Kornelius Bamberger will nicht mehr Bürgermeister von Bönnigheim sein, demnächst ist er nur noch Bürger. Foto: factum/Granville

Mit 54 Jahren verabschiedet sich Kornelius Bamberger vom Posten als Bürgermeister. Mit einem vermeintlichen Skandal im Freibad vorigen Sommer hat seine Entscheidung nichts zu tun, sagt er. Aber komplett unbeeindruckt lassen ihn Ereignisse wie diese auch nicht. Ein Gespräch über seinen Noch-Beruf.

Bönnigheim - Der Traumberuf von Kornelius Bamberger war und ist: Bürgermeister. Unter Leute kommen, die Verwaltung repräsentieren, die Stadt gestalten – das gefällt ihm. Trotzdem stellt sich Bamberger nächstes Jahr nicht für eine dritte Amtszeit zur Wiederwahl. Mit einem vermeintlichen Skandal im Freibad vorigen Sommer hat seine Entscheidung nichts zu tun, sagt er. Aber komplett unbeeindruckt lassen ihn Ereignisse wie diese auch nicht.

Herr Bamberger, was war dieses Jahr das unangenehmste Erlebnis für Sie als Bürgermeister ?
Die Sache mit dem Freibad war schon ziemlich unangenehm. Dieser, mit Verlaub, Shitstorm im Internet, weil eine Mutter auf der Suche nach ihrem Kind an der Kasse einen Euro für die Lautsprecherdurchsage bezahlen sollte – wegen eines Missverständnisses. Da gingen die Wogen wirklich kurz hoch. Aber als noch unangenehmer habe ich die Debatte über unsere Ganztagsschule empfunden.
Warum?
Bei dieser Diskussion wurde überdeutlich, wie heutzutage Kritik geäußert wird: Heftig und fundamental. Die Stadtverwaltung und die Schule haben bei einer Infoveranstaltung das Konzept des Ganztagesbetriebes für die Grundschule vorgestellt. Und ich war sehr überrascht, dass das, was wir uns für diese Wahlform überlegt hatten, nur ganz wenig anerkannt worden ist. Die Kritiker äußerten sich nicht ausgewogen, sondern vertraten ihre Einzelinteressen. Manche haben zum Beispiel gesagt, dass der Schulbeginn zu früh sei oder dass sie ihr Kind zu einer ihnen passenden Zeit abholen wollen. Wir sind im Betreuungsbereich ja immer bereit, den einen oder anderen Kompromiss einzugehen, aber so lässt sich ein schulischer Ablauf natürlich nicht organisieren. Statt Argumente sachlich zu äußern, stellten diese Eltern das ganze Konzept infrage und versuchten, den Infoabend zu dominieren.
Und deshalb wollen Sie nicht mehr Bürgermeister sein?
Natürlich nicht! Meine Entscheidung, nicht mehr zu kandidieren, entspringt dem Wunsch meiner Frau und von mir, nach mehr als drei Jahrzehnten, in denen sich alles um Rathaus, Kommunalpolitik und Engagement in Vereinen gedreht hat, einen neuen Lebensabschnitt zu gestalten. Aber, es stimmt schon, Abstand von bestimmten negativen Entwicklungen zu gewinnen, hat auch eine gewisse Rolle gespielt.
In Tröglitz ist vor eineinhalb Jahren der Bürgermeister zurückgetreten, weil er von Gegnern einer geplanten Flüchtlingsunterkunft massiv bedroht wurde. Wissen Sie noch, was Sie damals gedacht haben?
Das weiß ich noch ganz genau. Dass man einen Amtsträger, der versucht, einer Situation gerecht zu werden, derart angeht, das ist ein absolutes No-go! Ein Bürgermeister entscheidet nach bestem Wissen und Gewissen zum Wohle der Kommune und seiner Einwohner, und Kritik – auch berechtigte – darf nie auf die Person durchschlagen. Es gibt eine Grenze, und die ist in Tröglitz meilenweit überschritten worden.
Der Oberbürgermeister von Karlsruhe hat im vergangegen Dezember berichtet, dass Mitarbeiter seines Ordnungsamts regelmäßig angefeindet werden, weil sich Bürger ungerecht behandelt fühlen. Er sprach sogar von einem Reizgasangriff und einem Anschlag auf das Fahrzeug des Ordnungsdienstes. Kommt Ihnen so was vertraut vor?
Also, einen Anschlag auf ein Auto oder einen Reizgasangriff hatten wir zum Glück noch nicht. Aber das Verhalten gegenüber unserem Vollzugsdienst lässt auch oft sehr zu wünschen übrig. Beleidigungen kommen immer wieder vor.
Sind solche Extreme in den vergangenen Jahren extremer geworden?
Im Vollzugsdienst geht es immer schon ein bisschen verrückter zu als in anderen Bereichen der Verwaltung. Ein Stück weit kann ich das auch nachvollziehen, die Leute gehen automatisch in eine Verteidigungshaltung. Aber der Ton macht halt die Musik – und der hat sich in den letzten Jahren sehr verschärft.
Haben Sie eine Erklärung dafür?
Nur Erklärungsversuche. Ich denke, dass die Schnelllebigkeit einen großen Anteil daran hat. Nicht umsonst stehen in den Statistiken der Krankenkassen die psychischen Erkrankungen immer weiter oben. Die Leute haben offensichtlich nicht mehr das Nervenkostüm, sich mit einer Situation vernünftig auseinanderzusetzen. Und dann spielt vermutlich auch der Druck eine Rolle, das Gefühl, dass man immer mehr leisten muss. Wenn man ständig so eine Grundanspannung mit sich herumträgt, geht einem zwangsläufig der Gaul viel schneller durch.
Kann es aber auch sein, dass Verwaltungen noch nicht genug daran gewöhnt sind, dass der Bürger beteiligt werden will?
Also die Zeiten, in denen man gemeint hat, man müsste auf Knien ins Rathaus rutschen und hoffen, dass man gehört wird, sind Gott sei Dank schon ganz lange vorbei. Dass der Bürger heute hinterfragt, wissen und beteiligt werden will, ist gut. Die Entscheidungen werden besser dadurch. Dennoch, und da halte ich es mit Winfried Kretschmann: Der Bürger ist anzuhören, aber nicht zu erhören. Und ich muss auch mal sagen: Es gibt immer noch viele Menschen, die anständig mit anderen umgehen. Dass der kleine Prozentsatz, der sich nicht so sehr an seine Kinderstube erinnert, das öffentliche Bild prägt, ist nicht in Ordnung.
Bürgermeister ist also ein schöner Beruf?
Auf jeden Fall. Und ich würde ihn mir auch wieder aussuchen.
Wie waren die Reaktionen auf Ihre Ankündigung, Bönnigheim abzugeben?
Bedauernd und verständnisvoll. Viele Bürger und Kollegen haben gesagt, dass sie meine Entscheidung gut nachvollziehen könnten.
Also keine Beschimpfungen, Drohungen oder Hassmails?
Um Gottes Willen, nein! Eine kritische Mail hat es gegeben, deren Verfasser sich sinngemäß darüber mokiert hat, dass ich nach 16 Jahren „im Scheinwerferlicht“ einfach den Abgang mache. Aber damit kann ich umgehen. Der Absender ist für seine merkwürdigen Äußerungen bekannt.

