Protest gegen den Pharmakonzern Purdue, der mit dem Schmerzmittel Oxycontin in den USA die Opioidkrise ausgelöst hat Foto: imago/NurPhoto

Wie schafft man es, auf die Abgehängten und Verlierer aufmerksam zu machen? Man macht sie zu Helden eines Romans, der niemanden kalt lässt. Auf den Spuren von Charles Dickens ist Barbara Kingsolver mit „Demon Copperhead“ dieses Kunststück geglückt.

Es gibt einige Romane, die man mit sich durchs Leben trägt, wenn man das Glück hatte, ihnen im richtigen Moment zu begegnen. Charles Dickens’ „David Copperfield“ gehört dazu. Er erzählt von der schwierigen Kindheit eines Jungen, der vom Halb- zum Vollwaisen wird und sich unter den prekären Bedingungen im England des frühen 19. Jahrhunderts durchschlagen muss: Armut, Kinderarbeit, soziale Missstände, die ganze Palette. Doch so prägend wie die Erfahrung des Elends und der Not ist das mit dem Unglück des Protagonisten verschränkte Glück des Lesens: das Überwältigt-Werden von der intensiven Teilhabe an einer erzählten Welt und die unmittelbare Bereitschaft, die eigene geborgene Lage hinter einem Buch wenigstens auf dem Weg gebannten Mitempfindens gegen die Nöte der Handelnden einzutauschen. Lesen macht empathisch.

 

Selten passiert es, dass sich solche Erfahrungen wiederholen lassen. Doch in Barbara Kingsolvers Roman „Demon Copperhead“ sind sie plötzlich wieder da: Figuren, die nicht nur so ähnlich heißen wie bei Dickens, sondern auch Ähnliches durchmachen müssen, und deren Versuche, unter schwierigen Verhältnissen Fuß zu fassen, man mit derselben atemlosen Identifikationsbereitschaft liest, als hätte man in all den Jahren als Leser nichts dazugelernt. Die Handlungsführung entspricht, manchmal bis ins Detail, dem großen sozialrealistischen Vorbild. Doch sonst hat sich einiges getan. Wenn der junge David auf dem Pferd des unangenehmen Emporkömmlings mitreiten darf, der um die Hand seiner jungverwitweten Mutter anhält, ist es bei Demon eine Harley, auf der er zwischen seiner Mom und dem Typen mit dem Nackentattoo wie der Käse auf dem Sandwich dahinknattert.

Sucht, Knast, Gewalt

Auf dem Weg vom England vergangener Tage in die Gegend, durch die dieses Gespann in den späten neunziger Jahren seine Runden dreht, hat die Armut ihr Gesicht verändert. Mit englischen Romanen hat man hier in der Regel nicht viel am Hut, umso mehr mit Superhelden. Und wenn Demon in jungen Jahren nicht so viele von ihnen gezeichnet hätte, wer weiß, ob er mit heiler Haut davongekommen wäre. Wir sind in den Appalachen, einer Gegend in den USA, in der einmal der Bergbau für ein Auskommen gesorgt hat. Heute leben die Bewohner eher von der Hand in den Mund, und was sie sich dabei einwerfen, ist nicht immer gesund.

Demon ist das Kind einer achtzehnjährigen Junkiemutter, die in einem Trailer haust, der Tod wohnt in der Nachbarschaft, und wenn dort nicht auch die herzensgute Familie Peggot leben würde, wäre er vermutlich noch häufiger irgendwo zu Gast. Sucht, Knast, Gewalt prägen den Alltag, aber eben auch Solidarität, Zusammenhalt und Menschlichkeit.

Babara Kingsolver Foto: Evan Kafka/dtv

Barbara Kingsolver begnügt sich nicht mit dem literarischen Bravourstück, einen alten Stoff zeitgenössisch aufzumöbeln, sie nutzt ihn vielmehr als Mittel, einmal die Geschichte derer zu erzählen, die so noch nicht erzählt worden ist. Weil sie als Hinterwäldler, Hillbillys oder Rednecks mit lustigem Dialekt und merkwürdigen Gewohnheiten sonst nur als Schießbudenfiguren für die Spottkanonaden des besseren Amerika herhalten dürfen. Wenn sie nicht gleich als „White Trash“ aussortiert werden, dabei gehört Demon zu den sogenannten Melungeons, die von Weißen, Schwarzen und Indianern abstammen.

Mit Müllkippen kennt er sich aus. Auf der eines indischen Einwanderers, einem Unberührbaren, jobbt der auf seine Weise unberührbare Halbwüchsige, damit er sich den Hunderaum leisten kann, in den ihn seine Pflegeeltern einquartiert haben.

Versunken im Drogensumpf

Unter dem Schutz des von Dickens entlehnten Genregesetzes und begleitet von dem quicklebendigen Sprudeln des mit allen Wassern der Jugendsprache gewaschenen Icherzählers, wagt man sich in den Drogensumpf, in dem gerade ganze Generationen versinken. Der ungefilterten Schilderung des unaufhaltsamen Abwärtssogs entspricht die kristallklare Herleitung seiner Ursachen.

Ein engagierter Lehrer öffnet Demon die Augen: wie das Land von Bergwerksunternehmen aufgekauft wurde und zugunsten des Kohleabbaus alle weiteren Entwicklungsmöglichkeiten systematisch unterdrückt wurden. „Unsere Welt ergab auf einmal einen schrecklichen Sinn: die Dads, die in Unterwäsche rumsaßen und soffen, die Moms, die im Supermarkt mit Coupons bezahlten, die Army-Rekrutierer mit den schimmernden Goldknöpfen, die ihre Ernte aus hoffnungslosen Zukunftsaussichten einfuhren.“

Doch hier muss niemand Schmerzen leiden, auch wenn ein kaputtes Knie die kurzzeitig winkende Football-Karriere ruiniert, dank den Segnungen eines Pharmaunternehmens, das ein wunderbares Mittel entwickelt hat, von dem in kürzester Zeit alle abhängig werden. Dem Bildungsroman des jungen Mannes ist die erschütternde Entbildungsgeschichte der mittlerweile nicht mehr nur in den USA grassierenden Opioidkrise einbeschrieben. Aus der amerikanischen Hinterwelt stößt das Buch damit mitten ins Herz dieses zeitgenössischen Jahrhundertübels vor, an das Demon so viele der ihm liebsten Menschen verliert.

Was soll nur aus einer derart auseinandergefallen Gesellschaft werden? Barbara Kingsolver zeigt das Elend schonungslos, aber sie tut es auf eine Weise, und das ist das Wunder dieses Romans, die zugleich daraus entrückt. Die Superheldenkraft der guten Erzählung bringt die Leute zusammen und holt die, die in prekären Trailern wohnen, heim in die Weltliteratur. Ja, es gibt Drogen, die glücklich machen und nicht den Verstand kosten. Dieses Buch ist eine davon.

Barbara Kingsolver: Demon Copperhead. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. DTV. 864 Seiten, 26 Euro.

Info

Autorin
1955 in Annapolis, Maryland, geboren, wuchs Barbara Kingsolver in einer Arztfamilie in Kentucky auf und lebt heute mit ihrer Familie auf einer Farm in Virginia. Sie wurde mit der National Medal of Humanities geehrt und ist Mitglied der American Academy of Arts and Letters.

Werk
Barbara Kingsolver hat Romane, Gedichte, Essays und ein Memoir verfasst, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet wurden. Für „Demon Copperhead“ erhielt sie 2023 den Pulitzerpreis und den Women’s Prize for Fiction.