Im März 2017 stand der erste Kunde mit Cannabis-Rezept in der Wieslauf-Apotheke in Rudersberg. Seitdem hat sich viel getan: Kunden kommen deswegen fast täglich, oft aus weiter Entfernung.
Kaum sind die ersten getrockneten Blüten aus dem Glas in die Waagschale gepurzelt, breitet sich der typisch süßliche Duft im Raum aus. Cannabis. Doch Birzele ist kein Dealer, der seine Ware im nächsten Stadtpark vertickt, sondern Apotheker. Die Kunden, die wegen des Cannabis in die Wieslauf-Apotheke in Rudersberg kommen, haben teilweise Anfahrtswege von 80 Kilometern. „Inzwischen kommt eigentlich fast jeden Tag jemand deswegen“, sagt der 35-jährige Birzele.
Apotheke baut ihr Sortiment an Cannabis aus
Alles fing an, als im März 2017, quasi direkt nach der Legalisierung von medizinischem Cannabis, ein Mann mit entsprechendem Rezept in der Wieslauf-Apotheke stand. Für Birzele war das damals neu – seitdem hat sich viel getan. Die Apotheke hat ihr Sortiment an Cannabis kontinuierlich ausgebaut. Die Ware kommt per Kurier, gelagert wird sie in einem extra ausgebauten Tresor. Die Vorschriften sind streng, und der bürokratische Aufwand ist hoch. Das hat zwar auch Arbeitsplätze geschaffen – „aber pro Patient brauchen wir schon locker eine halbe Stunde.“ Der Apotheker muss kontrollieren, ob die Sorte wirklich die angegebenen Wirkstoffe enthält und ob die Rezeptur für den Patient wirklich passt. Und dann kommt noch die Dokumentation.
Früher, sagt Birzele, hätten sich viele seiner heutigen Cannabispatienten die Ware von oft zweifelhafter Qualität auf dem Schwarzmarkt besorgt. „Es ist wichtig, sie zu entkriminalisieren“, sagt er. Doch so sehr er die allgemeine Legalisierung von Cannabis befürwortet, könnte sie für Cannabispatienten sogar Nachteile bedeuten. „Es darf nicht passieren, dass die Krankenkassen Cannabis nicht mehr übernehmen, wenn es frei verkäuflich ist“, sagt Birzele. Für die Patienten sei das, wenn es so weit kommen sollte, eine Katastrophe. Je nachdem, wie viel Cannabis und welche Sorten jemand benötigt, kommen pro Monat rasch einige Hundert Euro zusammen. Viele sind Schmerzpatienten und haben eine lange Odyssee hinter sich, bis ihre Krankenkasse sich bereits erklärt, das einst als Rauschmittel verschriene Cannabis zu übernehmen.
Der Preis für Cannabis als Medizin variiert. Sorten, die in Deutschland gezüchtet und versandt werden, gibt es für 10,25 Euro pro Gramm. Für andere Sorten, die beispielsweise aus Kanada oder Australien importiert werden, zahlt man manchmal gar das Doppelte. „Auch aus Kanada kommt sehr viel Know-how, die sind schon viel weiter als wir“, sagt Birzele. Und in den USA gebe es regelrechte Cannabis-Sommeliers. „Eigentlich ist es ja Irrsinn“, sagt Birzele, „dass nur ein Prozent des deutschen Bedarfs an Cannabis hier angepflanzt werden darf.“ Der Rest, immerhin fast 200 Tonnen jährlich, kommt aus dem Ausland. Oft in kleine Plastikdöschen verpackt, „dadurch entsteht dann wieder sehr viel Müll“.
Cannabis ist nicht gleich Cannabis: Jede Züchtung wirkt anders. Manche von ihnen beleben, andere helfen den Konsumenten, Schmerzen zu ertragen, andere wecken Hunger oder lindern Übelkeit. Auch durch die Temperatur, bei der die Blüten vaporisiert werden, kann man die Wirkung beeinflussen. Manche Patienten nehmen das Cannabis auch als Tee zu sich. „Mit einem Kiffer, der sich mal eben einen Joint reinzieht, hat das medizinische Cannabis nichts mehr zu tun“, sagt Johannes Birzele. Zumal das klassische Rauchen, womöglich gar mit Tabak, gesundheitsschädlich sei.
Das Betäubungsmittel kann auch Psychosen verursachen
Das Betäubungsmittel kann allerdings auch Psychosen verursachen. Birzele ist aber überzeugt, dass dies vor allem auf jenes Cannabis zutrifft, das man sich an der Straßenecke um des Rausches willen kauft. „Da werden dann synthetische Cannabinoide oder andere Stoffe draufgesprüht, es ist dann bis zu 200 mal so stark“, sagt der Apotheker. Und ja, auch beim medizinischen Cannabis gebe es die Gefahr, dass jemand es missbräuchlich benutze oder es an Süchtige weiterverkaufe. „Aber mit klassischem Schlafmittel ist es doch genau dasselbe“, sagt er. „Wenn du etwas willst, kannst du es doch immer irgendwo besorgen.“