Bordell in Stuttgart Paradise-Gründer Jürgen Rudloff vor Gericht

Von Philipp-Marc Schmid 

Bordell Paradise am Stuttgarter StadtrandFoto:7aktuell.de/Eyb Foto:  
Bordell Paradise am Stuttgarter Stadtrand Foto:7aktuell.de/Eyb

Im Bordell Paradise am Stuttgarter Stadtrand ging es alles andere als paradiesisch zu. Gründer Jürgen Rudloff steht deshalb jetzt wegen Beihilfe zum Menschenhandel vor Gericht.

Stuttgart - Die Stuttgarter Gesellschaft akzeptierte ihn. Obwohl Jürgen Rudloff in Flughafennähe das angeblich größte Bordell Europas betrieb, wurde er nicht abgestempelt. Jahrelang gab es kaum eine Party, auf die er nicht eingeladen war, sogar bei Vernissagen ließ er sich blicken. Und erst recht beim VfB. Sein Image vom gesellschaftsfähigen Saubermann der Erotikbranche, der für politisch korrekte Prostitution steht, ist mittlerweile aber zerstört: Ab Freitag muss sich der 64-Jährige unter anderem wegen Beihilfe zum Menschenhandel und wegen Betrugs vor dem Landgericht verantworten.

Mit seiner Geschichte von freiwillig arbeitenden Prostituierten und seriösen Erotikdienstleistungen zog Jürgen Rudloff durch die Talkshows der Republik. Föhnfrisur, Anzug, Hemd, schwäbischer Unterton – er strotzte nur so vor unternehmerischer Vertrauenswürdigkeit. Doch spätestens als die Polizei Ende November 2014 zur Hausdurchsuchung im Paradise in Leinfelden-Echterdingen und in anderen Objekten aus dem Dunstkreis Rudloffs anrückte, wollten auch die letzten seine Geschichten nicht mehr so recht glauben.

Polizei und Staatsanwaltschaft zweifelten schon länger. Sie hatten zum Zeitpunkt der Durchsuchung schon ein Jahr lang im Verborgenen gegen Rudloff, seinen Pressesprecher Michael Beretin und andere Verdächtige ermittelt. Bis zur Anklage zogen drei weitere Jahre ins Land. Dass er Kontakte zu Rockern hat, leugnete Rudloff in dieser Zeit und auch davor nie. Mit ihnen kooperieren würde er aber nicht, sagte er kurz vor seiner Festnahme in einem ZDF-Interview: „Nie und nimmer.“ Mittlerweile sind sich die Ermittler sicher, dass das eine Lüge war.

Kontakte zu den Hells Angels und zu den United Tribuns?

Das Paradise beim Flughafen eröffnete 2008. Rudloff leitete das Etablissement. Anfangs soll das Geschäft aber alles andere als gut gelaufen sein. Aus dem ersten Geschäftsplan geht hervor, dass die Betreiber mit 60 Prostituierten täglich rechneten. Tatsächlich sollen oft nicht einmal 30 Frauen anwesend gewesen sein, berichten Insider. Ein Problem, für das offenbar schnell eine Lösung gefunden war. Rudloff und seine Kumpanen sollen laut Ermittlern gezielt Kontakte zu den Hells Angels und zu den United Tribuns genutzt haben, um das Paradise mit Prostituierten zu füllen.

„So, wie wir arbeiten, können wir zu 99 Prozent sagen, bei uns gibt’s keine Zwangsprostitution“, erzählte Michael Beretin im Jahr 2014 einem Reporter der britischen BBC. Auch das war aus Sicht der Ermittler eine Lüge. Der heute 51-Jährige, Rudloff und ein weiterer Geschäftsführer sollen von Anfang an gewusst haben, dass Prostituierte aus dem Dunstkreis von Hells Angels und United Tribuns häufig Menschenhandel zum Opfer gefallen seien und zum Anschaffen gezwungen würden. Die Staatsanwaltschaft sieht darin ein Indiz für Beihilfe zum Menschenhandel.

Die beiden Gruppierungen sollen es auch gewesen sein, die in dem Bordell das Sagen hatten, heißt es in Justizkreisen. Die Reutlinger Hells Angels waren demnach für die Sicherheit im Paradise Leinfelden-Echterdingen verantwortlich. Den Auftrag sollen sie schon wenige Monate nach der Eröffnung erhalten haben. Den Rockern sei es dadurch zum einen möglich gewesen, ständig Frauen in dem Bordell zu platzieren und diese zu überwachen. Zum anderen sollen sie Konkurrenten, die Prostituierte hätten abwerben können, am Betreten des Etablissements gehindert haben.

