Bei Stuttgart 21 läuft die Zeit. In etwas mehr als zwei Jahren sollen die ersten Züge fahren. Die Baustelle wandelt sich derzeit. Die Rohbauer sind auf dem Rückzug, nun übernehmen Fassadenbauexperten, die die komplexen Glas-Stahl-Konstruktionen der Lichtaugen erstellen.
Für die einen, die mit Stuttgart 21 nichts anfangen können, sind sie schlicht Glupschaugen, die dem ganzen Irrsinn die Krone aufsetzen. Für die anderen, dem Vorhaben Wohlgesonnenen, sind sie das I-Tüpfelchen auf der außergewöhnlichen Architektur, die Planer Christoph Ingenhoven für den neuen Stuttgarter Bahnhof erdacht hat: die sogenannten Lichtaugen, Stahl-Glas-Verbindungen, die auf die Kelchstützen des Dachs aufgesetzt werden und dafür sorgen sollen, dass Licht in die darunter liegende Bahnsteighalle fällt. Ob man nun der einen oder anderen Sichtweise zuneigt: Einigkeit dürfte darüber bestehen, dass die Oberlichter nicht zuletzt wegen ihrer gekrümmten Form schwierig zu realisieren sind. Damit reihen sie sich in die Herausforderungen ein, die mit dem Ingenhoven-Entwurf einhergehen – und der Bahn und den von ihr beauftragten Unternehmen zu schaffen machen. Stichwort: Zeit und Komplexität.
Projekte in der ganzen Welt
Knapp 160 Kilometer sind es von der Baustellenwüstenei rund um den Bahnhof, die den Menschen in Stuttgart viel abverlangt, nach Gersthofen. Am Rande des beschaulichen Örtchens nördlich von Augsburg entstehen die Teile, aus denen in diesen Tagen die ersten Lichtaugen zusammengesetzt werden. Beim dort ansässigen Fassadenspezialist Seele heißt Stuttgart 21 nur 1796. Mit dem vierstelligen Code sind all jene Teile und deren Transportkisten versehen, die nach Stuttgart auf die Baustelle sollen. Die ordnende Hand in der Produktion, die über allem wacht, gehört Fertigungsleiter Stefan Sachsenmaier. Gleich neben den ersten für Stuttgart gepackten Kisten liegen Fassadenteile für das Hochhaus The Henderson in Hongkong nach Plänen des Büros Zaha Hadid.
Ein wenig weiter spannt sich etwas auf, das entfernt an einen Sonnenschirm erinnert. Nur dass das Bauteil deutlich größer ist als ein herkömmlicher Schattenspender und dort, wo sich sonst Stoff spannt, filigrane Glasscheiben eingebaut sind. Das kreisrunde Gebilde soll einmal den Eingangsbereich eines Apple-Stores überspannen. Für den Tech-Konzern aus den USA fertigt Seele immer wieder. Offensichtlich ist man in Übersee mit den aus Bayerisch-Schwaben gelieferten Bauteilen zufrieden. Apple-Chef Tim Cook schaute 2016 in Gersthofen vorbei, um zu sehen, wo das alles entsteht.
Architektur geht an Grenzen
Für Stefan Sachsenmaier ist jedes Projekt eine Herausforderung. „Die Architekten gehen an die Grenzen des Machbaren, und wir schauen zu, wie wir das hinbekommen“, sagt er beim Gang durch die Hallen im Gewerbegebiet von Gersthofen. „Wir optimieren das Design so, dass man es auch produzieren kann und es später baubar ist“. Stuttgart 21 bildet da keine Ausnahme. Wie das alles im Einzelnen vonstattengeht, darüber spricht man bei Seele nicht so gern - und will aus Geheimhaltungs- und Sicherheitsgründen auch keine Foto- und Videoaufnahmen zulassen. Die Branche ist klein und am besten behält man seine Kniffe für sich. „Wir schauen schon, dass wir möglichst alles im Haus selbst machen“, sagt Sachsenmaier. Die Zahl der Zulieferer hält sich entsprechend in Grenzen.