Werdegang und Zukunft

Werdegang
Kornelius Bamberger ist seit Juli 2002 Bürgermeister von Bönnigheim. Bamberger ist in Lauda geboren, hat in Ludwigsburg die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung besucht, vor seinem Dienstantritt in Bönnigheim leitete er das Hauptamt der Gemeinde Obersulm im Kreis Heilbronn. Für die Freien Wähler sitzt er im Ludwigsburger Kreistag, dieses Mandat wird er weiter wahrnehmen.

Zukunft
Bürgermeistern stehen nach 16 Amtsjahren 48 Prozent der letzten Dienstbezüge zu, Kornelius Bamberger ist finanziell also abgesichert. Außerdem, sagt er, sei die Familie Bamberger, zu der zwei erwachsene Kinder gehören, schwäbisch sparsam. Konkrete Pläne hat der Noch-Bürgermeister keine. Reisen will er gerne (vielleicht im Wohnmobil durch Europa) und ansonsten abwarten, was sich „beruflich, ehrenamtlich oder im Familienkreis ergibt“.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.posse-um-lautsprecherdurchsage-in-boennigheim-freibad-im-scheissesturm.8d8a6a4f-3040-4123-90f7-b75de64a3d23.html http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.karlsruhe-stuttgart-angriffe-auf-rathausmitarbeiter-kuenftig-gibt-es-strafanzeigen-gegen-poebler.2c2fa829-593d-4819-a461-2803a2c0e734.html http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ruecktritt-wegen-npd-ich-als-kleiner-ortsbuergermeister-bin-geopfert-worden.e33ce747-3826-486f-81ab-5fdd9a257856.html

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