Meister mit dem VfB (1992): Dieter Hoeneß (li., Trainer Christoph Daum) Foto: dpa

Er kennt die Bundesliga aus eigener Erfahrung, als Spieler und als Manager. Die Entwicklung bei seinem früheren Verein VfB Stuttgart verfolgt er mit großem Interesse. „Man darf nicht alles in Schwarz malen“, sagt Dieter Hoeneß.

Guten Tag, Herr Hoeneß. Der VfB Stuttgart lässt uns irgendwie keine Ruhe.
Das kann ich verstehen.
Sie haben Ihren früheren Arbeitgeber noch immer im Blick?
Ja, klar. Ich war Spieler beim VfB Stuttgart, später Manager. Da ergibt sich automatisch eine gewisse Verbundenheit.
Welches Spiel haben Sie zuletzt ­beobachtet?
Live habe ich die Mannschaft zuletzt beim 3:4 in Lever­kusen gesehen. Ansonsten verfolge ich die meisten Spiele am Fernseher.
Wie lautet Ihre ­Analyse?
(Lacht) Wie viel Zeit haben wir? Nein, ganz im Ernst: Die Offensive ist wirklich stark besetzt. Einzelne Spieler gefallen mir da sehr gut. Aber ich hatte den Eindruck, dass da keine Mannschaft auf dem Platz steht.
Das passt alles nicht so richtig ­zusammen?
So war jedenfalls mein Eindruck. Die Einstellung stimmt, nur das Gefüge stimmt nicht.
Das Problem ist: Der VfB Stuttgart befindet sich seit Jahren im Sinkflug, der Fußball entwickelt sich aber rasant weiter.
Die Bundesliga hat in den vergangenen zehn Jahren auch international enorm aufgeholt. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle: Durch die WM 2006 hat der deutsche Fußball eine sehr gute Infrastruktur, in den Clubs wird solide gewirtschaftet, das Scouting hat große Fortschritte gemacht, und die Nachwuchsleistungszentren, die nach der desaströsen EM 2004 eingeführt wurden, entwickeln viele gute Fußballer. Davon profitiert die Bundesliga sportlich wie auch wirtschaftlich.
Leider eben nicht alle. Die großen fünf ­marschieren vornweg, der Rest, darunter der VfB, hecheln hinterher.
Ganz klar ist: Weiterentwickelt haben sich jene Clubs, die den Mut hatten, in den sportlichen Bereich zu investieren, was bedeutet, nicht nur gute Spieler zu verpflichten, sondern auch in hoch qualifiziertes Personal im Nachwuchs und Scouting zu investieren.
Der VfB Stuttgart hat nach der Meisterschaft 2007 binnen weniger Jahre über hundert ­Millionen Euro investiert. Allerdings ohne großen Erfolg.
Mut allein reicht natürlich nicht. Das muss mit Sinn und Verstand und hoher fachlicher Kompetenz gemacht werden . . .
. . . die beim VfB gefehlt hat.
Das haben Sie gesagt. Da will und darf ich mir kein Urteil erlauben. Generell ist es aber so: In Clubs wie dem VfB, wo infrastrukturell eigentlich alles da ist, muss man mit seinen Ressourcen immer wieder an die Grenzen dessen gehen, was vertretbar ist. Und wer dabei immer nur auf die Ausgabenseite blickt, die Einnahmemöglichkeiten aber außer Acht lässt, der wird auf die Dauer keinen Erfolg haben. Es ist eben nun mal so, dass das sportliche Abschneiden die Einnahmeseite maßgeblich beeinflusst.
Können Sie Beispiele nennen?
Nehmen Sie die nationale und internationale Vermarktung der Fernsehgelder, die in den vergangenen Jahren stetig gestiegen sind. Da klaffen zwischen den erfolgreichen Clubs und den Vereinen im hinteren Tabellendrittel inzwischen große Lücken. Da fehlen dann pro Saison plötzlich 20 bis 25 Millionen Euro. Und das womöglich über Jahre. Oder denken Sie an die Entwicklung des Transfermarkts, wo für einen guten Spieler beim Wechsel nach England inzwischen enorme Summen generiert werden können. Aber ­dafür braucht ein Verein fußballerische Substanz.
Warum gelingt es einigen Clubs, anderen nicht?
Weil nicht alle nach dem Prinzip arbeiten, das ich vorher erwähnt habe. Und was vielerorts noch hinzukommt: Wenn die innere Struktur abhandenkommt, wenn ein Verein keine zeitgemäße Konzeption mehr hat, wenn die Trainer und die Spielideen ständig wechseln, dann ist die Gefahr groß, in einen Abwärtssog zu geraten, der nur schwer wieder zu stoppen ist. Ein Verein wie der VfB darf sich die Konzeption nicht vom Trainer diktieren lassen. Die gibt der Verein vor und sucht sich dann dazu das passende Personal.
Genau auf diesen Weg hat sich der VfB ­inzwischen begeben. Nach Ergebnissen ­betrachtet noch ziemlich erfolglos.
Wie gesagt: So eine Entwicklung stoppt kein Verein der Welt von heute auf morgen. Nach so einer Phase ständiger Veränderungen hat man vielleicht noch ein paar gute Spieler, aber keine echte Mannschaft mehr. Es braucht Zeit, bis wieder etwas zusammenwächst.
Wofür stand der VfB für Sie in früheren Zeiten, wofür könnte er in Zukunft wieder stehen?
