Beruf mit Zukunft: Zwei spanische Auszubildende bei Bosch in Feuerbach. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

In der Landeshauptstadt standen im vergangenen Jahr so viele Menschen in Lohn und Brot wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch der zweite Blick zeigt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.

Stuttgart - Es ist lange her, dass die Statistik der Landeshauptstadt einen vergleichbar hohen Wert an versicherungspflichtig Beschäftigten ausgewiesen hat: 395 077 waren es im Herbst 2015, rund zehntausend mehr sogar als zu Spitzenzeiten wie Mitte der 1970er oder Anfang der 1990er Jahre.

Seither hat sich viel verändert. Während der Anteil der Vollzeitstellen Mitte der ­1980er Jahre noch bei mehr als 90 Prozent lag, betrug dieser Anteil im Vorjahr noch rund 77 Prozent. Entsprechend stieg die Zahl der Menschen, die Teilzeit arbeiten. Im Jahr 2014, für das die aktuellsten Werte vorliegen, waren es gut 84 000.„Bei den Frauen hat sich der Teilzeitanteil seit Anfang der 1990er Jahre verdoppelt“, sagt Lucas Jacobi, der beim Statistischen Amt für den Bereich Wirtschaft zuständig ist. Bei den Männern hat sich dieser Anteil im gleichen Zeitraum sogar vervierfacht, sie besetzen aber trotzdem nur ein Fünftel aller Teilzeitstellen.

Die Zahl der Vollzeitstellen hat stetig abgenommen

Teilzeitkräfte arbeiten im Schnitt 18,8 Wochenstunden, sagt Lucas Jacobi, bei Vollzeitbeschäftigten sind es 41,5 Stunden. Seit Beginn der 1990er Jahre ist die Zahl der Vollzeitstellen in Stuttgart fast stetig gesunken, erst die Überwindung der Finanzkrise hat diesen Trend wieder etwas gedreht.

Und wie haben sich die Branchen entwickelt? Sinnvoll als Vergleichswert ist das Jahr 2008, also die Zeit vor dem Ausbruch der Finanzkrise. In diesen Jahren ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Stadt insgesamt um rund 50 000 gestiegen, das ist ein Plus von 14 Prozent.

Das verarbeitende Gewerbe, das in Stuttgart etwa durch die Autobranche oder den Maschinenbau traditionell einen hohen Anteil hat, legte bei den Beschäftigten um sechs Prozent auf rund 60 300  zu. Das mag unterdurchschnittlich sein, für einen Wirtschaftsbereich, der „von ständiger Rationalisierung“ geprägt sei, aber doch „sehr bemerkenswert“, sagt Andreas Richter, der Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart. „Eine Erfolgsgeschichte“, so Richter.

Lob auf die „Ingenieurskunst“

Deutlich stärker als das produzierende Gewerbe hat der Dienstleistungssektor zugelegt, um fast 43 400 auf 316 300 Beschäftigungsverhältnisse (plus 14 Prozent). Hervorstechend dabei: freiberufliche und technische Dienstleistungen wie Steuerberatung, Werbung, aber auch unternehmensnahe Ingenieurbüros. Der Zuwachs seit 2008: stattliche 13 000 neue Jobs, plus 25 Prozent, die nun bei 64 600 liegen. In der „Ingenieurkunst“ sieht Wirtschaftsbürgermeister Michael Föll (CDU) denn auch „die eigentliche Dynamik“ des Standorts. Föll ist überzeugt: „Das wird auch so weitergehen.“

Als Kämmerer kommt ihm das zupass. Nicht nur im produzierenden Gewerbe, auch bei hoch qualifizierten Dienstleistungen sind Wertschöpfung und Einkommen hoch. Ganz generell setzt der Wirtschaftsbürgermeister angesichts knapper Gewerbeflächen in Stuttgart darauf, bei Wegzügen von Firmen, was immer wieder vorkommt, guten Ersatz zu finden. „Nicht jeder Weggang ist dramatisch“, sagt Föll. So entstehe etwa im Gewerbegebiet Vaihingen-Möhringen an der Stelle der Logistik des Buchgroßhändlers KNO „ein Campus von Daimler mit 4000 Arbeitsplätzen“. Diese seien „hochwertiger“ als jene zuvor, erklärt der Wirtschaftsbürgermeister. In einem solchen „Tausch gegen steigende Wertschöpfung“ sieht auch IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Richter die einzige Chance Stuttgarts, das Problem des Flächenmangels zu bewältigen.

Der Tourismus entwickelt sich gut

Im Dienstleistungssektor zeigt sich aber auch die Ambivalenz der Entwicklung. So hat das Gastgewerbe gut zugelegt (knapp 3400 Jobs mehr, plus 38 Prozent). „Der Tourismus ist auf einem sehr guten Weg“, sagt Andreas Richter. Gleiches gilt für die Bereiche Gesundheit und Soziales (9150 neue Jobs, plus 27 Prozent) oder Erziehung und Unterricht (plus 17 Prozent, knapp 2200 neue Stellen). Andererseits verzeichnet man bei Banken und Versicherungen einen Stellenabbau von zwölf Prozent (minus 3700). Und der durch Finanzkrise, Niedrigzinspolitik und Internet ausgelöste massive Strukturwandel wird weitergehen.

Der Bereich sonstiger Wirtschaftsdienstleistungen wiederum, zu dem etwa Zeitarbeit sowie Reinigungs- und Sicherheitsdienste gehören, ist zwar um 39 Prozent (8250 neue Jobs) gewachsen. „Doch die prekäre Beschäftigung nimmt zu“, klagt Bernhard Löffler, der Geschäftsführer des DGB-Bezirks Nordwürttemberg. Ein weiteres Sorgenkind ist der Handel, wo auch der Anteil der Minijobs, die in den Zahlen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gar nicht enthalten sind, hoch ist. Jedenfalls ist die Stellenzahl im Handel trotz Milaneo und Gerber um zwei Prozent (628 Stellen) auf 37 850 gesunken. „Den klassischen Einzelhandel gibt’s bald nicht mehr“, fürchtet Bernhard Löffler. Das sieht IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Richter ähnlich: „Der Facheinzelhandel mit seinem hohen Personalanteil ist weiter auf dem Rückzug.“

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