Laufen statt Fahren: Die Rolltreppen an der S-Bahn-Station Schwabstraße sind ein ständiges Sorgenkind. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Stuttgarter Rolltreppen und Aufzüge haben den Ruf, immer kaputt zu sein. Die Deutsche Bahn wehrt sich gegen diesen Vorwurf und plant Anlagen, die künftig selbst den Techniker informieren. Doch auch dann verschwinden Störungen nicht von selbst.

Stuttgart - Nikolaus Hebding hat es satt, dass über die Rolltreppen und Aufzüge der Deutschen Bahn immer nur geschimpft wird: „Der Tenor ist hämisch. Da heißt es, wir fliegen zum Mond, schaffen es aber nicht, eine Fahrtreppe instand zu halten.“ Hebding leitet das Bahnhofsmanagement in Stuttgart. Die Auffassung vieler Menschen, dass Aufzüge und Rolltreppen nicht funktionieren, möchte er richtigstellen. „Wir sind nicht viel schlechter geworden in den letzten Jahren. Das Thema hat aber mehr Aufmerksamkeit bekommen durch die Anforderungen an Barrierefreiheit.“ Jeden Tag gehen in seinem Büro im Stuttgarter Hauptbahnhof Beschwerden ein. Viele davon drehen sich immer um die selbe, defekte Anlage. „Natürlich haben wir eine Handvoll kritischer Anlagen, die uns Sorgen bereiten“, erklärt Hebding. Ein solches Sorgenkind sind beispielsweise die Rolltreppen der S-Bahn-Station Schwabstraße. Aber auch die Rolltreppen an der Universität, in Esslingen und ein Aufzug in Tamm standen monatelang still – zum Leid der Bahnkunden.

Für die Instandhaltung der Anlagen ist die DB Station und Services AG zuständig. Lars Roth, Leiter des technischen Facility-Managements, steht dazu in ständigem Kontakt mit Hebding und den Herstellern der Aufzüge und Rolltreppen. Die Reparatur der Rolltreppen an der Station Schwabstraße füllt bei Roth mehrere Blätter. Im Fachjargon heißen Rolltreppen „Fahrtreppen“ und sind nummeriert. Die in der Schwabstraße heißen „HF48“ und „HF49“. Roth liest wie aus einer Patientenakte: „HF48 ist unsere längste und höchste Fahrtreppe. Sie stand seit 29. März still, 75 Stufen waren defekt. Mittlerweile läuft sie wieder.“ Die Stufen musste der Hersteller Schindler erst aus seinem Werk in der Slowakei liefern.

Immer ein Stück Rolltreppe auf Lager

Günstig war die Reparatur der Treppe nicht. Zwischen 500 und 600 Euro kostet eine Stufe. Dazu kommen noch Transport, Einlagerung und Einbau. Um die zweite Rolltreppe war es in den vergangenen Monaten nicht besser bestellt, erklärt Roth weiter: „HF49 war seit 8. April defekt. Grund dafür war eine defekte Steuerplatine. Da wussten wir gleich, die Beschaffung wird lange dauern und haben daher versucht, eine Platine aus einer anderen Treppe einzubauen. Das ging aber nicht.“ Daher mussten die Bahnkunden wieder lange Zeit Treppen steigen, bis der Hersteller die fehlenden Teile nachgeliefert hatte. Denn auch die Hersteller haben nicht immer alle Teile auf Lager. Manche müssten sogar erst hergestellt werden, erklärt Roth. „Und so lange wie das dauert, ist der Kunde sauer“, sagt er.

Pressesprecher Werner Graf ärgert das genauso: „Der Mann mit Krückstock, die Oma mit Rollator, die Frau mit Kinderwagen, die leiden darunter, wenn die Fahrtreppen oder Aufzüge nicht funktionieren. Da kriegen wir selbst einen Zorn.“ Damit die Lieferung schneller geht, will die Deutsche Bahn besonders störanfällige Teile künftig auf Lager haben. Ein Lagerstützpunkt wird an der Schwabstraße sein, der andere in Mannheim. Welche Teile eingelagert werden, wird noch geplant: „Wir prüfen mit den Ersatzteillisten, welche Teile kritisch sind und in welchen Mengen wir sie einlagern. Was am häufigsten kaputt geht, haben wir dann direkt auf Vorrat“, sagt Hebding und lacht. Doch auch ein gut gefülltes Lager bedeutet nicht, dass Ersatzteile immer verfügbar sind, erklärt Hebding: „Sie brauchen nicht meinen, dass ein Schindler-Aufzug von 2012 mit einem von heute vergleichbar ist. Ich hätte gerne immer den gleichen, aber das geht leider nicht.“ Den Bau der Anlagen schreibt die Deutsche Bahn nämlich aus. Wer das beste Angebot macht, darf die Anlage einbauen.