Knapper Zeitplan
Vor nun etwas mehr als zwei Jahren hat sich Seele den Auftrag für die Lichtaugen und die gläsernen Eingangsbereiche des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs geangelt. Zu bauen sind 23 geschwungene und vier flache Lichtaugen, sowie drei der vier Eingangsbereiche. Der vierte Zugang, jener aus Richtung des Schlossgartens auf Höhe der ehemaligen Cannstatter Straße, wird zur Eröffnung des Bahnhofs noch nicht zur Verfügung stehen. Er kann erst gebaut werden, wenn dort, wo heute noch Gleise liegen, die geplante Tiefgarage gebaut ist, auf der sich die vierte sogenannte Gitterschale abstützt. Das ist nicht die einzige terminliche Unwägbarkeit. Bei der Auftragsvergabe im Juli 2021 war man bei der Bahn gewohnt zuversichtlich: „Die Montage des ersten Lichtauges auf der Bahnhofsbaustelle ist für Frühjahr 2022 geplant“, hieß es damals. Nun im Spätsommer 2023 sind die ersten Baucontainer mit der Aufschrift Seele auf der Baustelle in Stuttgart zu sehen und die ersten Stahlbausegmente sind angeliefert. Drei Jahre waren laut der Ausschreibung für die Arbeiten an den Oberlichtern vorgesehen – zu lange, um das von der Bahn weiterhin postulierte Ziel der Inbetriebnahme im Dezember 2025 zu erreichen.
So richtig aussprechen mag es niemand, aber Seele wartet nun dringend darauf, endlich loslegen zu können. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Bahnsteighalle geschlossen und die Rohbauer abgezogen sind. Der enorme Zeitdruck macht die Sache nicht einfacher. Ein Gerüst in der Bahnsteighalle aufzubauen, um von unten an den Lichtaugen zu arbeiten, ist nicht möglich. Dort wird der Platz gebraucht, um aus dem betonierten Trog einen Bahnhof mit Gleisen, Oberleitungen, Bahnsteigen und allem was dazu gehört zu machen. Deswegen hat man sich bei Seele etwas einfallen lassen müssen. Über die 16 Meter großen Öffnungen in der Hallendecke wird ein Netz gespannt, in dem die Spezialisten von Seele ihrer Arbeit nachgehen. Eine Konstruktion aus mehreren Containern und einem Dach soll dafür sorgen, dass die Montage auch bei Wind und Wetter vorangeht.
Eingangsbereiche sollen 2024 entstehen
„Das Ganze Projekt ist von der Komplexität sehr weit oben anzusiedeln“, sagt Benjamin Peter. Als Head of Design arbeitet er seit zwei Jahren mit einem 60-köpfigen Team in Gersthofen an den Plänen für die Lichtaugen. „Das ist ein großes Vorhaben mit vielen Mitspielern“, deutet er den hohen Abstimmungsbedarf an. Die ersten in Stuttgart gewonnenen Eindrücke machen ihn optimistisch. Die Ergebnisse der Vermessung vor Ort passen zu dem, was man sich bei Seele für die Montage ausgedacht hat. Jeder einzelne Montageschritt ist in einer umfangreichen Dokumentation festgehalten. In der Hochphase sollen bis zu 200 Monteure in einem Zwei-Schicht-Betrieb dem Bahnhof die Lichtaugen einsetzen. Noch vor dem Sommer 2024 könnten nach jetzigen Planungen die großen gläsernen Eingangsportale auf dem Kurt-Georg-Kiesinger-Platz und bei der Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie gebaut werden. Der dritte Eingangsbereich direkt am Turm des Bonatzbaus ist nochmals diffiziler herzustellen und soll erst danach folgen.
Man merkt den Fassadenexperten an, dass sie nun loslegen wollen. Zum einen zieht sich die Vorbereitung hin, zum anderen ist der Terminplan bis zur Inbetriebnahme ambitioniert. Für die Zeit, wenn unten längst Züge fahren, hat Benjamin Peter einen Plan. „Dann fahre ich noch mal nach Stuttgart, setze mich auf eine Parkbank beim Bahnhof und sage mir: ,Ja, das haben wir hinbekommen‘“.