Drohungen, Schläge und Erpressung

Die rockerähnliche Gruppierung United Tribuns agierte nicht nur im hiesigen Paradiese, sondern auch in der später eröffneten Niederlassung in Saarbrücken. Rudloff, Beretin und der Geschäftsführer sollen dafür gesorgt haben, dass Prostituierte der Bande vorrangig in den Bordellen aufgenommen wurden. Der Weltpräsident der Tribuns schickte zum Beispiel seine sogenannte Hauptfrau zum Anschaffen und ließ diese jüngere Prostituierte überwachen.

Drohungen, Schläge und Erpressung sollen zum normalen Umgang mit den Prostituierten gehört haben. Ein Mitglied der Tribuns habe zum Beispiel eine 20-Jährige trotz einer frischen Brust-OP oder einer schmerzenden Intimkrankheit zur Arbeit gezwungen. Dass Rudloff davon nichts wusste, erscheint den Ermittlern unglaubhaft: Der Paradise-Chef hatte ein so gutes Verhältnis zu dem Tribun, dass er 2009 sogar dessen Trauzeuge war.

Das Saarbrücker Paradise spielt auch bei den Betrügereien, die Jürgen Rudloff vorgeworfen werden, eine Rolle. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Rudloff in fünf Fällen Investoren und Darlehensgeber täuschte und deren Gelder teilweise, ähnlich eines Schneeballsystems, zur Zahlung alter Schulden verwendete. Es heißt, ein ebenfalls angeklagter Jurist aus Frankfurt am Main habe ihn teilweise dabei unterstützt.

Ex-Schumi-Manager Willi Weber als Investor?

Rudloff soll im Saarbrücker Eröffnungsjahr 2014 zum Beispiel den Stuttgarter Ex-Schumi-Manager Willi Weber und dessen Tochter überredet haben, ihm über deren Unternehmen 500 000 Euro als Investition in das Bordell zu überweisen. Laut Ermittlern versprach Rudloff ihnen einen monatlichen Gewinn von bis zu 30 000 Euro brutto. Doch das Investment soll sich als wertlos entpuppt haben. „Dieser und die anderen Vorwürfe sind nicht haltbar“, sagt Rudloffs Verteidiger Frank Theumer. Näher ausführen möchte er das aber nicht – um dem Prozess nicht vorzugreifen.

Investoren und Darlehensgeber suchte sich Rudloff laut Staatsanwaltschaft neben Saarbrücken auch für das Paradise-Bordell im österreichischen Graz. „Insgesamt geht es bei den vorgeworfenen Betrugstaten um insgesamt etwas mehr als drei Millionen Euro“, sagt Johannes Fridrich, Sprecher des Stuttgarter Landgerichts. Das Geld soll Rudloff laut Staatsanwaltschaft aber nicht nur zum Abbau von Schulden, sondern auch zur Finanzierung seines Lebensunterhalts verwendet haben. Die Ermittlungsbehörde geht davon aus, dass Rudloff in den Jahren 2012 bis 2014 monatlich rund 15 000 Euro Schulden machte. Er soll alleine bei Breuninger für 40 000 Euro im Jahr eingekauft und für ein Ferienhaus in Kitzbühel monatlich etwa 3000 Euro Miete bezahlt haben.

Als die Staatsanwaltschaft Stuttgart und das Landeskriminalamt im November 2014 unter anderem das Paradise in Leinfelden-Echterdingen durchsuchten, ihre Ermittlungen öffentlich machten und Beretin und den Geschäftsführer des Bordells in Leinfelden-Echterdingen verhafteten, entschied sich Rudloff im Dezember dazu, in die Schweiz zu reisen. Die Ermittler werten das als Flucht. Im Gepäck soll Rudloff damals 250 0000 Euro in Bar gehabt haben.

Paradise-Gründer sitzt in U-Haft

Die Hausdurchsuchungen, die Festnahmen – die Vorgänge im Paradise sorgten bundesweit für Schlagzeilen. Doch dann wurde es still um den Fall. Beretin und der Geschäftsführer kamen aus der Untersuchungshaft. Da, so vermuten es die Ermittler, habe Jürgen Rudloff sich wieder so sicher gefühlt, dass er Ende 2016 von Zürich aus wieder zurück nach Stuttgart reiste. Aus seiner Sicht wahrscheinlich ein Fehler: Der Paradise-Gründer sitzt seit September in Untersuchungshaft.

Am Freitag wird Rudloff seinen ersten öffentlichen Auftritt seit langem haben. Es werden wieder Kameras auf ihr gerichtet sein. Und auch Fragen wird er wieder gestellt bekommen, so wie einst von Günther Jauch, Sandra Maischberger und anderen Talkmastern. Antworten wird er dieses Mal als Angeklagter in Saal 1 des Stuttgarter Landgerichts aber erst mal nicht. „Das habe ich ihm geraten“, sagt Anwalt Theumer. Zu einem späteren Zeitpunkt in dem auf ein Jahr angesetzten Prozess könne sich das aber noch ändern.

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