Alle wollen die Bienen retten. Aber nicht alle können es. Deshalb bietet Oliver Hauck seine zur Miete an.
Rottenburg - Der Weg zum Imker dauert einen Mausklick. Komplett montiert kommt die Easy Bee Box aus dem Online-Shop auf den eigenen Balkon. Der Bienenkasten hat nicht nur einen funky Namen und eine hübsche Holzoptik, sondern auch noch einen cleveren Aufbau. Der macht es möglich, dass sich die Bienenpflege binnen weniger Stunden im Jahr und vor allem mit wenig Bienenkontakt erledigen lässt. So versprechen es die Macher. In der Vox-Gründershow „Die Höhle der Löwen“ stellte das Studententrio seine Easy Bee Box vor. Auch Oliver Hauck hat die Sendung gesehen. Er fand sie „erschreckend“. Den Plan der Hipster-Imker indes teilt er wohl: Er will mehr Bienenvölker unters Volks bringen.
Hauck, 35, steht im Kapuzenpulli in einem Märchengarten hoch über Rottenburg. Hier wächst viel und davon wenig akkurat. Der Garten liegt an einem Hang, das dazugehörige Wohnhaus einen Bergmarsch darüber. Dahinter ist Wald. Vögel zwitschern, Herbstlaub leuchtet, die Abendsonne auch, alles ist golden. Bienen drängeln um zehennagelgroße Einfluglöcher in ihren Behausungen. „Beute“ heißen Letztere in der Fachsprache. Hauck hat fünf solcher Holztürme auf dem Garagendach. In jedem lebt ein Volk mit 60 000 Bienen. Er besitzt noch einige Hunderttausend mehr. Die wohnen anderswo. Er hat sie vermietet.
Passt der Standort?
Bei den Easy-Bee-Box-Anbietern aus der Fernsehsendung wirkt Bienenhaltung so aufwendig wie die Zubereitung einer Tiefkühlpizza. So einfach sei das aber nicht, meint Hauck: „Das sind doch Tiere! Für die hat man Verantwortung.“ Die Arbeit gibt er deshalb lieber nicht in andere Hände. Auf ein Minimum einstampfen will er sie schon gar nicht. Hauck ist Bienen-Dienstleister. Unternehmen oder Privatpersonen, die ein Stückchen Wiese, aber wenig Zeit und Ahnung haben, leasen Völker bei ihm. Die Betreuung übernimmt er.
Bevor er die Bienen bringt, schaut er sich vor Ort um: Passt der Standort? Steht die Beute zu nahe beim Pausenbänkchen des Firmenpersonals? Zu dicht an der Grundstücksgrenze? Könnte sie Nachbarschaftszwist heraufbeschwören? Sind die Bienen eingezogen, schaut er bis zu zweimal wöchentlich nach dem Rechten. Er kontrolliert, ob der Honig reif oder den Bienen der Platz zu eng geworden ist. Ehe sie zu schwärmen und abzuhauen drohen, vergrößert er den Holzkasten oder entnimmt Bienen und macht ein Ablegervolk. Von August an füttert er sie für den Winter ein. Er putzt, nimmt altes Wachs heraus und setzt es eingeschmolzen und erneuert wieder ein.
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Oft hat Hauck Beobachter auf Balkonen und hinter Bürofenstern. Mitunter organisiert er Wachskerzengießen für die Belegschaft oder lässt Azubis in Schutzanzügen beim Honigschleudern helfen. Den Ertrag ihrer Bewohner dürfen die Mieter freilich behalten. Bis zu 30 Kilo Honig lässt sich pro Volk und Jahr gewinnen, wenn es gut läuft. 2021 lief es nicht gut. Bienen machen Honig aus Blütenpollen und Nektar, und die hat der Sommerregen dauernd abgewaschen. Aber nur ums Schlecken geht es den Bienenmietern eh nicht. Vor allem wollen sie zum Umweltschutz beitragen, sagt Hauck. Und die Unternehmer unter seinen Kunden wollen diesen Beitrag kundtun. Auf Wunsch lasert er Firmenlogos in die Beuten, damit die Firmen ihre Bienenbegeisterung vermarkten können. Greenwashing? Findet Hauck nicht. Bei seinen Kunden passen die Bienen zur Philosophie, sagt er.
Hauck ist Schulsozialarbeiter, Bienenvermieter nur im Nebenberuf. Sein Opa hat ihn auf den Trichter gebracht, dem hat er als Kind beim Imkern zugeschaut. Danach war Fußball spannender. Später hat ihn ein Kumpel wieder mit dem Bienenhobby angesteckt. Dabei passt es eigentlich nicht zu ihm. Hauck mag keine Hitze, und im Sommer suppt der Schweiß unter dem Schutzanzug.
Das große Ganze
Aber die Winzlinge haben es ihm angetan. Weil sie das große Ganze sichern. Bienen bestäuben Wild- und Kulturpflanzen, garantieren Futter für Tiere und satte Ernten für Menschen. „Man braucht sie einfach. Sie zeigen, wie alles zusammenhängt“, schwärmt Hauck. Eine Nachbarin etwa freue sich über viel mehr Äpfel an ihren Bäumen, seit er Bienen halte.
Er entwickelte eine Mission. Einerseits wollte er Phobiker überzeugen: So schlimm sei das nämlich nicht mit den Bienen, sie stächen gar nicht so oft, schwört er. Ihn natürlich schon, aber er beschäftige sich ja auch besonders häufig mit ihnen. Andererseits wollte er Laien einen niederschwelligen Zugang ermöglichen. Bienen für alle! Die Idee ging ihm lange durch den Kopf. Während seiner Elternzeit, wenn die Kinder Mittagsschlaf hielten, knobelte er an der Umsetzung. Im Januar gründete er seinen Bienenverleih „Bee-Ro“. Funky Namen kann auch er.
