Die Europäische Zentralbank in Frankfurt: Experten gehen davon aus, dass bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU viele Banker von der Themes an den Main ziehen würden. Foto: dpa

Bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU könnten ausländische Banken ein Teil des Europageschäfts aus London verlagern – auch nach Frankfurt. Hier hat die Europäische Zentralbank ihren Sitz. Doch bei Bankern im Ausland ist Frankfurt nicht gerade angesagt.

Frankfurt - Immobilienmakler in Frankfurt scharren bereits mit den Hufen. „Viele stehen in den Start-Löchern“, sagt der Geschäftsführer einer am Main aktiven, britischen Gewerbe-Immobilienfirma. „Wenn der Brexit kommt wird Frankfurt zur Boomtown“, ist er überzeugt. Die jetzt schon hohen Preise für Büros und Wohnungen würden bei einem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen weiter steigen. Gleichwohl: Noch ist vieles Spekulation. „Investiert wird noch nicht“, sagt der Manager. Nach einem möglichen Votum der Briten für den Ausstieg aus der EU, muss es erst einmal einen offiziellen Antrag der Regierung geben. Dann gilt eine Frist von zwei Jahren für die Verhandlungen über die Modalitäten des Ausstiegs.

Klar ist: Sollten sich die Briten tatsächlich für den Austritt entscheiden, dann haben britische, amerikanische und asiatische Banken mit ihren Europa-Zentralen in London – am größten Finanzplatz in Europa – ein gewaltiges Problem. Ihnen fehlt dann der direkte Zugang zur EU: Sie verlieren den sogenannten EU-Pass, der es ihnen erlaubt überall in der EU Geschäfte zu betreiben. „Sie wären abgeschnitten“, sagt Christian Apelt, Volkswirt der Landesbank Hessen-Thüringen. Er hat sich in einer Studie mit dem Brexit befasst. Konsequenz: Die Banken müssten wesentliche Teile ihrer Geschäftseinheiten in die EU verlagern. Neben Finanzzentren wie Paris, Dublin, Amsterdam oder Luxemburg käme vor allem Frankfurt in Frage. Einer aktuellen Umfrage des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität glauben fast 70 Prozent der befragten Banken und Finanzdienstleister, dass „Frankfurt großer Profiteur“ eines Brexit wäre.

Experten halten den Umzug von bis zu 20 000 Bankern für möglich

Wichtigstes Pfund des deutschen Finanzzentrums: Hier hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Sitz und seit Ende 2014 die der EZB angegliederte Europäische Bankenaufsicht (SSM). „Frankfurt wird in jedem Fall profitieren“, sagt nicht nur Apelt. Sondern auch Hubertus Väth, Geschäftsführer der Finanzplatz-Initiative Frankfurt Main Finance. Er sieht eine „klare Chance für den Finanzplatz Frankfurt“. Man sei vorbereitet, sollte es zum Brexit kommen.

Aber es gibt auch zurückhaltendere Stimmen. Es werde kein Beschäftigungswunder geben, glaubt Peter Krahnen, Finanzprofessor an der Goethe-Universität. Apelt dagegen schließt nicht aus, dass 10 000 Banker-Jobs von der Themse an der Main verlagert werden könnten. Manche, wie Professor Martin Hellmich von der Frankfurt School of Finance hält sogar den Umzug von 20 000 Bankern ins deutsche Finanzzentrum für realistisch. Für London wäre das bei 700 000 Arbeitsplätzen im Finanzsektor eine fast „normale“ Schwankung, für Frankfurt wäre es ein gewaltiger Schub. Hier arbeiten „nur“ etwa 60 000 Beschäftigte und damit gut zehn Prozent der Einwohner in der Finanzbranche. US-Investmentbanken wie Goldman Sachs haben ihren europäischen Fokus derzeit in London. Goldman beschäftigt dort rund 6 500 Banker, am Main aber nur rund 200. Ähnlich ist das Verhältnis bei Morgan Stanley. Aber auch die Deutsche Bank dürfte bei einem Brexit einen Teil ihrer 12 000 Stellen aus der britischen Hauptstadt abziehen. Wenn das passiere, würde Frankfurt das Ziel sein, sagt Co-Chef John Cryan.

Moderne Büroräume sind in Frankfurt schon jetzt knapp

Viele Banker scheuen dem Vernehmen nach einen Umzug an den Main, weil Frankfurt immer noch als zu klein und zu langweilig gilt. Der Ruf der Stadt ist nicht gerade gut. Dabei hat sich am Main in den vergangenen Jahren vieles geändert: Im Osten entsteht rund um den Neubau der EZB ein attraktives Quartier direkt am Main, das Bahnhofsviertel wird mit schicken Bars und der Umwandlung von Büros in Altbauten zu Appartements immer mehr zu angesagten Stadtteilen und auch kulturell holt Frankfurt auf – allein mit den angesehenen Museen direkt am Main. Und dass die Stadt vergleichsweise klein ist, sehen Banker als Vorteil. Binnen Minuten kann man sich zum Lunch oder Kaffee treffen. Und in kaum einer Großstadt in Europa ist man so schnell am Flughafen wie in Frankfurt.

Beobachter sind sich sicher, dass bei den Instituten schon fertige Pläne in den Schubladen liegen, zumal moderne Büroräume in Frankfurt schon heute als knapp gelten und die Preise hoch sind. Gleichwohl hoffen britische Geldhäuser und US-Banken, dass es nicht zum Brexit kommt. Kampagnen für den Verbleib Großbritanniens werden dem Vernehmen nach von ihnen jedenfalls massiv unterstützt.

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