Gut, dass Sie dieses Thema ansprechen. Für mein Dafürhalten ist die Nachwuchsarbeit ein Synonym für die Abwärtstendenz. Da war der Club einmal ein Vorbild für die ganze Liga. Namen wie Gomez, Khedira, Tasci, Hinkel oder Hildebrand usw. sind damit verbunden. Und nebenbei bemerkt wurden Transfererlöse aus dem Verkauf dieser Spieler von über 100 Millionen Euro erzielt. Inzwischen wurde der VfB rechts und links von anderen Clubs überholt.
Fredi Bobic wollte als Manager einen Neuanfang. Die Jugendleiter Frieder Schrof und Thomas Albeck wechselten zu RB Leipzig.
Wenn Qualität geht, muss man sie mit Qualität ersetzen. Das scheint mir nicht gelungen zu sein. Ich war neulich bei einem Junioren-Länderspiel zwischen Österreich und Deutschland. Die besten Spieler kamen auf der einen Seite von RB Salzburg, auf der anderen von RB Leipzig. Ist das Zufall?
Eher nicht.
Sehen Sie. Da haben sich Gewichte verschoben. Sie brauchen an den entscheidenden Stellen im Club eben hoch kompetentes ­Personal, das dem Verein zu hundert Prozent
dient und seine Arbeit nicht als Selbstzweck definiert.
Was so auch für den Scouting-Bereich gilt?
Ganz genau. Auch dieser Bereich hat sich enorm entwickelt. Viele Bundesliga-Clubs betreiben die Suche nach Talenten und ­neuen Spielern inzwischen hoch professionell, mit großem personellem Aufwand und mit enormer Akribie. Da sind Topleute unterwegs.
Das kostet viel Geld.
Ja, aber gerade im Scouting muss man eine Idee haben. Und man darf nicht nur die Ausgabenseite sehen. Die Kosten amortisieren sich schnell, wenn gute Arbeit geleistet wird.
Hat der VfB in dieser Hinsicht Nachholbedarf?
Das ist für einen Außenstehenden schwer zu sagen. Ich habe schon den Eindruck, dass da ein bisschen was fehlt. Andererseits hat der Verein auch ein paar ganz gute Spieler geholt. Ich denke da an Filip Kostic, Alexandru Maxim, Carlos Gruezo oder Daniel Ginczek. Aber das alles muss sich auch zusammen­fügen lassen. Das ist die Kunst.
Die Mannschaft wirkte schon vergangene Saison sehr zerbrechlich, Trainer Alexander Zorniger hat ihr noch eine komplett neue Spielidee verpasst. Der richtige Weg?
Das kann und will ich so nicht beantworten. In Leverkusen brach der VfB jedenfalls binnen weniger Minuten in sich zusammen. Wie gesagt: Die Offensive hat mir gut gefallen. Aber für die Spielidee des Offensivpressings braucht es schnelle und taktisch bestens geschulte Abwehrspieler.
Die der VfB nicht hat.
Da ist sicherlich noch Luft nach oben.
Welche Rolle spielt dabei Alex Zorniger?
Es ist jedenfalls so, dass man sieht, was der VfB spielen will. Da gibt es einen Plan, eine Idee. Das finde ich schon mal gut. Eine andere Frage ist, ob die Mannschaft schon reif für dieses System ist, ob es nicht besser gewesen wäre, sie schrittweise an diese Spielwiese zu gewöhnen. Wie auch immer: Der VfB braucht Zeit, um aus dem Tief zu kommen. Er hat eben nicht die Mannschaft, die das sofort perfekt umsetzen kann. Da sind Kompromisse unausweichlich. Vor allem aber braucht der Trainer einen Plan B und einen natürlichen Fußballverstand. Er muss auf veränderte Situationen reagieren können. Ich habe schon viele große Trainer scheitern sehen, weil sie nur einen Plan A hatten.
Ist es ein Problem, dass der VfB wichtige Posten mit Personen besetzt, die in ihren Bereichen noch nicht allzu viel Erfahrung haben?
Nein, eigentlich nicht. Es birgt ein gewisses Risiko. Aber wenig Erfahrung zu haben ist kein Makel. Erfahrung kommt durch Tun. Und beim VfB bewegt sich ja einiges.
Was fehlt dem VfB konkret?
Man muss den Verantwortlichen auch die Zeit geben, etwas zu entwickeln. Der VfB kann zurzeit sicher nicht jeden Spieler holen, den er gern hätte. Deshalb muss auch der
Trainer gewisse Kompromisse eingehen, seine Spielidee auf das abstimmen, was er zur Verfügung hat. Deshalb verliert die sportliche Führung ihre idealen Vorstellungen ja nicht gleich aus den Augen.
Was könnte dem VfB bei seinem strukturellen und konzeptionellen Neuaufbau noch helfen?
In allen Gremien das eine oder andere Mitglied, das in seinem jeweiligen Bereich über ein hohes Maß an Erfahrung und Kompetenz verfügt.
Ist die Ausgliederung in eine Aktien­gesellschaft unumgänglich?
Das muss sicherlich kommen. Es ist eine Chance, aber nicht die Lösung aller Probleme. Der Zeitpunkt erscheint mir allerdings nicht gerade günstig.
Weil der Wert des Clubs eher niedrig zu ­taxieren ist?
Genau. Die Riesensummen werden eher nicht fließen. Der VfB hat über Jahre am falschen Ende gespart und sukzessive an Substanz verloren. Jetzt muss er sich wieder aufbauen. Aber noch mal, der VfB spielt wieder einen ganz ordentlichen Fußball. Man darf da nicht alles in Schwarz malen. Wenn die Mannschaft auf zwei, drei Positionen verstärkt wird, kann sie bald aus dem Mittelfeld wieder nach oben schauen.
Wo landet der VfB am Ende der Saison?
Mit dem Abstieg wird er nichts zu tun haben.
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