Rauchen im Bierzelt ist erlaubt. Das wundert nicht nur einen Sternekoch. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Was die Raucher freut, ärgert Gastro-Berater Klaus Schöning: Er hält die Regel für „unfair“ gegenüber anderen Kneipen. Ex-VfB-Torwart Timo Hildebrand stört es weniger.

Stuttgart - Nein, als Werbung im Ausland hat das Cannstatter Volksfest diese Besonderheiten noch nicht eingesetzt. „Auf dem Wasen dürfen Sie rauchen – auf der Wiesn nicht“, könnte als Argument zur Reise nach Stuttgart dienen. Während die Bayern nach einem Volksentscheid im Jahr 2010 einen rigorosen Nichtraucherschutz durchsetzten und selbst in Münchner Bierzelten das Rauchen verboten, ging man in Baden-Württemberg anders mit dem Thema um. Im Nichtraucherschutzgesetz von 2007 sind als Ausnahmen Bier-, Wein- und Festzelte verankert. Man darf hierzulande wie übrigens in den allermeisten anderen Bundesländern auf Kirben, Stadtfesten, Rummeln und eben auch beim Frühlingsfest und Cannstatter Volksfest qualmen.

Joachim Wissler, obwohl ein Landeskind, in Nürtingen geboren, war dies neu. Der Dreisternekoch im Vendôme im Grandhotel Schloss Bensberg und Volksfest-Küchenchef auf Zeit in der You-Dinner-Loge bei Göckelesmaier wollte nicht glauben, dass in den Cannstatter Zelten immer noch geraucht werden darf. Wo doch inzwischen die Restaurants ganz selbstverständlich nikotinfrei seien, sagte er.

Timo Hildebrand fühlt sich vom Qualm nicht gestört

Sein Kollege Sternekoch Nico Burkhardt vom Stuttgarter Restaurant Olivio im Steigenberger Hotel Graf Zeppelin, der selbst Raucher ist, sagt, dass sich Essen und Qualmen eigentlich nicht vertragen würden. Am Sonntag kocht er mit weiteren Sterne-Kollegen in der Loge von Michael Wilhelmers Schwabenwelt. Beim kulinarischen Genuss müsse man dann natürlich Abstriche machen. „Aber jeder, der aufs Volksfest geht, weiß, dass geraucht wird“, sagt er. Das bestätigt der frühere Torhüter und Meisterspieler des VfB Stuttgart, Ex-Fußballtorwart Timo Hildebrand. Er fühlt sich als Gast nicht vom Qualm gestört. „Ich habe gar nicht gemerkt, dass in der Bank direkt hinter mir jemand geraucht hat. In hohen Räumen hab’ ich damit auch kein Problem.“

Zehn Jahre ist das Nichtrauchergesetz nun also gültig – und sorgt für keine Probleme, so zumindest der Eindruck vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. „Aktuell liegen uns gar keine Beschwerden gegenüber den Wasen-Wirten vor, die das Rauchen im Zelt betreffen. Generell stellen wir fest, dass die Frage in der öffentlichen Diskussion gar nicht gestellt wird. Das ist begrüßenswert“, sagt Tobias Zwiener, Geschäftsführer für Grundsatzfragen, „grundsätzlich begrüßen wir es, dass der Unternehmer selbst entscheiden kann, wie er das Rauchen im Zelt handhabt.“

Zumindest einer ärgert sich aber doch. Klaus Schöning, einst selbst Wirt im Zille, dem Calwer Eck Bräu, in der kostbar und heute vor allem als Gastro-Berater tätig, hält die Regelung für „unfair gegenüber der klassischen Gastronomie“. Damit hätten die Festwirte einen klaren Wettbewerbsvorteil – die Kollegen in der Innenstadt spürten die 17 Tage Volksfest schmerzhaft. Wer auf dem Wasen sein Bier trinkt, stillt seinen Durst nicht mehr woanders.

Keine einzige Beschwerde über Rauch in den Zelten

Die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart hat bisher keine Kritik an der bestehenden Regel vernommen. Jörg Klopfer, Sprecher von in.Stuttgart, betont, dass es dieses Jahr keine einzige Beschwerden von Besuchern über den Rauch in den Zelten gab. Und solange das Land die entsprechende gesetzliche Regelung nicht ändere, könne einzig eine freiwillige Übereinkunft der Festwirte zum generellen Rauchverbot in den Zelten führen.

Doch da es keine Beschwerden gibt, sehen die Wirte auch keinen Anlass dafür. Festwirtin Sonja Merz ist gegen ein Rauchverbot, „aus Sicherheitsgründen“, wie sie sagt. Auf der Münchner Wiesn seien die Straßen vor den Zelten wesentlich breiter, außerdem hätten die Münchener Kollegen größere Biergärten, wohin die rauchenden Gäste ausweichen könnten. Auf dem Wasen könnte es, so befürchtet sie, wegen der Raucher draußen vor den Zelten im Notfall sehr eng zugehen.

Festwirt Michael Wilhelmer schätzt, dass etwa ein Drittel seiner Gäste raucht. Da man viel Geld in Belüftungs- und Klima-System gesteckt habe, herrsche in den Zelten nicht mehr so dicke Luft wie früher. Die Investitionen gingen bei allen Wirten zusammen in die Hunderttausende.

Während Vorgängerin Isabel Fezer (FDP) stets ein Rauchverbot in Festzelten gefordert hatte, will dies Werner Wölfle (Grüne) nicht tun. „Dann heißt es gleich wieder, wir Grünen wollen alles verbieten“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Aber im Ernst, größere Sorgen als über das Rauchen macht er sich über die Folgen des übermäßigen Alkoholgenusses. Und das Biertrinken will man ja nicht mal in München verbieten.

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