Windkraft hat Zukunft – doch nicht für alle. Foto:  

Der neue Hiob: Burkhard Spinnen erzählt mit gehörigem Knalleffekt vom Aufstieg und Fall eines Windkraft-Unternehmers

Stuttgart - Es ist gut zwanzig Jahre her, dass der Schriftsteller Burkhard Spinnen angefixt wurde vom deutschen Unternehmertum – als er nämlich den Chef eines schwäbischen Präzisionsmaschinenherstellers kennenlernte und sich von ihm dessen Lebens- und Firmengeschichte erzählen ließ, woraus schließlich das 2003 erschienene Buch „Der schwarze Grat“ wurde, ein fesselndes Stück Dokufiction ganz eigener Art. Nun hat Spinnen, unterdessen um einige Erfahrungen als Ingeborg-Bachmann-Oberjuror und ein paar Literaturpreise reicher, sich des Themas „Was treibt der/den Mittelstand?“ erneut angenommen. In seinem neuen Buch „Rückwind“ bemüht er sich nach Kräften, dem Genre des Unternehmerromans eine originelle Variante hinzuzufügen.

Entgegen weit verbreiteten Behauptungen ist dieses in der deutschen Gegenwartsliteratur ja gar nicht mal so selten; einschlägig hervorgetreten sind beispielsweise Dieter Wellershoff, Ulrike Kolbe, Rainald Goetz, Ernst-Wilhelm Händler und Nora Bossong. Meist ist ein Unternehmerroman zugleich noch etwas anderes, weil allein von Bilanzen und Marktstrategien zu erzählen, von Risikokapital und Effizienzsteigerung dem Autor das Gesicht einschlafen ließe – und seinen Lesern umso mehr. Spinnen macht da keine Ausnahme. Wo der junge Thomas Mann mit dem Niedergang eines Unternehmens zugleich den Verfall einer Familie und eine eben untergegangene Welt schilderte („Buddenbrooks“) und der alte Martin Walser („Ein sterbender Mann“) die ökonomische Pleite als Folie einer Lebenspleite nutzte, greift Burkhard Spinnen, Jahrgang 1956, zu einer biblischen Versuchsanordnung, um dem Leben seines Helden, des Windrad-Pioniers Hartmut Trössner, Tiefe und Schwere zu verleihen. Das gelingt nur bedingt.

Trössner, daraus macht das Buch von Anfang an keinerlei Hehl, ergeht es wie Hiob im Alten Testament. „Alles verloren“ ist das Motto seiner Existenz, als eine immerfort sich aufspielende, rätselhafte Erzählinstanz die Leser mit diesem Schmerzensmann unserer Tage bekannt macht, im Hitzesommer 2018. Bis zum 9. April desselben Jahres war Trössner ein überaus erfolgreicher Firmeneigner mit attraktiver Frau, Kind und tollem Haus. Dann aber besiegelte die chinesische Konkurrenz das Schicksal des Trössner’schen Unternehmens, und innerhalb weniger Stunden wurden Sohn, Ehefrau und Haus zum Raub von Ereignissen, deren genauen Charakter der Roman erst ganz allmählich enthüllt. Nach all dem ist der Gebeutelte erst in der Psychiatrie gelandet, dann hat er sich in einem schäbigen Hotel versteckt, nicht nur vor möglichen Gläubigerforderungen, sondern auch vor der Neugier einer voyeuristischen Öffentlichkeit. Trössners Gattin nämlich war eine der bekanntesten Schauspielerinnen des Landes, Hauptdarstellerin einer TV-Serie, mit der das verschnarchte deutsche Fernsehen endlich Weltniveau erreicht hat.

Tricks, Kniffe und Volten

Und nun fährt Trössner, zum Erstaunen seines teuflisch-englisch-therapeutisch dauerquasselnden Erzählbegleiters, nach Berlin. Musste man eben noch befürchten, er wolle sich mithilfe einer Pistole, die einem unwahrscheinlichen Zufall sei Dank in seine Hände gelangt war, die Kugel geben, wirkt er nun zunehmend, als habe er einen Plan. Und dann lernt er im Zug auch noch eine junge Frau kennen, mit der er ein ausgeklügeltes Arrangement zwecks gegenseitiger Lebenserzählung trifft, Sich-Verlieben inbegriffen. In der Hauptstadt verschwimmen vollends die Grenzen zwischen dem, was der Leser für Realität zu halten geneigt war, und der Fernsehserie. Die dreht sich zu allem Überfluss um den unaufhaltsamen Aufstieg einer rechtspopulistischen „Partei der Politischen Christen“, die allerdings mit Gott nichts am Hut hat. Womit wir wieder beim Thema Hiob wären. Mit wem über das eigene schlimme Geschick hadern, wenn der Himmel leer geräumt ist?

Die Frage ist ja keine triviale. Aber Burkhard Spinnen tobt seine Lust an der abwegigen Pointe wie seine Begabung für kluges, immer ein bisschen eitles Dampfgeplauder so enthemmt aus, als habe nicht sein Held, sondern er selbst zu lang unter überfürsorglicher Kuratel gestanden. Und wozu das alles? Die große Klage des nachmetaphysischen Hiob Trössner wird zur Spielmarke, beliebig in die Luft geschnippt und „gekonnt“ wieder aufgefangen. Die vorgeführten Tricks, Kniffe und Volten scheinen sehr bald wichtiger als die mit einigem Aufwand konstruierten Figuren. Die aber laufen wie geschmiert Richtung Knalleffekt, auf den die Handlung von „Rückwind“ zustrebt – nach allen Regeln des Kunsthandwerks.

Burkhard Spinnen: Rückwind. Roman. Schöffling & Co. 400 Seiten, 24 Euro.

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