Träumt von der Rückkehr auf den WM-Thron: Firat Arslan Foto: Baumann

Firat Arslan, 48, ist ein Phänomen: Der Cruisergewichtler aus Donzdorf will der älteste Weltmeister der Box-Geschichte werden. Wie schafft es dieser Mann, in seinem fast biblischen Sportleralter noch so fit zu sein?

Göppingen - E s gibt Tom Brady (41), den überragenden Quarterback der New England Patriots. Es gibt Dirk Nowitzki (40), die Basketball-Legende von den Dallas Mavericks. Es gibt Claudio Pizarro (40), den Stürmer des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen. Alle sind über 40, alle sind noch aktiv. Mit dem Anspruch an sich und ihre Teams, erfolgreich zu sein. Und dann gibt es Firat Arslan. Den Einzelkämpfer.

Weniger Geld, weniger Glamour, weniger Größe – auf den ersten Blick hat Arslan nicht viel gemein mit dem Trio der Topstars. Und doch ist seine Leistung nicht weniger bemerkenswert. Weil auch der Boxer zur Weltspitze zählt, immer noch. Und das, obwohl er um einiges älter ist. „Firat Arslan ist ein Phänomen“, sagt Ted Lackner, „mit 48 Jahren derart leistungsfähig zu sein, das ist einmalig. Ein Superlativ.“

Lackner (70) weiß, wovon er spricht. Denn er ist nicht nur väterlicher Freund, Motivator und Mentor von Arslan, sondern auch dessen Trainer. Der Österreicher bereitet den Cruisergewichtler (bis 90,7 kg) auf seinen nächsten Kampf vor. Am 17. November trifft Arslan in der Göppinger EWS-Arena auf Sefer Seferi (39). Der Albaner verspricht seinem Kontrahenten ein hartes Duell („Im Ring gibt es Krieg!“), bekundet Arslan aber gleichzeitig seinen Respekt: „Für mich“, sagt Seferi, „ist dieser Mann ein türkisches Wunder.“

Arslan fühlt sich so stark wie nie zuvor

Tatsächlich gerät ins Staunen, wer dem Boxer beim Training zusieht. Kraft, Kondition, Koordination – körperlich gibt es keine Unterschiede zu dem Firat Arslan, der 2007 in Dresden gegen Virgil Hill erstmals Weltmeister des Verbandes WBA wurde. Im Gegenteil. „Ich erlebe gerade die stärkste Phase meiner Karriere“, sagt Arslan. „Ich bin nun nicht nur erfahrener, sondern auch explosiver und effektiver. Ich habe zuletzt viel an der Schlaghärte und meinem Kampfstil gearbeitet.“ Ob es stimmt? Wird sich gegen Seferi zeigen. Doch unabhängig vom Ausgang steht fest: Den Kampf gegen das Alter hat Arslan bisher stets gewonnen. Und schon das ist außergewöhnlich.

Die Frage, wie es einer schafft, auch mit 48 Jahren noch derart fit zu sein, ist nicht leicht zu beantworten. Denn es muss viel zueinander passen. Fleiß, Disziplin, Ehrgeiz, Motivation, Talent, gute Gene, Härte gegen sich selbst. „Fehlt nur ein Faktor, bricht alles zusammen“, sagt Lackner. Dass dies passieren könnte, darüber macht er sich keine Sorgen. Weil Boxen nicht nur die Leidenschaft von Firat Arslan ist, sondern sein Leben. „Es fällt mir schwer, über meinen Abschied zu reden“, sagt der 48-Jährige, „ich fühle noch genug Kraft in mir, um Geschichte zu schreiben.“

Der Dominator im Cruisergewicht heißt Oleksandr Usyk

Arslan will der älteste Box-Weltmeister werden, den es bisher gegeben hat. Diesen Rekord hält Bernard Hopkins, er war 49, als er den WBA-Titel im Halbschwergewicht gewann. Der Weg dorthin ist allerdings weit, schließlich ist Arslan nur in einem der vier großen Verbände gut platziert – bei der WBO steht er auf Position drei der Rangliste. Und es gibt derzeit im Cruisergewicht einen dominierenden Mann. Der Ukrainer Oleksandr Usyk (31) ist Weltmeister der Verbände WBA, WBC, WBO und IBF, als erster Boxer dieser Gewichtsklasse. Arslans einzige Chance ist, dass Usyk eine Pflichtverteidigung platzen lässt und somit einen der vier WM-Titel verliert. „Die Ära Arslan ist noch nicht zu Ende“, sagt der Mann aus Donzdorf voller Überzeugung.

Ein Jahr will der Deutschtürke noch boxen. Mindestens. Physisch und psychisch, erklärt er, sei das kein Problem. Weil er nicht nur eine extrem stabile Deckung habe, sondern auch keine Angst. Nicht vor seinen Gegnern. Und auch nicht vor dem Risiko, einen Treffer zu viel zu kassieren. Den Schlag, der nicht nur seine Zeit im Ring beenden würde, sondern womöglich bleibende Schäden zur Folge hätte. Arslan lässt sich regelmäßig durchchecken, auch neurologisch. „Ich habe zwei Töchter, die Gesundheit ist das wichtigste“, erklärt er, „wenn sich nur die kleinste Veränderung zeigt, steige ich sofort aus.“ Darauf verlässt sich auch Dilek Arslan. „Er liebt seinen Sport“, sagt die Ehefrau des Boxers, „und dennoch ist er dabei so klar, dass er genau weiß, was er tut. Ich vertraue ihm absolut.“

Trotzdem gibt es im Boxen keine Garantie. Weder auf körperliche Unversehrtheit, noch auf Siege. Weshalb Arslan nicht nur gegen sein Alter kämpft. Sondern auch um die letzten Monate seiner Karriere. „Ich will noch mal den WM-Gürtel eines großen Verbandes holen“, sagt er, „doch bei einer Niederlage gegen Seferi wäre diese Perspektive weg.“ Dann würde Arslan aufhören. Weil ein Sportler nur erfolgreich sein kann, wenn er ein Ziel hat. Egal, wie alt er ist.

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