Martin Schmid will den Finger in die Wunde legen und organisiert Bauernproteste in Böblingen. Bei einem Besuch auf seinem Hof gibt er Einblick in seine Arbeit.
Martin Schmid, Landwirt aus Holzgerlingen, ist im Protestmodus. Zum Besuch des Bundeslandwirtschaftsministers Cem Özdemir in Böblingen vergangene Woche lud er einen kleinen Misthaufen unweit der Kongresshalle ab. Dort sprach der Minister später. Für Freitag, 19. Januar, organisierte Schmid eine weitere Demonstration am Böblinger Elbenplatz. Er fordert: „Die Politik darf jetzt nicht nur reden, sondern muss handeln.“ Die Hauptprobleme in der Landwirtschaft aus seiner Sicht: unfaire Wettbewerbsbedingungen, keine Perspektive, wohin sich die Landwirtschaft entwickeln soll und zu viel Bürokratie. Rund 350 Stunden im Jahr verbringe er allein mit Informationsbeschaffung und Dokumentation.
Seine Demos plant Schmid unabhängig vom Bauernverband, von dem er sich nicht mehr vertreten fühlt. Die Nähe zur Industrie, vertreten durch assoziierte Mitglieder wie dem Milchindustrie-Verband oder beispielsweise dem Bundesverband der Kälbermäster, sei ihm zu groß, kleinere Betriebe seien nicht im Blick des Bauernverbands. Stattdessen engagiert er sich bei den Freien Bauern und beim Verein Land schafft Verbindung (LSV). Gruppierungen, die als Folge der Proteste gegen das Agrarpaket der Bundesregierung 2019 entstanden.
Schmid sucht Gespräch mit Politik
Warum der Protest wieder hochkocht und weiter köchelt, obwohl die Regierung einen Teil der Maßnahmen doch nicht umsetzen will? „Weil die Pläne der Bundesregierung für die Landwirte völlig überraschend kamen und es schon lange brodelt“, lautet Schmids Erklärung. Auf der Straße tut er seine Meinung deutlich kund, sucht aber nach eigener Aussage auch das Gespräch mit der Politik. Und wird offenbar gehört. Mit der baden-württembergischen Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) und dem Bundestagsabgeordneten Marc Biadacz (CDU) habe er am Donnerstagmorgen telefoniert.
Schmid ist ein gutes Beispiel dafür, dass Landwirt nicht gleich Landwirt ist. Nicht nur, weil er seinen Protest am Bauernverband vorbei plant, sondern auch, weil er in vielem nicht dem Schnitt entspricht. Nur ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe im Kreis wird laut Landratsamt noch im Haupterwerb bewirtschaftet: Martin Schmids Schlosshof in Holzgerlingen gehört dazu. Mit 70 Hektar zählt sein Betrieb zu den größeren im Kreis. Die durchschnittliche Größe der Haupterwerbsbetriebe liege bei 64 Hektar, so das Landratsamt.
58 Pferde beherbergt der Schlosshof
Schmid und seine Familie kümmern sich auf dem Schlosshof um 58 Pferde, neun davon gehören ihnen, die anderen sind untergestellt. Pensionspferdehaltung sei ein wichtiges Standbein vieler Landwirte heißt es aus dem Landratsamt: „Über 2000 Pferde sind im Kreis gemeldet.“ Schmid ist aber nicht nur im Stall, sondern auch auf dem Acker unterwegs. Er baut Weizen, Gerste, Hafer, Mais und Sonnenblumen an – als Futter für seine Pferde und zum Verkauf.
Wie viel er damit verdient oder wie hoch sein Jahreseinkommen ist, mag er nicht sagen. Denn: „Das Einkommen ist das eine, aber wenn man das durch die Arbeitsstunden von mir und meiner Frau teilt. . .“ Er habe vor einigen Jahren seinen Stundenlohn ausgerechnet und sei auf 14, 24 Euro gekommen. „Danach hat mir der Elan gefehlt, das noch mal zu tun“, sagt er. Mit der geplanten Abschaffung der Agrardieselsubvention müsste er auf etwa 3500 Euro im Jahr verzichten. Geld, das fehlen würde. Ein Kompromiss, zu dem er bereit wäre: der Einsatz von Diesel aus Pflanzenöl (HVO) als Alternative. „Mit dem Abschmelzen der Steuer, könnte man das als Perspektive aufzeigen.“
Vogelfutter statt Sonnenblumenöl
Doch ihn treibt weit mehr um, als die Agrardieselsubvention. Ein Beispiel: 2023 habe er Sonnenblumen angebaut, um daraus Öl herzustellen. „Ich habe im Juni ein Angebot angefordert und hätte 280 Euro pro Tonne bekommen.“ Das Problem: Die Herstellungskosten hätten sich auf 380 Euro pro Tonne belaufen. Also habe er weitere Händler gefragt und die Kerne schließlich für 400 Euro pro Tonne in Richtung Heilbronn verkauft. Allerdings nicht für Öl, sondern für Vogelfutter. „So was gibt mir zu denken, ob es noch der richtige Weg ist, Lebensmittel zu produzieren.“ Er sei nicht gegen Freihandel. „Aber dann sollten die importierten Güter unter den gleichen Bedingungen produziert worden sein, wie hier.“ Er fordert zudem eine deutlichere Kennzeichnung von regionalen Produkten, damit sich Verbraucher im Laden besser entscheiden können.
Schmid will auf Subventionen verzichten
Die Sonnenblumen sind nur eines der zahlreichen Beispiele, die Schmid parat hat. Ein Weiteres sind seine Äcker. Einen Teil der Fläche dürfe er erst Mitte Januar pflügen. „Ich arbeite seit Jahren mit den Böden und ich weiß, wenn ich erst am 15. Januar pflüge, kann ich keine Gerste und keinen Hafer mehr anbauen.“ Der Gedanke hinter der Regel: Bodenerosion zu minimieren, weil Winterstürme den frisch gepflügten Boden leichter abtragen könnten. Doch das gilt laut Schmid eher für leichte, sandige, nicht für seine tonhaltigen, schweren Böden. „Da werden Termine gesetzt, die im Durchschnitt der Jahre und für die durchschnittliche Fläche funktionieren.“ Aber keinen Spielraum ließen, für diejenigen, die vom Schnitt abweichen.
Von einigen Auflagen will er sich daher befreien. „Ich bin jetzt so weit, dass ich keinen Antrag mehr auf EU-Gelder stelle.“ Noch im Jahr 2022 hat er EU-Subventionen von rund 20 000 Euro erhalten, diese Zahlen lassen sich auf der Seite der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft für jeden Betrieb, der die EU-Gelder bekommt, einsehen. Auf die Subventionen zu verzichten sei für ihn möglich, so Schmid, weil 80 Prozent der Einnahmen über die Pferdepension kämen. Er weiß, dass andere Landwirte diese Entscheidung nicht so einfach treffen können.