An Wochenenden, Feiertagen und nachts gibt es in Frauenhäusern nicht überall einen professionellen Bereitschaftsdienst. Foto: dpa

An die Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt wenden sich immer mehr Frauen. Bisweilen müssen die Betroffenen anonym untergebracht werden – doch bei der Vermittlung in eine sichere Unterkunft gibt es mitunter Schwierigkeiten.

Böblingen - - Bei der Vermittlung von misshandelten Frauen in ein Frauenhaus gibt es manchmal Probleme. Wie im Fall einer 33-Jährigen, die jüngst vor dem Böblingen Amtsgericht gegen ihren Ehemann aussagen sollte. Ihr

46-jähriger Gatte musste sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Laut dem Polizeiprotokoll hatte er seine Frau mehrmals brutal geschlagen und beleidigt. Die 33-Jährige alarmierte die Polizei, die sie in ein Frauenhaus bringen wollte. Doch sei das daran gescheitert, erklärte ein Polizist dem Richter, dass am späten Abend kein Notdienst die Betroffene habe aufnehmen können.

Dabei wächst offensichtlich die Zahl der Hilfesuchenden. Immer mehr Frauen wenden sich an die Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt in Böblingen. Doch stößt sie an ihre Grenzen. Die Diplompädagogin Karin Zimmermann hilft, wenn sie kann – jedoch verfügt sie nur über eine 25-Prozentstelle. 233 Mal hat sie im vergangenen Jahr Frauen beraten, die von Männern attackiert worden sind. Insgesamt wandten sich 146 Opfer an die Beratungsstelle. „Wir erreichten damit einen Höchststand“, bilanziert Zimmermann für das vergangene Jahr. Vom 1. Juli an stellt der Verein Frauen helfen Frauen, der Träger der Beratungsstelle ist, halbtags eine zusätzliche Kraft ein. Der Engpass ist damit behoben, ein anderer nicht: Im Kreis gibt es immer noch kein Frauenhaus.

33-Jährige musste zu ihrem Peiniger zurück

Oft sind es Polizeidienststellen, Ämter oder soziale Einrichtungen, die den Kontakt zur Beratungsstelle suchen, um eine Betroffene zu vermitteln. „Selten wenden sich die Frauen direkt an uns“, berichtet Karin Zimmermann. Das liege wohl daran, dass die wenigsten der Opfer von der Unterstützung wüssten.

Auch die 33-Jährige wandte sich nicht an die Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt. Nach dem Übergriff ihres Mannes wurde sie von der Polizei wieder nach Hause gebracht. In welches Frauenhaus sie die Beamten an jenem Abend vermitteln wollten, darüber gab die Polizei keine Auskunft. „In manchen Frauenhäusern gibt es nachts keinen Notdienst für eine sofortige Aufnahme“, sagt Wilma Römer vom Verein Frauen helfen Frauen im Kreis Böblingen, wo es seit dem Jahr 2011 kein Frauenhaus mehr gibt. „Wir haben nachts einen Anrufbeantworter geschaltet. Wenn die ehrenamtliche Helferin schläft, erhält die Frau erst am nächsten Tag einen Rückruf“, bestätigt Marion Berberich vom Frauenhaus Calw, wo oftmals Frauen aus dem Kreis Böblingen Unterschlupf finden. Die Aufnahme sei in einem solchen Fall sehr schwierig zu organisieren, sagt Berberich, weil das Frauenhaus für den Nachtdienst unter der Woche keine finanzielle Unterstützung erhalte.

Frauenhaus konnte nicht mehr wirtschaftlich geführt werden

Geldsorgen plagten auch den Verein Frauen helfen Frauen in puncto Frauenhaus in Sindelfingen. Es sei zu groß gewesen. „Es konnte nicht mehr wirtschaftlich geführt werden“, sagt Wilma Römer. Die Zuschüsse hätten nicht ausgereicht. Man sei immer noch auf der Suche nach einem geeigneten Gebäude im Kreis Böblingen, das Landratsamt wolle dabei helfen.

Die 33-Jährige wollte im Übrigen vor dem Amtsgericht nicht aussagen. Außerdem zog die misshandelte Frau ihre Anzeige gegen ihren Ehemann zurück.

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