Idyllisch, aber abgehängt vom Zentrum des Landes ist die 20 000-Einwohner-Stadt El Guettar. Foto: Wicke-Naber/Hotz-Landratsamt

Der Landkreis Böblingen hilft beim Demokratieaufbau in El Guettar. Die Stadt Sindelfingen unterstützt den Neubau einer Stadt in Algerien.

Böblingen/El Guettar - Idyllisch ist die Lage von El Guettar am Fuße des Orbata-Gerbirges. Eine Kleinstadt mit 20 000 Einwohnern, ruhig und friedlich, aber auch sehr abgelegen. Sechs Autostunden sind es bis zur Hauptstadt Tunis. Der Fortschritt hat in der Vergangenheit im zentralistisch regierten Tunesien zumeist einen großen Bogen um die Stadt gemacht.

Seit Kurzem jedoch blickt das ganze Land auf die Kleinstadt im verarmten Süden. Denn El Guettar hat geschafft, wovon andere, weit größere Städte nur träumen: Es hat erfolgreich aus eigener Kraft ein Projekt entwickelt und in der vergangenen Woche den ersten kommunalen Wertstoffhof des Landes eröffnet. Unterstützt wurde die Stadt dabei von Experten des Böblinger Landratsamts.

Die Stimmung im Land schwankt ­zwischen Enttäuschung und Hoffnung. Enttäuschung über den nur schleppenden Demokratisierungsprozess, der vor acht Jahren mit dem Arabischen Frühling begonnen wurde, aber nicht so recht in Gang kommt. Postengeschacher und Korruption lähmen die Entwicklung. „Ich glaube an gar nichts mehr. Das ist doch immer das Gleiche“, sagt Mounira Allagui resigniert. Die Dolmetscherin drückt damit aus, was viele Tunesier denken.

Im Oktober wurde ein neuer Staatspräsident gewählt, seitdem gibt es einen Hoffnungsschimmer. Denn Kais Saied hat den Kampf gegen die Korruption aufgenommen und eine basisdemokratische Entwicklung versprochen. Der Staat soll nicht länger nach französischem Vorbild von oben regiert, sondern von unten aufgebaut werden.

Das kleine El Guettar macht vor, wie das geht. Vereine und Bürgerinitiativen sind dort in den vergangenen Jahren entstanden. Diese wollen ihre Stadt voranbringen. Es gibt Gruppen, die sich um Verbesserungen für behinderte Menschen kümmern. Es gibt Organisationen, die Angebote für junge Leute machen. Und es entstand der Umweltverein, der die Mülltrennung und das Recyceln von Wertstoffen einführen möchte. Mit Unterstützung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und dem Abfallwirtschaftsbetrieb des Kreises Böblingen ist nun der erste Schritt gelungen – und der Wertstoffhof wurde vom Böblinger Landrat Roland Bernhard eingeweiht.

Damit die Anlage ins Laufen kommt, hat der Umweltverein Multiplikatoren ausgebildet. Dabei setzt man vor allem auf junge Leute, die zahlenmäßig größte Bevölkerungsgruppe. Jugendliche Botschafter gehen an die Schulen und erklären Gleichaltrigen das Mülltrennsystem. Als Anreiz zum Müllsammeln winkt eine Verrechnung mit den Steuern. Für gesammelte Plastikflaschen und Tetrapaks gibt es jedes Mal eine Quittung. Am Ende des Jahres können die Bürger ihre Bons im Rathaus gegen ihre Steuerschuld verrechnen lassen. Wer viel sammelt, bekommt vielleicht sogar noch etwas heraus.

Wolfgang Bagin und Wolfgang Hörmann vom Böblinger Abfallwirtschaftsbetrieb, die das Projekt begleitet haben, werden das auch weiterhin tun. Und das nächste Projekt ist schon in Planung: die Kompostierung des Biomülls. „Das macht wirklich Sinn. 70 Prozent des Hausmülls in El Guettar sind Biomüll“, sagt Bagin.

Für die Menschen in El Guettar bedeutet der neue Wertstoffhof viel mehr als eine Möglichkeit, um Steuern zu sparen. Der Erfolg ihres Projekts, über das auch im tunesischen Fernsehen berichtet wurde, beflügelt die Menschen im Ort. Sie setzen auf die Kooperation mit den Deutschen. Davon erhoffen sie sich Fortschritt und Kontakte nach Europa. „Mein Haus steht allen Böblingern offen“, wirbt die Mittvierzigerin Ishraf um Besucher.

Sindelfingen hilft in Algerien

Das Projekt „Interkommunaler Wissenstransfer Maghreb–Deutschland“ wurde 2016 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) initiiert. Städte und Kommunen können sich für konkrete Projekte der Stadtentwicklung, Abfallwirtschaft oder andere Themen Partner in Deutschland suchen. Die deutschen Städte stellen ihr Know-how zur Verfügung. Finanziert wird alles vom BMZ, das auch die Reisekosten für die deutschen Delegationen und Experten trägt. Die Koordination hat die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) übernommen.

Aktuell gibt es 14 interkommunale Partnerschaften zwischen deutschen Städten und Kommunen in Algerien, ­Tunesien und Marokko. Gleich zweimal ist dabei der Kreis Böblingen vertreten. Neben der Kreisverwaltung, die sich in El Guettar engagiert, ist auch Sindelfingen dabei. Die Stadt berät Annaba im Nordosten Algeriens. Weil Annaba stetig wächst, soll eine zweite, komplett neue Stadt neben der bestehenden errichtet werden. Platz für 250 000 Einwohner plus der notwendigen Infrastruktur soll es geben.

Die Planer aus Algerien holen sich dafür Hilfe beim Stadtplanungsamt in Sindelfingen. Bisher ging es vor allem um die Digitalisierung der Geodaten. Dafür waren Vermessungstechniker aus dem Sindelfinger Rathaus in Annaba. Zudem wurden acht Architekten und Stadtplaner aus Annaba dieses Jahr im Sindelfinger Rathaus geschult. Ein weiteres Projekt, bei dem Sindelfinger Expertise gefragt ist, ist der Bau eines neuen Klärwerks, das die algerische Stadt plant. Auch dafür gab es einen Expertenaustausch zwischen den Städten. „Das Projekt läuft sehr gut. Die erste Phase ist nun abgeschlossen“, berichtet Julian Stahl vom Internationalen Büro der Stadt. „Nun schauen wir, wie wir weitermachen können.“

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