Mit dem Unternehmen bedient er einen Trend. Bienen boomen. Schuld ist ihr Ableben. Schottergärten und gestutzte Rasen, Düngemittel und aufgeräumte Kulturlandschaften lassen Insekten sterben. Habitate schwinden, Nahrung fehlt. Eingeschleppte Krankheiten und Parasiten machen Völkern den Garaus. Gefährdet sind vor allem Wildbienen, die auf weiter Flur in Erdlöchern leben und auf bestimmte Pflanzen angewiesen sind. Für Wirtschaftsbienen ist die Lage weniger prekär – die kann der Imker mit Medikamenten gegen Milben schützen und mit Zuckerwasser über den Winter päppeln. Doch spätestens seit dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ 2019 haben alle Bienen eine Lobby. Die Landtage von Baden-Württemberg und Bayern erließen neue Naturschutzgesetze, die weniger Pestizide, mehr Biolandwirtschaft und die Wahrung von Streuobstwiesen vorsehen. In der Gesellschaft wächst die Fangemeinde. Weil Natürliches furchtbar angesagt ist, erobern Bienen auch die Badezimmerschränke. Kosmetikhersteller werfen Bienenwachs-Lippenbalsam und Bienenwachs-Gesichtscreme auf den Markt, mit Honig-Bodylotion wird gegen trockene Ellbogen angesalbt. Um schmierige Butterbrote einzuwickeln, nutzt der moderne Klimaschützer nachhaltige Bienenwachstücher statt böser Frischhaltefolie. Und immer mehr Menschen wollen selber Bienen haben.
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Beim Deutschen Imkerbund steigen die Mitgliederzahlen seit Jahren rasant. „Als ich im Imkerverein anfing, war das eine eingestaubte Runde aus alten Herren“, sagt Oliver Hauck. Jetzt sind mehr Frauen dabei, der Altersdurchschnitt sinkt, der Verein wächst. Drei Kilometer Luftlinie von Haucks Garten hat sich sogar Bischof Gebhard Fürst zwei Bienenstöcke vor seinen Dienstsitz gestellt, um bischöflichen Honig zu ernten.
Problematisch an der kollektiven Bienenliebe sind aus Expertensicht nicht nur zugeschnittene Anfängerpakete wie die Easy Bee Box. Bienenvölker gibt es auf Ebay, den Grundkurs Imkern in 13:19 Minuten auf Youtube. Aufwendige Schulungen? Intensiver Austausch? Braucht es nicht, suggerieren Online-Tutorials. Im Auftrag der Naturverbundenheit wird munter hinter Hecken herumdilettiert. Der Imkerbund schlägt Alarm: Viele Berichte für Neueinsteiger seien fehlerhaft, die Zunahme an nicht ausgebildeten Bienenhaltern sei zu unterbinden. Wer nicht bereit sei, von Bieneninstituten, staatlichen Fachberatern oder im Verein zu lernen, solle sich lieber keine Bienen anschaffen, heißt es vom Verband.
„Da fehlt mir die Kontrolle“
Hauck will mit seiner Firma einem laxen Verhältnis zu Regeln vorgreifen. Freizeitimker müssen im Gegensatz zu Erwerbsimkern keine Prüfung ablegen und brauchen keinen Bienenhaltungsschein. „Da fehlt mir die Kontrolle“, sagt Hauck. Zumal bei kleinen Tieren Fehler weniger ins Auge stechen. „Bei Hühnern fällt es jedem auf, wenn der Halter es nicht richtig macht. Bei Bienen sieht man es nicht. Das ärgert mich.“ Ein Bienenhalter bat ihn einmal um seinen Kennerblick. Irgendwas war los im Volk, der Besitzer kam nicht auf die Ursache. Hauck sah sie auf den ersten Blick: Ein Sturm hatte den Deckel der Beute weggefegt. Oder noch so ein Anfängerfehler: Die Beute gar nicht erst richtig dicht machen. Dann schlagen Mäuse zu.
Jeder Imker muss zudem seine Bienenvölker beim Veterinäramt melden. Das tun nicht alle. Erst im Frühjahr brach zwei Dörfer weiter die Amerikanische Faulbrut aus. Hochansteckend und hochgefährlich für Bienen, der Landkreis richtete einen Sperrbezirk ein und ordnete amtstierärztliche Untersuchungen an. „Da geht einem als Imker die Pumpe, wenn man von nicht gemeldeten Völkern weiß.“
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Klar, sagt Hauck, schwimme er auf der Nachhaltigkeitswelle mit. Wenn sich die Rottenburger Stadtwerke ein Bienenvolk neben ihr Stauwehr stellen, findet er das natürlich sinnvoll. Auch Unternehmensberater hat er schon beliefert, einen Verein für Kinderkulturarbeit und eine Reinigungsfirma. Deren Leitung verweigert sich auf dem Firmengelände jeglicher Ordnung. Gras darf im Garten wuchern, ein bisschen wüst sieht es aus, ein Schlaraffenland für die neuen Anwohner.
In Haucks Garten schwirrt es. Bei mehr als zwölf Grad fliegen Bienen aus. Nur die Suche nach Nektar bleibt nach dem Sommer erfolglos. Die kalte Zeit ist eine Zäsur. Es braucht Erfahrung, um die Völker durchzubringen, Profis rechnen mit 20 Prozent Verlust. Wer vermietet, muss deshalb mehr Völker anlegen, als er Nachfrage hat. Hauck lupft einen Beutendeckel. Oben ist Wachs, in der Mitte Brut, alles wuselt. Der Winter kann kommen.