Insel im Baustellen-Land: Staatsgalerie Stuttgart Foto: Steffen Schmid

Die aktuelle Sonderschau mit Werken von Francis Bacon sichert der Staatsgalerie Stuttgart internationale Aufmerksamkeit. Vor Ort wirkt Baden-Württembergs Museumsflaggschiff aber isoliert. Baustellen auf allen Seiten machen das Museum zur schwer erreichbaren Insel.

Stuttgart - Näher dran an den Kultureinrichtungen und ihren Machern in der Metropolregion Stuttgart – das ist seit nun 20 Jahren das Motto unserer Veranstaltungsreihe „Ortstermin“. Immer erwartet die Leserinnen und Leser unserer Zeitung ein besonderes Angebot – und fast durchweg ist der Anlass für eine „Ortstermin“-Veranstaltung ein freudiger.

Und freudig war denn auch der Anlass für den jüngsten „Ortstermin“ – 80 Leserinnen und Leser unserer Zeitung kamen in die Staatsgalerie Stuttgart, um im Gespräch mit der Museums-Direktorin Christiane Lange und in anschließenden Führungen mehr über die Bildwelten des britischen Jahrhundertmalers Francis Bacon (1909–1992) zu ­erfahren.

Noch bis zum 8. Januar zeigt die Staatsgalerie die mit Werken aus internationalen Museen und Privatsammlungen gespickte Sonderausstellung „Francis Bacon. ­Unsichtbare Räume“. Der Schulterschluss mit der Tate Gallery ermöglichte das vor Ort durch eine Landesbürgschaft und das ­Engagement der L-Bank abgesicherte ­Projekt.

Die Bacon-Schau ist ein Ereignis

40 000 Besucher werden die Sonderausstellung bis zum 8. Januar wohl gesehen ­haben. Eine stolze, eine sehr stolze Zahl. Und doch hat sich Staatsgaleriedirektorin Christiane Lange mehr versprochen. „1985“ erinnert Lange beim „Ortstermin“ an die Ausgangslage, „bei der Bacon-Retrospektive in der Staatsgalerie, war noch von dem ,umstrittenen’ Künstler die Rede – inzwischen sorgt jeder Verkauf eines Bacon-Bildes für neue Rekorde, und die Museen überbieten sich in Versuchen, die Werke zeigen zu können“. Die Staatsgalerie hat es geschafft und damit geplante Projekte in Basel und Frankfurt erst einmal aus dem Scheinwerferlicht gedrängt. Stuttgart glänzt – „Francis Bacon. Unsichtbare Räume“ ist ein Ereignis im besten Sinn.

Doch wirklich freuen kann sich Staatsgaleriedirektorin Christiane Lange nicht. „Wir sind von allen Zugangsseiten von Baustellen umgeben“, sagt Lange beim „Ortstermin“. Und die Direktorin, öffentlich eher für ihre diplomatischen Qualitäten bekannt, wird noch deutlicher: „Dass der Pächter des ,Tempus’ im Haus der Geschichte gekündigt hat, war ein erstes Warnsignal.“ Nun aber hat auch der Pächter der Staatsgalerie-Lokalität „Gast“ zum Jahresende seinen Rückzug angekündigt – und das macht für Lange „überdeutlich“, dass die Staatsgalerie ein ebenso dringliches wie durchaus gefährliches Problem hat: „Es ­fügen sich zu viele Mosaiksteine einer negativen Entwicklung zusammen“, sagt Lange.

Und sie gibt ein Beispiel: „Macht die Verlegung der U-Bahn-Haltestelle Staatsgalerie schon Probleme, ist nun das Staatsgalerie-Parkhaus durch die Schließung der Parkhäuser Haus der Geschichte und Landesbibliothek unter der Woche häufig schon um 10.30 Uhr vormittags belegt. Da sagen uns die Leute: Wir ­wären ja gerne gekommen, mussten aber umdrehen.“ Und eher ­resigniert denn zuversichtlich fügt Christiane Lange hinzu: „Nach einem Jahr Verhandlungen mit dem Land, der Stadt und der Deutschen Bahn haben wir jetzt zumindest Staatsgalerie-Hinweise als Banner auf den Bauzäunen rund um unser Areal.“

Die Staatsgalerie tut sich schwer mit ihrer Rolle als Insel im Baustellenmeer

Ist nicht aber die Vollendung der Landesbibliothek-Erweiterung und des Cranko-Schule-Neubaus absehbar? „Schon“, sagt die Staatsgaleriechefin beim „Ortstermin“, „aber dann beginnt ja 2021 die Sanierung des Opernhauses direkt gegenüber“. Ein Projekt, das zumindest bis jetzt noch auch von einer städtebaulichen Neuordnung des Staatstheater-Areals ausgeht. Keineswegs nur akuell also sieht Direktorin Christiane Lange die Staatsgalerie Stuttgart stadträumlich und in ihrer Zugänglicheit isoliert. Wohl deshalb auch funkt sie für das ­Museumsflaggschiff des Landes Baden-Württemberg so offen S.O.S.

Und Francis Bacon? Die „Ortstermin“-Besucher zeigen sich begeistert von der Ausstellung – „von dieser wahnsinnig ­intensiven Auseinandersetzung mit der Frage, was das eigentlich ist, das menschliche Ich.“ Ja, fast machen Bacons Bilder vergessen, dass die Staatsgalerie sich zwanghaft schwer tut mit ihrer Rolle als Insel im Baustellenmeer. Dennoch und „jetzt erst recht“ (Lange) geht die Staatsgalerie in die Offensive. Bereits an diesem Donnerstag um 19 Uhr wird die Präsentation der durch die Freunde der Staatsgalerie angekauften Videoarbeit „Manifesto“ von Julian Rosefeldt eröffnet.

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