partei wird wieder auf sich selbst zurückgeworfen.

Wohin das führen kann, zeigte sich in den Monaten vor Corona, als sich Richtungs- und Machtkampf um Merkels Nachfolge zuspitzten, die Umfragewerte sich gefährlich der bis dato unbekannten 20-Prozent-Marke näherten und die Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer zur Ankündigung ihres Rückzugs gezwungen war. Auch deshalb wird in der Parteizentrale fieberhaft an einem neuen Grundsatzprogramm gearbeitet, das inhaltliche Lücken schließen und den Status der „Staatspartei“ in die neue Ära hinüberretten soll. Trotz Corona-Erfolgswelle ist dieser Status so unsicher wie seit den Anfangsjahren nicht mehr.