Was können BA-Mitarbeiter über die Vermittlung von Arbeitslosen hinaus tun? Sozialdemokraten wie dem SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz und der Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles schwebt eine „Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung“ vor. Foto: dpa

Auf politischem Parkett wird heiß diskutiert, ob die Bundesagentur für Arbeit (BA) sich künftig auch stärker um die Qualifizierung von Menschen im Job kümmern sollte. In drei Agenturbezirken wird das schon ganz praktisch getestet. Erste Erfahrungen stimmen die BA optimistisch.

Stuttgart - An drei Pilotstandorten probt die Bundesagentur für Arbeit (BA) ihre neue Beratungsoffensive. Dabei wird personell nicht geknausert: Insgesamt 110 Spezialisten sind extra abgestellt, mindestens 35 für jeden Standort. „Das gibt uns die Möglichkeit zu agieren“, sagt Mark-Cliff Zofall, Projektleiter der sogenannten lebensbegleitenden Berufsberatung.

Seit Anfang März sind die Spezialisten in den Agenturbezirken Düsseldorf, Kaiserslautern/Pirmasens und Leipzig unterwegs. Sie haben vereinfacht gesagt drei Aufgaben. Erstens: Gymnasiasten darüber zu informieren, dass die duale Ausbildung eine Alternative zum Studium sein kann. Zweitens: potenzielle Ausbildungs- und Studienabbrecher frühzeitig an den Berufs- und Hochschulen anzusprechen und zu beraten, damit sie nicht aufs berufliche Abstellgleis geraten. Drittens: Menschen, die im Erwerbsleben stehen, deren Job aber durch die Digitalisierung bedroht ist, über Weiterbildungsmöglichkeiten zu informieren.

Bundesagentur als lebenslanger Lotse für die Kunden

Die BA sieht sich in der Rolle eines Lotsen, der seine Kunden in jedem Lebensabschnitt berät, begleitet und dabei unterstützt, sich weiter zu qualifizieren. Das Angebote sei freiwillig, es bestehe keine Verpflichtung, erklärt Zofall: „Es geht nur darum, alle Möglichkeiten auf den Tisch zu legen – entscheiden muss und soll sich der Betroffene selbst.“ Das Projekt läuft über ein Jahr, danach entscheidet der Verwaltungsrat der BA, ob es bundesweit ausgeweitet wird. BA-Chef Detlef Scheele äußerte zuversichtlich, dass zumindest die in dieser Form massiv ausgeweitete Berufsberatung von 2019 an in allen 156 Agenturbezirken zwischen Konstanz und Kiel übernommen werden könnte. Schließlich sei dies ein Thema, auf das vor allem Handwerkskammern und IHKn, aber auch Arbeitgeber und die Gewerkschaften seit Jahren drängen.

Dem sperrigen Titel „lebensbegleitende Berufsberatung“ wurde der einprägsamere, aber missverständliche Slogan „Projekt Ich“ an die Seite gestellt. Die Namensähnlichkeit zu einem arbeitsmarkpolitischen Instrument aus der Vergangenheit, den Ich-AGs, sei unbeabsichtigt: Das habe weder damit, noch mit den umstrittenen Arbeitsbeschaffungs- und Weiterbildungsmaßnahmen aus den neunziger Jahren etwas zu tun, stellt Scheele klar. In der Tat steht die Bundesagentur mit ihren rund 100 000 Beschäftigten momentan vor einer anderen Herausforderung, als zu Zeiten, in denen die Arbeitslosenzahl in Richtung der Fünf-Millionen-Marke strebte. Im Mai waren in Deutschland zum ersten Mal seit 1991 wieder weniger als 2,5 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Weil der Trend nach Ansicht von Arbeitsmarkforschern und Volkswirten weiter anhalten wird, sieht sich die Bundesagentur zunehmend dem Vorwurf ausgesetzt, eine Mammutbehörde zu sein, der die Aufgaben ausgehen.

Mehr als eine Million unbesetzte Stellen

Die Schattenseite des guten Arbeitsmarktklimas und der hohen Arbeitskräftenachfrage ist der Fachkräftemangel in mehreren Branchen. Die Betriebe suchen verzweifelt nach Personal, bundesweit waren im ersten Quartal 2017 mehr als eine Million Stellen unbesetzt. Allerdings verändern sich auch die Anforderungen an die Stelleninhaber rasant. Mit der Beratung von Menschen, die in einem regulären Arbeitsverhältnis stehen, erweitert die BA ihre Kompetenzen und wird zum ersten Mal präventiv tätig, also bevor jemand in die Arbeitslosigkeit rutscht. Berater würden speziell geschult. Das Angebot sei vor allem auf kleine und mittlere Unternehmen ausgerichtet, die über eine geringe eigene Expertise bei Weiterbildung verfügen, und ziele auf an- und ungelernte Arbeitskräfte ab. „Diese Gruppen sind bei innerbetrieblichen Weiterbildungen bisher unterrepräsentiert“, sagt Scheele.

Das Angebot müsse sich unter den Beschäftigten herumsprechen, die dann selbst den Weg zur Agentur suchen müssten, berichtet Projektleiter Mark-Cliff Zofall. In den ersten Monaten habe diese Mund-zu-Mund-Propaganda gut geklappt. Ein enger Partner der BA seien die Gewerkschaften, doch auch die Arbeitgeberverbände würden die Initiative unterstützen. Allerdings bestehe auch die Gefahr, dass Betriebe auf die Idee kommen könnten, ihre Weiterbildung an die BA „auszulagern“, räumt Scheele ein. Dafür sei die BA nicht zuständig, wohl aber für die Beratung von Arbeitslosenversicherten. „Wir glauben, dass sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer vom Angebot profitieren können.“

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