Buch zu WMF-Zwangsarbeiterinnen in Geislingen Über brutale SS-Aufseherinnen

Von Corinna Meinke 

Dieses Zaunelement erinnert in Geislingen an den Standort des ehemaligen KZ-Außenlagers in der Heidenheimer Straße. Foto: Jennewein
Dieses Zaunelement erinnert in Geislingen an den Standort des ehemaligen KZ-Außenlagers in der Heidenheimer Straße. Foto: Jennewein

Einfache WMF-Hilfsarbeiterinnen stiegen zu SS-Aufseherinnen auf und wurden wirtschaftlich belohnt. Neues über die Täterinnen und ihre Opfer.

Geislingen - Suppe aus Kartoffelschalen, Schläge für die kleinsten Vergehen und sadistische Misshandlungen standen für die Zwangsarbeiterinnen der WMF Geislingen auf der Tagesordnung. Dieses menschenverachtende System von Ausbeutung und Erniedrigung durch die SS-Aufseherinnen und Kapos und die gefährlichen Arbeitsbedingungen an den riesigen WMF-Pressen schildert Sybille Eberhardt aus Rechberghausen in ihrem Buch „Als das Boot zur Galeere wurde...“.

Sie hat Interviews und Gerichtsakten ausgewertet

Die Autorin und frühere Realschullehrerin für Geschichte hat 18 Interviews von überlebenden Zwangsarbeiterinnen und zahlreiche Gerichtsakten ausgewertet und auf dieser Basis den Leidensweg der polnischen Jüdinnen aus Lodz nachgezeichnet. Diese Frauen lebten seit Kriegsbeginn 1939 im Lodzer Ghetto und wurden über die KZs Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen 1944 als Zwangsarbeiterinnen nach Geislingen gebracht. Dort trafen sie im KZ-Außenlager in der Heidenheimer Straße auf 700 ungarische Jüdinnen.

Bis in die 1990er Jahre lag die Identität dieser insgesamt 820 Frauen und Mädchen im Alter von 12 bis 50 Jahren noch weitgehend im Dunkeln. Erst 1998 thematisierte die Geislingerin Renate Kümmel in ihrer Diplomarbeit die NS-Zeit in Geislingen. Weitere engagierte Geislinger um den ehemaligen SPD-Stadtrat Hansjürgen Gölz ertrotzten in den 1980er Jahren ein Mahnmal an die Zwangsarbeiterinnen auf dem Friedhof. In einer Fernsehdokumentation über das israelische Holocaustmuseum Yad Vashem entdeckte Gölz Jahre später zufällig bei einem Kameraschwenk die Aufschrift „WMF“ auf zwei Ordnern – und so konnten die Namen gesichert werden. Heute ehrt eine Gedenktafel vor der WMF die Frauen.

Die Gedenkstätte am ehemaligen KZ-Außenlager Geislingen ist ganz neu

Zu der Gedenkfeier 70 Jahre nach Kriegsende reiste mit Miryam Sobel 2015 auch eine Überlebende nach Geislingen und reichte dem Oberbürgermeister Frank Dehmer die Hand zur Versöhnung. Und vor wenigen Wochen sind am Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers endlich zwei Gedenktafeln zu Ehren der geschundenen Häftlinge enthüllt worden.

Nun verleiht Sybille Eberhardt mit ihrer sehr ausführlichen Publikation einigen der aus Polen stammenden jüdischen Zwangsarbeiterinnen eine Stimme. Zum Beispiel Mary Warszawska, die sich an eine typische Szene erinnert: „Ich wollte aufs Klo und stand (nichtsahnend) auf. Da kam die SS-Aufseherin gleich auf mich zu und fragte: ,Wo willst du hin?’ Und schlug mich ins Gesicht.“ Eberhardt belegt mit weiteren Zitaten, die Brutalität der weiblichen Kapo Klara Pförtsch, die als politische Gefangene bereits in Ravensbrück zu Kapodiensten gezwungen worden war. Pförtsch drangsalierte hungernde Frauen, die Kartoffelschalen gestohlen hatten oder zu schwach waren, zum Zählappell zu erscheinen: „Wenn sie geschlagen hat, schlug sie so lange, bis sie Blut von der Nase und den Ohren des Opfers rinnen sah.“

Einfache WMF-Hilfsarbeiterinnen stiegen zu SS-Aufseherinnen auf

Eberhardt zeichnet in ihrem Buch das Aufseher- und Kaposystem nach. Sie wolle damit endlich auch die Täter benennen, erklärt die Autorin. So seien einfache WMF-Hilfsarbeiterinnen zu gewalttätigen SS-Aufseherinnen aufgestiegen. Sie seien damit der schweren Arbeit entkommen und wirtschaftlich belohnt worden, erklärt Eberhardt. Dieses System war Teil der WMF-Zwangsarbeit. Eberhardt spricht von einem Anpassungsprozess der WMF, die nach anfänglicher Opposition gegen die Rassenpolitik einen von ökonomischen Interessen diktierten Kurs in einem verbrecherischen Regime verfolgte.

Die WMF, die sich zum Zulieferer der lukrativen Luftwaffenproduktion entwickelte, wurde sogar als Kriegsmusterbetrieb ausgezeichnet. Als im letzten Kriegsjahr die Kapazität gesteigert wurde und männliche Arbeiter fehlten, wurden weibliche KZ-Häftlinge für die „schwere, fast unmenschliche Arbeit“ angefordert.

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