Hat dem Nationalen Bildungsrat den Stecker gezogen: der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Foto: dpa

Der Ausstieg Bayern und Baden-Württembergs aus dem nationalen Bildungsrat ist keine Katastrophe.

Berlin - Es ist keine Katastrophe, dass Bayern und Baden-Württemberg aus dem nationalen Bildungsrat aussteigen. Eher ist es ein Glücksfall. Der Weg zu einem deutschlandweiten Zentralabitur ist damit länger geworden, und das ist gut so.

Nicht nur im Sinn der bayerischen Interessen. Obwohl Ministerpräsident Markus Söder natürlich recht mit der Behauptung hat, dass das nationale Zentralabitur auf eine Absenkung der bayerischen Standards hinausliefe. Vor allem aber im Sinn einer weltoffenen modernen Bildungspolitik ist das Zentralabitur ein Irrweg. In ihm spricht sich die rückwärtsgewandte Sehnsucht nach einem Stück Sicherheit in der bunten, vielgestaltigen globalen Welt aus, nach einem festen Anker der Gewissheiten, der, einmal schulisch vermittelt, ein Leben lang festen Halt gewährt.

Aber wie schwierig – eigentlich unmöglich – außerhalb der Naturwissenschaften die Einigung auf einen solchen festen Kanon ist, zeigen die endlosen Debatten darüber, welche literarischen Werke tatsächlich kanontauglich sind. Schule kann diese unverrückbare Wissensbasis nicht mehr liefern. Aber sie kann und muss Werkzeuge bereitstellen, das Relevante vom Beiläufigen zu trennen. Die Wege, wie sie das erreicht, auch die Beispiele, anhand derer sie diese Techniken vermittelt, sind vielfältig. Das lässt sich mit einer bundesweit für alle Gymnasien verschriebenen Anweisung nicht regeln. Daher ist das Schwärmen vom Zentralabitur eine nostalgische Naivität.

Es gibt keine gleichen Lernbedingungen

Es hätte nur dann Sinn, wenn den identischen Abiturprüfungen auch gleiche Lernbedingungen entsprechen. Die aber sind schon zwischen zwei benachbarten Schulen nicht herzustellen – und erst recht nicht zwischen Bundesländern. In den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen ist das soziale Umfeld der Lernorte eben viel komplizierter, angespannter und heterogener als im stabilen Bayern mit funktionierenden ländlichen Regionen und besten Lernvoraussetzungen.

Zentralisierung erstickt Kreativität

Schule ist (auch) der Ort, an dem jungen Menschen ihr Lebensumfeld aufgeschlossen und begreifbar gemacht werden soll. Ihr Umfeld aber ist in höchstem Maße unterschiedlich. Es ist zweifelhaft, ob der gymnasiale Geschichts- oder Politikunterricht in Passau oder Aachen wirklich mit denselben Methoden dieselben Inhalte bearbeiten sollte wie in Cottbus, Chemnitz oder Hoyerswerda. Genau das aber verlangt die Vorgabe einheitlicher Prüfungen, die ja auch einheitliche Themenbehandlungen nebst einheitlichen Lektürelisten verlangen. Weder soziale noch regionale Unterschiede können so berücksichtigt werden – wie überhaupt die Kreativität der Lehrenden und das individuelle Profil der Schulen, auch ihr Wettbewerb der besten Ideen eingeebnet werden zugunsten einer ministerialbürokratischen Bildungsplanwirtschaft.

Mehr Autonomie für Universitäten

Ehrlichkeit in der Bildungspolitik bedeutet auch die Einsicht, dass Abiturnoten eben nur sehr begrenzt vergleichbar sind. Das ist nicht schlimm, wenn daraus die richtigen Konsequenzen gezogen werden. Dazu gehört die Möglichkeit für die Universitäten, die akademische Eignung der Studierenden nach eigenen Kriterien noch gründlicher zu testen. Oder die Bedeutung weiterer Qualifikationen – wie eine abgeschlossene Lehre, Praktika oder einschlägige Berufserfahrung – im Zuge von Bonus-Systemen noch stärker zu gewichten. Das alles ist besser, als durch das Zentralabitur die Illusion zu nähren, mit bildungspolitischer Gleichmacherei den Anforderungen der globalisierten und immer stärker individualisierten Welt zu entsprechen.

norbert.wallet@stzn.de

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