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Kein Zufall: Die Bundesliga-Clubs haben mehr denn je Probleme, brauchbare Sportchefs zu finden. Beim VfB Stuttgart scheiterten sie reihenweise an Machtspielchen, Führungsschwäche und Eifersüchteleien, erinnert sich StN-Autor Gunter Barner.

Stuttgart - Weil das Leben sonst langweilig wäre, hat es die Abwechslung erfunden. Zum Beispiel mit Günter Netzer. Er trug schräge Klamotten, mit denen sich seine Teamkollegen nicht mal auf die Toilette getraut hätten. Er steuerte einen feuerroten Ferrari, flirtete mit den heißesten Frauen, kickte als erster Profi in blauen Schuhen und kaufte sich zum Entsetzen seines Trainers Hennes Weisweiler eine Disco, in der ein Sofa stand, das Salvador Dalí entworfen hatte – in Form eines Frauenmunds. Das war in den 1970er Jahren. Ein neues Buch erzählt, wie die Aufbruchstimmung der wilden 68er über den langen Blonden den Weg in die fest gefügte Welt des Fußballs fand: „Rebell am Ball“. Sie hatten es nicht leicht mit Günter Netzer bei Borussia Mönchengladbach.

Mit Strenge und Gelassenheit

Und es würde niemanden wundern, wenn Helmut Grashoff den Tag des Öfteren verflucht hat, an dem ihn sein Skatbruder, Gladbachs Präsident Helmut Beyer, endlich so weit hatte, als sein Stellvertreter zu kandidieren. 1966 übernahm der gelernte Textilkaufmann dann den Posten des Geschäftsführers. Er führte die Borussen ein Vierteljahrhundert lang mit der Strenge und Gelassenheit des kühlen Hanseaten. Nur gelegentlich sog er ein wenig hektischer an seiner Pfeife. Meistens dann, wenn Netzer wieder mal den Aufstand probte. Aber das Internet war noch kein Thema, das Handy nicht erfunden. „Das hätte fraglos zu erheblichen Komplikationen geführt“, bestätigte Netzer im Interview mit „Welt“.

In Stuttgart führte zu jener Zeit ein ehemaliger Bürgermeister ein strenges Regiment, der sich Grashoff immer mal wieder zum Vorbild nahm: Ulrich Schäfer. Aber so sehr der VfB-Geschäftsführer den Souverän vom Niederrhein bewunderte, so unumstößlich blieb er mit seiner eigenen Arbeit gefangen in pietistischen Sicht- und bürokratischen Handlungsweisen. Als sich die bis dahin noch übersichtlichen Transfer- und Vereinsgeschäfte zum Big Business wandelten, hatte sich Grashoff längst schon zurückgezogen (1991).

Das Bosman-Urteil

Beim VfB dagegen schimpfte der nach einer fünfjährigen Auszeit zurückgekehrte Schäfer wie ein Rohrspatz: „Jetzt muss ich mich auch noch unterm Weihnachtsbaum um Spielerwechsel kümmern.“ Das Bosman-Urteil (1995) sprach den Vereinen das Recht ab, für Transfers nach Ablauf des Vertrags eine Ablösesumme zu kassieren. Was das Geschäft in vielerlei Hinsicht noch heikler machte. Juristen, Berater, Medienexperten und Marketing-Agenturen brachten sich ins Spiel. „Jetzt fahren die Spieler schon im Kleinbus zu den Verhandlungen vor“, wunderte sich der mächtige Präsident und Landesfinanzchef Gerhard Mayer-Vorfelder und wetterte: „Bei uns verdient jeder Ersatzspieler mehr als ein Minister.“

So betrachtet war es vielleicht nicht besonders klug, neben Trainer Jürgen Röber gleich noch Manager Dieter Hoeneß gefeuert zu haben (1995). Der hatte zwar Asse wie Giovane Elber und Krassimir Balakov zum VfB gelockt und eine sportliche erfolgreiche Phase eingeleitet (Meisterschaft 1992), ansonsten aber nach Meinung seiner Kritiker sein Handicap beim Golfen verbessert und den Schreibtisch nur zur Ablage genutzt. Christoph Daums Wechselpanne im Europacup gegen Leeds wurde auch Hoeneß angekreidet. Was für MV aber schwerer wog: „Der Dieter läuft an keiner Parkuhr vorbei, ohne ihr ein Interview zu geben.“ Schlagzeilen machen durfte nur der Chef.

Schäfers Fehler

„Mein größter Fehler war, dass ich noch einmal zurückgekehrt bin“, klagte Schäfer, nachdem seine zweite Amtszeit (1995 bis 200) und die Ära MV (1975 bis 2000) im Krach mit dem Aufsichtsrat geendet hatten. Seitdem haben sich etliche Manager beim VfB versucht. Immer saßen sie zwischen allen Stühlen. Über Karlheinz Förster, Rolf Rüssmann, Herbert Briem, Horst Heldt, Jochen Schneider, bis hin zu Fredi Bobic und Robin Dutt. Letzten Endes rieben sie sich alle auf an unklaren Machtverhältnissen, Führungsschwächen und Eifersüchteleien.

„Es ist kein Zufall“, sagt Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick, „dass es immer dort am besten funktioniert, wo die Arbeit der führenden Köpfe problemlos ineinander greift.“ Mag sein, dass Philipp Lahm auch daran dachte, als er dem FC Bayern eine lange Nase drehte.

Zwischen Beyer und Grashoff jedenfalls soll kein Blatt Papier gepasst haben.

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