Noch fahren die Züge der DB Regio nach Heilbronn Foto: dpa

Die Bahn-Tochter DB-Regio verliert wegen eines Rechenfehlers die Stuttgarter Netze. Ab 2019 fahren ausländische Bahngesellschaften die Regionalzüge rund um Stuttgart.

Stuttgart - Viele Schwaben haben wie die Schweizer ein besonderes Verhältnis zu „ihrer“ Bahn. Sehr anschaulich kommt das im Volkslied „Auf der Schwäb’sche Eisebahne“ zum Ausdruck. Sie ist das Fortbewegungsmittel der einfachen Menschen („wollt amal a Bäuerle fahre“), mit dem man sein Ziel gern direkt erreichen will („gibt’s gar viele Haltstatione“).

Deswegen schauen die Schwaben auch genau hin, was es mit der Bahn so auf sich hat. Und da war die Mängelliste seit langem unübersehbar. Vorneweg das Geld: Der Vertrag, den die ehemals schwarz-gelbe Landesregierung im Jahr 2003 mit der Bahn-Tochter DB Regio für die Regionalzüge ausgehandelt hatte und der eine Laufzeit bis 2016 hat, kostet das Land Milliarden. Gestartet war man 2003 mit durchschnittlich 8,20 Euro pro Zugkilometer. Heute liegt der Preis pro Kilometer, den die Bahn in Baden-Württemberg mit ihren Regionalzügen fährt, bei 11,70 Euro. Viel zu viel Geld, lautet seit Jahren die Kritik der Grünen.

Auch beim Service hakt es: Noch immer sind mehr als 400 sogenannte Silberlinge unterwegs. Zwar bekamen die alten Waggons ein neues, rotes Design verpasst und wurden im Innern renoviert. Dennoch: Moderne Abteile bieten mehr Komfort. Oft gibt es zu wenig Stellplätze für Räder und kein WLAN.

Minister Hermann überrascht alle

Nun aber hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) alle überrascht. Von 2019 an fahren andere Anbieter auf den Nahverkehrsstrecken von Stuttgart nach Tübingen, Aalen oder Heilbronn – und zwar zu einem weitaus günstigeren Preis. Der liegt künftig bei weniger als sechs Euro und konnte somit halbiert werden. Das spart dem Land bei 14,8 Millionen Zugkilometern, die das Stuttgarter Netz umfasst, 75 Millionen Euro jährlich. Mit diesem Geld kann der Minister 20 Prozent mehr Nahverkehr auf der Schiene finanzieren – zum Beispiel durch bessere Takte. Dazu kommt: Die beiden neuen Anbieter – die britische Go-Ahead-Verkehrsgesellschaft und die Abellio Rail aus den Niederlanden – müssen ab 2019/20 komplett neue Züge einsetzen. Sie sind voll klimatisiert, haben kostenfreies WLAN und genug Platz für Fahrräder oder Rollstühle.

Möglich wurde die Neuvergabe, da das Netz nach 13-jähriger Vertragslaufzeit neu ausgeschrieben werden muss. Für die DB Regio ist der Ausgang ein Desaster. Am schlimmsten wiegt, dass sich die Bahn-Tochter die Schlappe selbst zuzuschreiben hat. Denn sie ist an einem Formfehler gescheitert. Die neuen Vertragsbedingungen gestehen jedem Unternehmen Anlaufkosten zu, die im ersten Jahr nicht über zehn Prozent liegen dürfen. Die DB hat offenbar – auch wenn sie es nun bestreitet – schlecht gerechnet und 11,5 Prozent zugrunde gelegt.

Sorge um die Mitarbeiter der Bahn

Der folgenschwere Fehler dürfte auch für die Mitarbeiter der DB Regio nicht ohne Folgen bleiben. Die beiden künftigen Anbieter werden zwar viele Bahn-Mitarbeiter übernehmen wollen. Doch ob es noch die gleichen Konditionen sein werden wie bei der Bahn, ist die große Frage. Nicht umsonst treibt den Betriebsrat des DB Regio Verkehrsbetriebs Württemberg die Sorge um, dass der Wettbewerb über Lohn- und Sozialdumping erfolgt und Mitarbeiter bei einem Betreiberwechsel trotz Übernahmevereinbarung und Anerkennung des Branchentarifvertrags durch Privatfirmen auf der Strecke bleiben.

Die großen Gewinner aber bleiben Minister Hermann und damit auch seine Partei. Für die Landtagswahl im März 2016 haben die Grünen nun einen Trumpf in der Hand: Sie haben einen deutlich besseren Verkehrsvertrag ausgehandelt als die alte CDU-FDP-Regierung.

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