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Kritik an der Stadt Müssen Beerdigungen so teuer sein?

Von Martin Haar 

Informative Runde im Rathaus: Heinz Widmann, Stefan Braun, Moderatorin Martina Klein,  Barbara Rolf und Folkmar Schiek (v. li.) Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Informative Runde im Rathaus: Heinz Widmann, Stefan Braun, Moderatorin Martina Klein, Barbara Rolf und Folkmar Schiek (v. li.) Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Was soll der Tod kosten? Und welche Möglichkeiten haben Angehörige, um Geld zu sparen? „Alle“, sagt Bestatterin Barbara Rolf, „man kann im Prinzip alles selbst machen.“

Stuttgart - Zwei Särge mitten im Großen Sitzungssaal des Rathaus sind am Dienstagabend ein deutliches Signal: Hier geht es um das Lebensende. „Was kostet der Tod – Bestatter zwischen Kommerz und Fürsorge“ heißt der Titel einer Podiumsdiskussion, zu der das Sozialamt und das Palliativ-Netz ­geladen haben.

Knapp 100 Zuhörer haben den Mut, sich dem Tabuthema Tod zu nähern. Dafür werden sie jedoch belohnt. Denn an diesem Abend plaudern drei Bestatter aus dem Nähkästchen, sie klagen die Stadt wegen deren hohen Kosten an und verraten Tricks, wie man bei einer Bestattung Geld sparen kann.

Denn die letzte Reise ist in der Regel eine teure Reise. Heinz Widmann, Stuttgarter Bestatter in der vierten Generation, rechnet vor: „Das Standardprogramm bei einer Erdbestattung mit Sarg, Holzkreuz, Trauerkarten, Musik, Blumen und Zeitungsanzeige kostet rund 4800 Euro. Doch dann kommen noch 3500 Euro von der Stadt dazu.“ Kurzum: Wer sich auf einem der 41 Friedhöfe beerdigen lassen will, sollte mindestens 8500 Euro übrig haben.

Muss der Tod auch immer ein Geschäft sein?

Stellt sich die Frage: Muss der Tod immer auch ein gutes Geschäft sein? Wo beginnt Kommerz, wo endet Fürsorge? Barbara Rolf, Bestatterin aus Leinfelden-Echterdingen, räumt ein: „Es ist ein Spagat.“ Bestatter seien zwar Geschäftsleute, aber auch empathische Mitmenschen. Auch ihr Kollege Folkmar Schiek verteidigt seine Gilde und greift gleichzeitig die Stadt Stuttgart an: „Die Preise sind viel zu hoch. Auf einem Friedhof reiht sich doch ein Grabstein an den anderen. Da muss es gelingen, die Preise zu ­senken.“

Stefan Braun vom Friedhofsamt hebt gegen diesen Vorwurf abwehrend die Hände und sagt: „Hinter den Gebühren steht die Kalkulation nach haushaltsrechtlichen Vorgaben. Es liegt also am Gemeinderat, wie er die Gebühren lenkt.“ Eine Diskussion über die Gebührenhöhe wäre laut Braun durchaus möglich. Denn immer mehr Stuttgarter können sich kaum noch eine würdige Bestattung leisten. Braun: „Auch die Zahl der angeordneten Bestattungen, bei denen die Angehörigen die Kosten nicht tragen können oder wollen, nimmt zu.“

Ein Baumgrab kostet pro Jahr 114 Euro

Als Alternative nennt Stefan Braun die günstigeren Baum- oder Rasengräber. Doch für Bestatter Schiek ist auch das keine Lösung: „Das können sich viele Leute ebenso wenig leisten.“ Solche Gräber kosten in Stuttgart pro Jahr 114 Euro. Der Verdacht der Geschäftemacherei bricht sich im Publikum Bahn. Eine ältere Dame raunt: „Nur in Stuttgart darf man bei einer anonymen Bestattung nicht dabei sein. Und man erfährt auch hinterher nicht, wo die Urne liegt.“

Diese Praxis hält auch Barbara Rolf für „problematisch“: „Nur weil jemand ein anonymes Grab wünscht, heißt das noch lange nicht, dass er auch anonym bestattet werden will.“ Gemeinden wie Leonberg, Filderstadt oder Leinfelden-Echterdingen praktizieren das anders. Der Preisvergleich zwischen einem anonymen Urnengrab und einem Urnen-Wahlgrab zeigt, welche Motivation dahinter stecken könnte. Eine anonyme Urnenstätte auf dem Dornhaldenfriedhof kostet für 20 Jahre Ruhezeit 700 Euro Gebühren. Für ein Urnenwahlgrab müssen Stuttgarter für den gleichen Zeitraum inklusive Feuerbestattungsfeier 2015 Euro hinblättern.

Wenn Erinnerungen verblassen

Schlägt Geld hier Würde? Muss man sich Erinnerung erkaufen? Mancher Zuhörer gewinnt im Verlauf der Diskussion diesen Eindruck. Ein älterer Herr im Publikum macht das am Thema Grabauflösungen fest: „Wenn ein Grab nach 20 Jahren aufgelöst wird, sollte wenigstens ein kleines Schild am Grab installiert werden.“

Bestatterin und Theologin Rolf hat auch dazu eine klare Meinung: „Es darf niemals am Geld hängen, dass die Angehörigen einen würdigen Umgang mit dem Leichnam bekommen.“ Wenn Trauernde mit einem knappen Budget zu ihr kommen, erklärt sie stets: „Man kann aus wenig viel machen.“ Mit Erstaunen erfahren die Angehörigen dann auch, dass es keine Pflicht gibt, ein Bestattungsinstitut zu beauftragen. Rolf: „Wenn man technisch und emotional dazu in der Lage ist, kann man alles selbst machen.“ Es gebe lediglich ein paar Vorschriften, die im Landes-Bestattungsgesetz formuliert sind. Eine davon ist, dass der Sarg aus Holz sein muss. „In Bremen kann man sogar die Urne zu Hause aufbewahren“, sagt Rolf, „und auch die Sargpflicht wird kippen, denn für Muslime gilt sie schon nicht mehr.“

Schon jetzt ist es aber möglich, den Sarg oder die Urne selbst zu bauen, man kann den Leichnam 36 Stunden zu Hause aufbahren, die Leiche waschen oder einkleiden und, und, und. Im Prinzip müsste man einen Bestatter nur wegen der Überführung beauftragen. Aber auch hier zeigt sich Barbara Rolf kooperativ: „Ich habe den Leichenwagen auch schon gegen eine Gebühr ausgeliehen.“

In der Bestatter-Branche erntet Barbara Rolf für ihr Verhalten und ihre Transparenz oft Kritik. „Dass manchen Kollegen das gar nicht gefällt, verstehe ich. Viele haben Ängste, weil sie das jetzt seit 100 Jahren machen und sich dumm und dusselig verdient haben.“

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