Ein Monstrum geht auf Reisen: 2000 Tonnen wiegt die Brücke, die als erste neu positioniert wurde. Foto: Mateja fotografie

Mithilfe eines Tausendfüßlers ist ein monströses Bauteil in Kornwestheim an seinen Platz geschoben worden. Nicht nur wegen des Gewichts war die Aktion eine Herausforderung.

Kornwestheim - Lässig steht Thilo Fischer am Straßenrand. Vor dem Mann im roten Overall baumelt die gelbe Fernbedienung mit zwei Steuerknüppeln und ein paar wenigen Knöpfen. Das Headset schützt ihn nicht nur vor dem starken Lärm, sondern damit hält er auch Kontakt zu den Kollegen, die am anderen Ende des Tausendfüßlers achtgeben, dass alles passt. Den Mann, gelernter Kfz-Mechaniker und bei der Firma Riga-Mainz für die ganz großen Gefährte zuständig, kann nichts aus der Ruhe bringen – Schaulustige nicht, die gebannt darauf blicken, ein Schutthaufen nicht, der im Weg liegt und vom Bagger erst beiseite geschafft werden muss, ein Schild nicht, das Fischer geschickt umkurvt. Gegen 11.30 Uhr hat er die kurze, aber nicht einfache Fahrt gestartet.

Seine Mission: Thilo Fischer soll zwei 3800 Tonnen schwere Brücken von der Westseite der Bahnhofstraße an ihren endgültigen Standort schaffen. Das Problem: ein 90-Grad-Winkel, den Gefährt und Bauteile nehmen müssen. Die Brücke muss regelrecht eingeparkt werden. Sein Gehilfe: ein Tausendfüßler mit 66 Achsen und 132 Rädern, der die Brücken mit einem Turmsystem, bestehend aus Stapelboxen aus Stahl, huckepack nimmt.

Der Weg der Brücke wurde am PC berechnet

Fischer steuert den Tausendfüßler mit der unscheinbar aussehenden Fernbedienung. Es sieht spielend einfach aus, wie er das Baufahrzeug über den Alten Markt schiebt. Aber es ist Zentimeterarbeit. Zwei Häuser an der Bahnhofstraße scheinen beim Zurücksetzen im Weg zu stehen, dem Schild des Türkisch-Deutschen Kultur- und Sportvereins kommt der Tausendfüßler bedenklich nahe. Geht das gut? Kein Problem: Das Heck des Gefährts lässt sich beliebig in die Höhe fahren und senken. So wie sich die Räder auch in fast alle Richtungen bewegen lassen. Der Tausendfüßler fährt vorwärts, rückwärts, seitwärts – ganz so, wie Thilo Fischer die Steuerknüppel bewegt.

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Welchen exakten Weg das Baugefährt samt Brücke nehmen muss, das sei zuvor am Rechner und auf Papier ausgetüftelt worden, berichtet Frank Nowaczyk, Projektleiter der Firma Klostermann, die für die Großbaustelle in Kornwestheim verantwortlich zeichnet. Vor Ort üben, das konnte Thilo Fischer natürlich nicht. „Das muss irgendwie passen“, sagt er gelassen. Und es passt.

Zentimeter für Zentimeter bugsiert er die Brücke an den ihr zugewiesenen Standort. Als der Vermesser oben auf dem Bauwerk aus hellgrauem Beton das Okay gibt und damit signalisiert, dass genau hier die Brücke zu platzieren ist, kann Fischer die Fernbedienung aus der Hand legen. Nun sind seine Kollegen wieder an der Reihe. Stück für Stück holen sie die stählernen Stapelboxen vom Tausendfüßler und senken damit die Brücke herab – so lange, bis sie das Fundament der alten, zu Wochenbeginn abgerissenen Brücke erreicht. Power-Lift-System nennt sich das Verfahren mit den sich verkleinernden Türmen. Die Arbeit zieht sich über Stunden und dauert länger als das Verschieben der Brücke.

Die Verantwortlichen sind die Ruhe selbst

Der Grund, auf dem die Brücke steht, ist am Morgen hergerichtet worden. Letztlich, sagt Projektleiter Frank Nowaczyk, trägt sich die Brücke durch ihr Eigengewicht. Der aufwendige „Verschiebebahnhof“ habe auf die Bauausführung keine Auswirkung gehabt, erläutert er. Auch wenn die Brücke an Ort und Stelle errichtet worden wäre, hätte sie nicht anders ausgesehen. Entscheidend sei, dass sie die Züge trage, die über sie hinwegdonnern. Um die Brücke überhaupt transportieren zu können, waren der Alte Markt und die Straße unter dem alten Bauwerk um einen Meter angehoben worden. Auf der schrägen Fläche, die es eigentlich dort gibt, hätte der Neubau nicht verschoben werden können.

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Nowaczyk wirkt an diesem auch für ihn aufregenden Tag ebenso entspannt wie Thilo Fischer. In Ruhe steht er Kornwestheims Oberbürgermeisterin Ursula Keck, die sich vor Ort über den Fortgang der Arbeiten informiert, Rede und Antwort. Der Fahrplan, der für diesen aufwendigen Brückenbau aufgestellt worden ist, wird exakt eingehalten. Der Projektleiter des Unternehmens aus dem westfälischen Hamm hat keine Zweifel, dass am 7. Juni die ersten S-Bahnen wieder zwischen Ludwigsburg und Kornwestheim fahren und über die neue Brücke rauschen werden. Für Nowaczyk ist die Baustelle in Kornwestheim damit aber noch nicht abgeschlossen. Bis zum Jahresende wird das Areal am Alten Markt neu gestaltet.

Am Abend wird das zweite Teil bewegt

Erst am Abend – und damit später als geplant – kann begonnen werden, die zweite Brücke anzulupfen und huckepack zu nehmen. Thilo Fischer lenkt den Tausendfüßler, 1200 PS stark, unter das Bauteil und das Prozedere beginnt aufs Neue. Das Team von Riga-Mainz will die Brücke auf jeden Fall noch in die gewünschte Position bringen – und wenn es ganz spät und dunkel wird.

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