„ADAM“ gegen Vandalismus und Vierkanthölzer

Doch nicht immer sind defekte Teile für Störungen verantwortlich. Eine Geschichte ist unter den Bahn-Managern besonders berüchtigt. Die Rolltreppe am Hauptbahnhof beim S-Bahn-Abgang wurde gerade generalüberholt, als ein Mann mit einem Vierkantholz die Treppe benutzte. Das Holz verkantete sich, die Treppe stand wochenlang still. Auch Vandalismus sei ein Problem, sagt Roth: „An der Universität gibt es mehr Vandalismus, da werden Gegenstände in die Fahrtreppen geworfen oder der Nothalt gezogen.“ Dagegen würden nur mehr Überwachung und mehr Sicherheitspersonal helfen, so Roth. „Wir haben ein offenes System, da kann jeder kommen und gehen, wie er will. Wir haben nicht immer die volle Kontrolle, was da gemacht wird“, erklärt Graf. Und manchmal stehen die Rolltreppen auch grundlos still. In jedem Fall müssen Techniker die Anlagen vor Ort überprüfen und den Schaden finden.

Die Deutsche Bahn arbeitet jetzt daran, wie Schäden an Rolltreppen und Aufzügen schneller repariert werden können. „Momentan werten wir die Störungen noch mit Excel aus, sprechen uns mit DB Services ab und danach geht die Information erst an den VVS“, sagt Hebding. Ein neues System namens „ADAM“ soll diesen Prozess digitalisieren.

Rolltreppen und Aufzüge melden sich bald selbst

„ADAM“ steht für „Automatisierung und Digitalisierung im Anlagenmanagement“. Das System funktioniert so: Aufzüge und Rolltreppen erhalten Sensoren, die messen, ob die Anlage fährt oder nicht. Die Daten laufen in das Online-System ein und jede Anlage zeigt ihren Zustand an. Grün bedeutet alles ist in Ordnung, Rot signalisiert eine Störung. Als Hebding durch das System scrollt, stechen aus dem Grün auch ein paar rote Punkte heraus.

Eine Rolltreppe meldet, dass sie seit Dezember 2015 nicht mehr funktioniert. „ADAM ist noch in der Testphase. Die ist schon repariert“, erklärt Hebding. „Generell sind 80 Prozent aller Störungen schon am nächsten Tag behoben.“ Einige Rolltreppen und Aufzüge sind noch grau hinterlegt. Sie sind noch nicht mit den notwendigen Sensoren ausgestattet. „Wir sind dabei, alle Anlagen in Stuttgart in das System einzubinden“, so Roth. Denn am 30. September stellt Bahnchef Rüdiger Grube das bundesweite System der Öffentlichkeit vor. Dann sollen auch die Rolltreppen an der Schwabstraße ihren Zustand dauerhaft an das Online-System übermitteln. Das sei nicht so einfach, meint Roth: „Für das Aufschalten der Fahrtreppen müssen unterschiedliche technische Lösungen gefunden werden, da nicht alle Rolltreppen vergleichbar sind.“

Störungsdaten werden öffentlich und auswertbar

Damit Techniker und Hersteller eingrenzen können, warum ein Aufzug oder eine Rolltreppe kaputt ist, sollen die Anlagen zukünftig auch melden können, welches Teil defekt ist. Diese Daten von „ADAM“ sollen ab Veröffentlichung im Netz frei verfügbar sein. „Unser Ziel ist es, bei den Fahrtreppen und Aufzügen eine Verfügbarkeit von 97 Prozent in der Stadt und 95 Prozent auf dem Land zu erreichen“, sagt Roth.

Doch auch das neue System kann die vielen kleinen Störungen nicht ungeschehen machen. Denn „ADAM“ ersetzt weder den Techniker, noch fehlende Teile. Das weiß auch Graf: „Es wird ja nicht dadurch besser, dass es mir jemand erklärt. Aber wenn ich gut informiert werde, fühle ich mich ernst genommen.“ Für Bahnhofsmanager Hebding ist „ADAM“ außerdem ein Beweismittel: „Das System ist für den Kunden transparent. Wenn dann jemand behauptet, eine Fahrtreppe sei immer kaputt, kann ich anhand eindeutiger, technisch gemessener Daten belegen, ob das stimmt oder nicht.“

Am wichtigsten sei für ihn aber das Gefühl der Reisenden: „Wenn die Fahrgäste an den Bahnhof kommen und denken: ‚in der Regel funktioniert hier alles‘, dann ist alles gut.“ Wie viel sich die Deutsche Bahn dieses Gefühl kosten lässt, will Hebding nicht verraten.

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