Die Bäckerei Gaier in Fellbach-Oeffingen schließt nach mehr als 100 Jahren. Kein Einzelfall: Im Rems-Murr-Kreis haben seit 2020 sechs Bäckereien aufgegeben. Das hat seine Gründe.
So hatte sich Rudolf Gaier das Ende seiner Bäckerei in der Hauptstraße in Fellbach-Oeffingen nicht vorgestellt. „Ich habe niemanden mehr, der mir in der Backstube hilft“, sagt er. Alleine schaffen er, 71 Jahre, und sein Sohn Steffen, 47, die Arbeit nicht. Schon jetzt seien die beiden am Limit. Aktuell sind sie noch zu viert, eine Konditorin und eine Bäckerin gehen ihnen dort seit Jahren zur Hand. Beide hören aus privaten Gründen im Sommer auf, zum Beispiel wegen der Pflege eines Familienangehörigen. Auch im Verkauf haben zwei Teilzeitkräfte ihr Studium abgeschlossen und fangen jetzt in ihrem erlernten Beruf an.
Bäckerei vor mehr als 100 Jahren gegründet
In der vierten Generation gibt es die Bäckerei in Oeffingen. Urgroßvater Gotthilf Gaier hat sie vor über 100 Jahren gegründet, Sohn Rudolf übernahm und gab sie an seinen Sohn, den heutigen Seniorchef, ebenfalls auf den Namen Rudolf getauft, weiter. Er steht zusammen mit Sohn Steffen in der Backstube und hätte „gerne noch ein paar Jahre weitergemacht“, wie seine Frau Inge (70), die jeden Mittag im Laden steht, verrät. Aber so wie jetzt, geht es nimmer weiter, sind Eltern und Sohn übereingekommen.
Am 6. August öffnet die Traditionsbäckerei in der Hauptstraße somit zum letzten Mal. Eigentlich wäre es der letzte Tag vor dem Sommerurlaub gewesen, jetzt bleiben die Backöfen für immer aus, die Ladentür verschlossen. Eine Ära geht zu Ende. Schuld ist in dem Fall weder Corona – „die Geschäfte laufen sehr gut“ – noch sind es die gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten. Wie, ob und wann es in den Geschäftsräumen in Oeffingen weitergeht, sei noch nicht entschieden, sagt Rudolf Gaier.
Spätestens morgens um 3 Uhr, an Samstagen noch früher, steht er zusammen mit seinem Sohn Steffen in der Backstube. Gelernt hat er im Café Königsbau in Stuttgart. Das Brotbacken, aber auch die Arbeit als Konditor machen ihm bis heute – vor über 50 Jahren hat er beide Berufe gelernt – Spaß. Die Brezeln werden bei Gaiers nach wie vor von Hand geschlungen. Die Seelen und Knautzenwecken schmecken wie in Oberschwaben, Rudolf Gaier legt viel Wert auf Teigführung.
Im Winter geht er oft sonntagabends noch in die Backstube und reguliert die Temperatur, „damit sich die Gewürze im Teig entfalten und der Sauerteig dann seine charakteristische Geschmacksnote bekommt“. Nicht von ungefähr hat das Bauernbrot bei Gaier viele Fans. Bei den Festen im Ort, angefangen beim Musikverein, der Feuerwehr, aber auch Schulfesten, werden künftig die Wecken der Bäckerei fehlen. Für solche Anlässe wurden Sonderschichten eingelegt.
Kein Visum für den Helfer aus Bosnien
Für eine begrenzte Zeit waren sie in den zurückliegenden Monaten zu fünft in der Backstube. Ein Mann aus Bosnien, „der sich sehr gut angelassen hat in der Backstube und gut zum Team gepasst hat“, bekommt offensichtlich kein Visum, kann nicht zurückkehren und kein geregeltes Arbeitsverhältnis in Deutschland eingehen.
Volker Kleinle, stellvertretender Obermeister der Bäckerinnung im Kreis, weiß von der Misere des Fachkräftemangels. Er betreibt seine Familienbäckerei in Ludwigsburg und hat das Glück, dass beide Kinder einsteigen und übernehmen werden. Im Rems-Murr-Kreis haben in den vergangenen zwei Jahren sechs Bäckereien aufgegeben, sagt Frank Sautter, Geschäftsführer der Bäckerinnung mit Sitz in Stuttgart, der allerdings nur in die Statistik für Mitgliedsbetriebe einsehen kann. Aktuell gibt es im Kreis 33 Innungsbetriebe, sagt Sautter.
Das liege an vielen Faktoren: die ungelöste Nachfolgerfrage, der Mangel an Fachkräften, die unattraktiven Arbeitszeiten – auch fürs Personal hinter der Ladentheke. Dazu der fehlende Nachwuchs. Selbst jetzt, kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres, gebe es noch viele offene Lehrstellen. „Das hält schon geraume Zeit an“, sagt Sautter und ermuntert die Schulabgänger, sich „noch zu bewerben“. Nicht alle Bäcker würden sich der Innung anschließen. Einen Trend bilden die genannten Zahlen auf jeden Fall ab, und es wird wohl immer mehr kleine, inhabergeführte Bäckereien geben, die aufgeben, sagt Sautter. Der Beruf des Bäckers ist ein kreativer Beruf. Morgens um 6 Uhr ist bei der Bäckerei Gaier das gesamte Brot- und Brötchensortiment im Laden, dann werden Kuchen gebacken und Torten angefertigt. Die Herrentorte etwa ist weit über Oeffingen hinaus bekannt und beliebt, fürs Wochenende seien wieder zwei vorbestellt, sagt Rudolf Gaier und verrät, was die Torte zu etwas Besonderem macht: „Das ist keine Buttercremetorte, sondern wir binden Weißwein zu einer Creme ab.“ Volker Kleinle sagt: „Ich würde den Beruf des Bäckers gleich wieder erlernen und auch wieder in die Selbstständigkeit gehen.“
Morgens um 6 Uhr ist das Sortiment im Laden
Der Gemeinderat Fellbach beschäftigt sich am kommenden Dienstag mit der „Aufwertung des Ortskerns des Stadtteils Oeffingen“ und legt einen Sachstandsbericht zu „Oeffingen aktiv“ vor. Es soll das weitere Vorgehen im Teilprojekt „Städtebauliche Rahmenplanung Ortsmitte Oeffingen“ diskutiert werden. Erst jüngst hat das Wollcafé geschlossen, jetzt gibt Gaier auf.