Wolfgang Niedecken Foto: dpa

Wolfgang Niedecken und BAP ziehen im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle den Stecker

Stuttgart - In der Mitte der ersten Konzerthälfte bringt es Wolfgang Niedecken kurz zur Sprache. „Dann kam dieser Schlaganfall“, meint er, mehr sagt der BAP-Frontmann nicht über die schwere Zeit, die er 2011 durchmachte. Er erzählt äußerst gern, aber nicht zwangsläufig über sich, und erwähnt den Schlaganfall im ausverkauften Beethoven-Saal der Liederhalle nur, weil die lange geplante Akustik-Tournee erst dadurch möglich wurde.

In den letzten 38 Jahren hat Niedecken BAP zu einer der erfolgreichsten Bands des Landes gemacht – er, der als „Bob Dylan der Kölner Südstadt“ anfing und aus seiner Bewunderung für sein Vorbild nie einen Hehl machte. Und so erntet er viel Gelächter, als er die Dylan-Coverversion „Alles, wat ich zo jähn wör“ als „mal was ganz Ungewöhnliches“ ankündigt.

"Nach all den Jahren weiß man, wo man hingehört"

Sie singen mit, verstehen die Witze, die der Sänger ins Publikum streut. Ergriffen lauschen die 2200 Besucher Niedeckens feinhumorigen Geschichten, erfreuen sich sichtlich an diesem besonderen Anlass und bereiten den Kölsch-Rock-Urvätern schon beim Glockengeläut zu Beginn der Show einen herzlichen Empfang. Wenn der Bandleader dann im äußerst passenden Auftakt „Noh all dänne Johre“ sein „Man weiß, wo man hingehört“ mit sanfter Stimme ins Mikrofon singt, ist der nötige Zusammenhalt da, der das Publikum bis zum Ende des Akustik-Marathons tragen wird.

BAP haben sich viel vorgenommen für ihre „Zieht den Stecker“-Tour. Sie geben sich bluesiger, verspielter, andächtiger, als man sie kennt. Über drei Stunden stehen sie auf der Bühne: „Es wird ein Konzert für die Spezialisten, die nur die B-Seiten hören wollen, aber auch für Lieschen Müller, die nur zwei Stücke von uns kennt“, sagt Niedecken nach „RWB“, einem der ältesten Songs. Selten live gespielte Raritäten wie „Do jeht ming Frau“ gibt es also ebenso wie „Verdamp lang her“, der Mix macht die Tournee auch für die Band zur Herausforderung.

Die agiert auf hohem Niveau: Gitarrist Ulrich Rode beherrscht die Akustische ebenso wie die Steel Guitar, die er bei Niedeckens Solo „Zosamme alt“ in bester Country-Manier singen lässt. Am Schlagzeug gibt Jürgen Zöller den Takt an und lässt sich vom marokkanischen Perkussionisten Rhani Krija an die Wand spielen. Auch Werner Kopal am Bass und Keyboarder Michael Naß machen einen ausgezeichneten Job – überstrahlt von Anne de Wolff, die mal Geige, mal Cello, mal Posaune spielt.

„Unser Wohnzimmer in der Liederhalle“

Man hört, dass sie schon einige Tage zusammen unterwegs sind . Die sechs Musiker geben Niedeckens Kölsch-Gesang ein schönes Fundament, das selbst die flotte Rock-Nummer „Anna“ nicht einfach um ihre E-Gitarren bringt, sondern die Seele des Stückes herausarbeitet. Spaß haben sie jede Menge in ihrem „Wohnzimmer in der Liederhalle“, wie Niedecken es nennt.

Da blitzt mal kurz Johnny Cashs „Ring Of Fire“ auf, wird „Twist And Shout“ von den Beatles überbordend juvenil dargeboten. Man ist versucht, BAP Bestform zu attestieren. Das akustische Gewand funktioniert sogar beim Gassenhauer „Verdamp lang her“. Wie der Abend endet, ist klar: Mit „Sendeschluss“ und viel Applaus. Niedecken kann zufrieden sein: Näher war er Bob Dylan nie.

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