Ausgezeichnet: Lutz Seiler Foto: imago/gezett

Jenseits von Ost und West: Der Lyriker und Romancier Lutz Seiler ist seinen eigenen Weg gegangen und wird dafür in diesem Jahr mit dem Büchner-Preis geehrt.

Vor wenigen Jahren hielt die Bewerberin auf eine Professur für Gegenwartsliteratur einen Vortrag über Lutz Seilers Roman „Kruso“. Die erste Frage aus der Berufungskommission lautete: „Müssen wir uns jetzt wirklich mit der DDR befassen?“. In dem derzeit heiß debattierten Buch des Leipziger Germanisten Dirk Oschmann „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ findet sich die Szene als Beleg für die herablassende Rubrizierung eines „Ost-Autors“.

 

Ein Blick auf die Liste der Büchnerpreisträger der letzten 30 Jahre zeigt, dass darauf die Zahl der in der früheren DDR aufgewachsenen Autorinnen und Autoren noch recht überschaubar ist. Die Ehrung des 1963 in Gera geborenen Lyrikers und Romanciers Lutz Seiler mit dem bedeutendsten Literaturpreis Deutschlands gibt auf jene hochnäsige Frage eine klare Antwort: Will man sich mit dem Kanon der Gegenwart auseinandersetzen, führt an der DDR kein Weg vorbei.

Wobei man sich natürlich fragen könnte, wo die Insel Hiddensee liegt, auf der das 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Romandebüt „Kruso“ des gelernten Baufacharbeiters, Maurers und Zimmermanns spielt. Wer sich an diesem Sehnsuchtsort der DDR aufhielt, der „hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten“, heißt es darin. Einer von ihnen ist der junge Tellerwäscher Ed, der an der Seite seines Meisters Kruso lernt, die innere Freiheit gegen die äußeren Drangsale des Regimes zu verteidigen. Man dürfe in dem lyrisch bewanderten jungen Gehilfen ein Porträt des Schriftstellers als jungem Mann sehen, bekannte der Autor später.

Im Inneren dieses Romans glüht die Lyrik, die Ed am Fluchtpunkt zwischen innerer und äußerer Emigration als Überlebensmittel für sich entdeckt. Gedichte sind der Heimathafen, von dem aus Lutz Seiler einmal aufgebrochen ist und zu dem er immer wieder zurückkehrt. Zum Beispiel in „ortsdurchfahrt culmitzsch“ aus dem Band „schrift für blinde riesen“, einer Ode auf seinen vom Uranbergbau verschlungenen thüringischen Heimatort: „ich kann euch hören, hört ihr mich? Doch da / warn keine stimmen, nur das herz / & sein veraltetes schlagen / gegen den eintritt des dunkels“.

Dass der Lyriker Seiler die Geschichten, die der Romancier Seiler erzählt, gleichsam immer mitsummt, verleiht seinen Büchern ihren unverwechselbaren Sound. „Jedes gute Gedicht kann der gestische Kern eines Romans sein und die Verbindung herstellen zum Ursprung des Genres: zum Epos und seinem Gesang“, schreibt Seiler.

Seine Helden kellnern sich durch die Zeitgeschichte und servieren das Beste, was die Literatur der Gegenwart zu bieten hat. Erzählte „Kruso“ aus dem Blickwinkel eines Ausflugslokals auf Hiddensee die letzten Tage vor der Wende, so schildert der 2020 mit dem Leipziger Buchpreis prämierte Roman „Stern 111“ aus der Untersicht einer Berliner Kellerkneipe die darauffolgende Periode zwischen Zerfall und Neubeginn.

Im Untergrund der Hausbesetzerszene, die eine alternative Lebensform jenseits der beiden Wege von West und Ost ausprägt, wuchert ein anarchisches Leben. Die einstürzenden Altbauten einer längst gentrifizierten Erinnerungsbrache bilden den Boden, auf dem der junge Mann endgültig zum Dichter reift. Und sie spendet den Stoff, aus dem später der erwachsene Autor seinen Roman baut.

Nun ist er im Allerheiligsten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung angekommen. Am 4. November wird er in Darmstadt den mit 50 000 Euro dotierten Büchner-Preis entgegennehmen.