Immer mehr Bäckereien müssen schließen (Symbolbild). Foto: imago images/Westend61

Immer mehr Metzgereien und Bäckereien schließen. Auch Uhrmacher und Müller geben auf. Welche Perspektiven gibt es für das Handwerk in und rund um Stuttgart?

Wieder hat es eine Metzgerei erwischt: Weil er keine Mitarbeiter für seine Filiale in Neuhausen gefunden hat, muss Jochen Knapp nun sein Geschäft schließen. Zuvor hatte es im laufenden Jahr in der Region Stuttgart unter anderem die Stuttgarter Metzgereien Wagner und Kübler getroffen. Auch in immer mehr Bäckereien werden keine Brötchen mehr gebacken. Und auch bei den Uhrmachern, also einem Gebiet, in dem absolute Experten gefragt sind, geben immer mehr Betriebe auf.

 

Ist das traditionelle Handwerk in der Region Stuttgart vom Aussterben bedroht? Wo sehen die Kenner die Gefahren? Wo gibt es Chancen? Und ist die Lage überall düster? Wir haben uns umgehört.

Zunächst ein paar Zahlen

Diese Aussage überrascht: „In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Handwerksbetriebe leicht, aber stetig gestiegen“, sagt Peter Friedrich, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart (HWK). Ende des vergangenen Jahres gab es in der Region knapp 31 0 00 Handwerksbetriebe, in denen 130 verschiedene Berufe ausgeübt werden. Allerdings ist der Eindruck, dass verschiedene Berufsgruppen es aktuell schwer haben, nicht falsch. Am härtesten hat es in der jüngeren Vergangenheit tatsächlich das Fleischerhandwerk getroffen. Gab es Ende 2005 rund um Stuttgart noch 639 Fleischerbetriebe, so waren es Anfang dieses Jahres noch 391. Auch im Bäckerhandwerk ist die Zahl der Betriebe im gleichen Zeitpunkt erheblich – von 467 auf 294 – gesunken. „Eine grundsätzliche Bedrohung der Berufe liegt aber nicht vor“, betont Peter Friedrich.

Auch Handwerksberufe, in denen es traditionell weniger Betriebe gibt, spüren die sich ändernde Situation: Das Müllerhandwerk, das seine Stuttgarter Innung bereits 2011 aufgelöst hat, zählt jetzt nur noch 38 Betriebe. Vor 16 Jahren waren es noch 52. Die Uhrmacher haben im selben Zeitraum mehr als 30 Prozent ihrer Kollegen verloren. Jetzt gibt es noch 69 Uhrmacher in der Region. Und obwohl auch Orgel- und Harmoniumbauer oder Galvaniseure von der Entwicklung betroffen sind, droht ihnen aktuell nicht das Aus. Der HWK-Sprecher Raphael Hertkorn formuliert es so: „Diese Nischenberufe spielen nach wie vor eine Rolle.“

Worin liegen die Hauptprobleme des Handwerks?

Ein wesentliches Problem ist der Mangel an ausgebildeten Fachkräften. Im Handwerk fehlen aktuell bundesweit rund 250 000 Fachkräfte. Auch die Lücke im Ausbildungsbereich ist riesig. Jedes Jahr bleiben, so die HWK, etwa 15 000 bis 20 000 Stellen in Deutschland unbesetzt. In der Region Stuttgart kommt für das Handwerk erschwerend hinzu, dass die Betriebe im Kampf um Talente in einem besonders harten Wettbewerb mit der hier reichlich vorhandenen Industrie stehen. Zwar setze man bei der Nachwuchsgewinnung auf die eigene Ausbildung. Immer wieder wechselten Auszubildende dann aber später in die Industrie.

Ein Problem ist auch der hohe Kostendruck für Material, Energie und Personal. Insbesondere kleinere Handwerksbetriebe geraten momentan schneller als früher in wirtschaftliche Probleme. In der Realität führt das zu Konzentrationen: Kleinere Betriebe werden von größeren übernommen. Auch die Nachfolgerfrage, also wer den Betrieb übernehmen kann und soll, schafft immer wieder erhebliche Probleme, die nicht immer gelöst werden können.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Gerade kleinere Betriebe tun sich angesichts des rasanten technologischen Fortschritts schwer, mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Im Kfz-Gewerbe profitieren etwa Vertragswerkstätten von der Entwicklung, während kleinere Werkstätten wegen der Digitalisierung in den Fahrzeugen selbst, aber auch wegen neuer Geschäftsmodelle der Großhändler sowie der Änderungen im Mobilitätsverhalten der Kundschaft oft an ihre Grenzen stoßen.

Warum trifft es die Metzger so hart?

Zusätzlich zu den allgemeinen Problemen hat das Fleischerhandwerk ein Imageproblem. Davon ist Christiane Unger vom Landesinnungsverband für das Fleischerhandwerk überzeugt. Das sei ähnlich wie beim Bau, hat sie vor Kurzem erklärt. Während es auf der Baustelle Nachwuchsprobleme gebe, weil alle die Arbeit im Sommer bei Temperaturen um die 40 Grad fürchteten, hätten viele bei Metzgereien das Bild eines Mannes vor Augen, der mit blutverspritzter Schürze agiert und ein Messer in der Hand hält. Auch werde aus verschiedenen Gründen – Tierliebe, Gesundheitsgründe oder Klimaschutz – insgesamt weniger Fleisch gegessen. Waren es 1991 noch 64 Kilo pro Kopf, so sind es jetzt noch 55 Kilo.

Welchen Handwerksbranchen geht es aktuell denn gut?

Geradezu einen Nachfrageboom erlebt der Bausektor: Schreinereien, Zimmerer, Stuckateurbetriebe, Maler und Lackierer melden volle Auftragsbücher. Besonders gefragt sind Betriebe der Sanitär-, Elektro- und Heizungsbranche. Hier bereiten aber steigende Preise, Lieferengpässe und daraus resultierende Wartezeiten für die Kundschaft erhebliche Probleme.

Was unternimmt die HWK gegen den Fachkräftemangel?

Ziel der HWK ist es, deutlich mehr junge Menschen auch mit Abitur von der Attraktivität des Handwerks zu überzeugen. Dabei argumentiert die Kammer damit, dass viele Zukunftsaufgaben wie der Ausbau der Digitalisierung, die Mobilitäts- und Energiewende und der Wohnungsbau zuallererst von Handwerkern und Handwerkerinnen umgesetzt werden. Wichtig aus Sicht des Handwerks wäre es, duale Ausbildungsmodelle und akademische Ausbildungen gleichzusetzen. Auch eine Erleichterung bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse könnte mithelfen, den Fachkräftemangel zu reduzieren. Die HWK organisiert und unterstützt Lehrstellenbörsen, Ausbildungsmessen oder Azubi-Speed-Dating. Hinzu kommen bundesweite Plakataktionen und TV-Spots.