Auf dem Pragfriedhof ist das Gräberfeld seit 2014 belegt: Auf dem Dornhaldenfriedhof gibt es nun Bereiche, in denen die anonymen und die der angeordneten Begräbnisse angelegt sind. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

In Großstädten sterben immer mehr Menschen, die niemanden haben, der sich später um die Pflege des Grabes kümmert. Auch in Stuttgart ist die Zahl der Bestattungen von Menschen ohne Angehörige stark gestiegen. Die Kirchen sind alarmiert.

Stuttgart - In Stuttgart gibt es mit einem Anteil von 38,2 Prozent die meisten Singlehaushalte in Baden-Württemberg. Mehr als ein Drittel von diesen ist im Rentenalter. Das ist ein Grund dafür, dass 2015 die Zahl der angeordneten und der anonymen Begräbnisse so hoch war: 681 sind es gewesen, bei 5170 Bestattungen insgesamt sind das 13 Prozent.

Dieser Wert setzt sich aus zwei Zahlen zusammen: So wurden im vergangenen Jahr 324 Verstorbene auf eigenen oder auf Wunsch ihrer Angehörigen anonym beigesetzt. Zumeist deshalb, weil sie niemandem zur Last fallen wollten oder die Angehörigen weit entfernt leben und für die Grabpflege nicht aufkommen können oder wollen.

Die Zahl der anonymen Begräbnisse, denen oft eine Trauerfeier vorangeht, hat in den vergangenen Jahren dagegen um 15 Prozent abgenommen – „entgegen dem Bundestrend“, wie Stefan Braun vom Garten- und Friedhofsamt betont. Er führt diese Entwicklung darauf zurück, dass die Stadt vermehrt Alternativen zur anonymen Bestattung wie Baum- und Wiesengräber oder nun auch Gemeinschaftsgrabanlagen anbietet.

Angeordnete Begräbnisse

Was aber zunimmt und weiter wachsen wird, sind die vom Amt für öffentliche Ordnung angeordneten Begräbnisse von Menschen, die ohne Angehörige sind oder solche haben, die wegen zerrütteter Familienverhältnisse nicht bereit sind, sich um eine Bestattung zu kümmern. Diese Fälle, die in aller Regel anonym beerdigt werden, sind seit 2012 von 277 auf 357 gestiegen, das entspricht einem Plus von rund 29 Prozent.

Bei dieser Gruppe von Verstorbenen findet nur in rund einem Viertel der Fälle eine Trauerfeier statt. „Der Rest wird sang- und klanglos verscharrt, ohne öffentliche Würdigung“, sagt Pfarrerin Astrid Riehle, Referentin im evangelischen Stadtdekanat. „Diese Zahlen sind prekär“, erklärt auch Anton Seeberger, Pfarrer in St. Konrad, er vertritt die Katholische Kirche am Runden Tisch Friedhofskultur beim Garten- und Friedhofsamt der Stadt. „Für die Kirchen ist das ein Alarmsignal, und auch dem Friedhofsamt ist das ein Dorn im Auge“, macht Astrid Riehle deutlich. Schon in der alten Kirche, betont die Pfarrerin, hätten sich Christen „durch eine liebevolle Bestattungskultur“ ausgezeichnet. Heute gehe es auch um eine Botschaft an die Gesellschaft über den Umgang mit Verstorbenen.

Das ist dem Garten- und Friedhofsamt ebenfalls ein großes Anliegen. „Wir brauchen auch im Anordnungsfall einen würdigen Rahmen, unabhängig von der sozialen Einbindung der Menschen“, sagt Amtsleiter Volker Schirner. So ist auch einiges in Vorbereitung, das den immer mal wieder erhobenen Vorwurf der anonymen Massenbestattungen entkräften soll.

Arbeitsökonomische Gründe

Das Gräberfeld auf dem Pragfriedhof ist schon seit 2014 belegt. Seither wird der Dornhaldenfriedhof dafür genutzt. Dort sind nun die Bereiche der gewünschten anonymen und die der angeordneten Begräbnisse getrennt. Derzeit ist es noch so, dass die Urnen zusammen bestattet werden, aus arbeitsökonomischen Gründen wartet man, dass 20 bis 30 zusammengekommen sind. Doch bald sollen die Urnen zumindest räumlich einzeln in die Erde eingebracht werden. Stefan Braun geht davon aus, dass der bestellte „Einzelbohrer“, der dies möglich macht, „noch im ersten Halbjahr“ eingesetzt werden kann.

Und das Amt plant, an zentraler Stelle auf dem Dornhaldenfriedhof eine Tafel mit den Namen der anonym bestatteten Verstorbenen anzubringen. Das ist ganz im Sinne der Kirchen. „Wichtig ist, dass die Namen der Menschen nochmals öffentlich genannt werden“, erklärt Anton Seeberger. Pfarrerin Astrid Riehle sagt: „Biblisch heißt es: Eure Namen sind im Himmel geschrieben.“ Auch mit der Tafel ist für Außenstehende dann zwar weiterhin nicht ersichtlich, wer an welcher Stelle beerdigt ist, das Amt weiß das aber. Dadurch werden auch Umbettungen möglich, wenn sich später doch noch Angehörige finden. Das war auf dem Pragfriedhof nicht möglich, wo die Urnen in drei Ebenen bestattet wurden. „Eine Umbettung wäre eine Störung der Totenruhe für alle gewesen“, sagt Stefan Braun.

Totengedenken mit Gruppenbestattung

Auch die Kirchen – evangelische, katholische, orthodoxe und neuapostolische –, die neben anderen am Runden Tisch Friedhofskultur sitzen, haben Pläne. Man wolle zwar „auf Einzeltrauerfeiern nicht verzichten“, sagt Pfarrerin Riehle, wenn dies möglich und ein soziales Umfeld des Verstorbenen in irgendeiner Form vorhanden sei, die Kirchen denken aber auch über eine Liturgie für ein „ökumenisches Totengedenken mit Gruppenbestattung“ nach.

Wann es so weit sein wird, kann Astrid Riehle nicht sagen, sie hofft aber auf den Herbst, im Oktober jedenfalls tagt der Runde Tisch wieder. Den Kirchen ist das Thema wichtig. Anton Seeberger betont: Die Totenbestattung sei „eines der sieben Werke der Barmherzigkeit“.

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