Vor 100 Jahren: Holzfuhrwerke wurden mit Ochsen gezogen oder mit Pferden wie hier im Schwarzwald. Foto:  

Ein 100 Jahre alter Fall zeigt wie risikoreich die Seeburger Steige war – das ist bis heute auch so geblieben. Für war es gefährlich für Holzfahrer heute gilt das für Motorradfahrer.

Bad Urach - Die Seeburger Steige zwischen Urach und Münsingen ist ein sogenannter Unfallschwerpunkt – früher und heute: Auf der kurvenreiche B 465, die durch das enge, felsenreiche Tal führt, testet mancher regelmäßig Motorrad- und Autofahrer die Grenzen seines Könnens aus. An der Straße steht ein Holzkreuz, unter dem das Flämmchen einer roten Grabkerze leuchtet. Allein im vergangnen Jahr kam es zu mindestens vier schweren Unfällen, 2016 ließ ein Motorradfahrer zuletzt hier sein Leben.

Steile Trasse – enge Schlucht

Wie der Naturschutzwart und Lokalhistoriker Günter Künkele aus Urach-Hengen jetzt herausgefunden hat, war die Steige schon in früheren Tagen gefährliches Terrain. Noch vor hundert Jahren, so erzählt er, lenkten die Bauern ihre pferde- und ochsengezogenen Karren und Fuhrwerke auf der steilen Trasse durch die enge Schlucht. Schon damals stand, so Künkele, am Rand der Seeburger Steige ein Gedenkstein, der an ein Unglück auf der Seeburger Steige erinnerte. „Nicht weit hinter dem sogenannten Türkenstein, oberhalb des Steigenbrünneles“, erzählt Künkele, der schon zahlreiche Bücher zum Biosphärengebiet Schwäbische Alb geschrieben hat. Vermutlich mit der Verbreiterung der Straße sei der Stein verschwunden. Aber noch wüssten einige Menschen, wie die mahnende Inschrift lautete: „Der Weg zur Ewigkeit ist nicht weit. Um 6 Uhr fuhr er fort, um 7 Uhr war er dort.“

Eine, die sich erinnert, ist Inge Maier, die heute in Sonnenbühl lebt und der sich der Spruch ins Gedächtnis gebrannt hat. Schon als Vierjährige war sie auf ihrem zweistündigen Weg von ihrem Wohnort Wittlingen nach Rietheim, wo die Großeltern lebten, an dem Gedenkstein vorbeigekommen. Der habe stets für Gesprächsstoff auf der familiären Sonntagswanderung zu den Großeltern gesorgt, erinnert sich die 81-Jährige. „Die Mutter hat dann immer erzählt, dass ein Holzbauer auf der steilen Steige ums Leben kam.“ Erst viel später, als sie als Krankenschwester selbst mit Unfallopfern konfrontiert war, sei ihr die ganze Tragweite des Spruchs bewusst geworden, sagt sie.

Neues Buch geschrieben

Bei Recherchen zu seinem neuesten Buch „Europäische Juwelen – Geschichte und Natur im Unesco-Biosphärenreservat Schwäbische Alb“ fand Künkele im Erms­talboten vom 8. Juli 1911 eine Spur, die das Rätsel um den verschwundenen Stein und das Unglück lüften konnte. In der alten Zeitung fand sich eine Meldung, wonach der Bauer Christoph Lenge aus Rietheim Tage zuvor, als er mit seinem Pferdefuhrwerk Holz nach Urach transportierte, auf der Steige „so unglücklich unter seinen Wagen [kam], daß ihm mehrere Rippen eingedrückt wurden“. Er starb kurz nach dem Unfall und hinterließ eine Ehefrau und neun Kinder.

Das Unglück, das dem 44 Jahre alten Bauer Lenge widerfuhr, erzählt aber nicht nur von einem Familiendrama zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es erinnert auch an ein heute nahezu vergessenes Gewerbe, das jahrhundertelang auf der Schwäbischen Alb betrieben wurde und vor allem in gebirgigen Landstrichen lebensgefährlich war: „Denn die Bauern auf der kargen Albhochfläche waren häufig gezwungen neben ihrer Landwirtschaft auf Lohn Holz auf den steilen Trassen ins Tal zu transportieren“, sagt Künkele. Davon zeugen viele alte Zeitungsannoncen in den damaligen Blättern, mit denen der württembergische Staat, die Gemeinden oder auch private Waldbesitzer Lieferaufträge für geschlagenes Holz ausschrieben. „Stammholz mit Längen von sechs bis zehn Metern waren das“, sagt Künkele – mehrere Tonnen schwer.

Eines der Zugtiere ging durch

Die 85-jährige Gisela Stumm, eine Enkelin des 1911 tödlich verunglückten Christoph Lenge weiß aus Erzählungen ihrer Mutter, „dass der verstorbene Ähne regelmäßig solche Holztransporte übernahm, weil für den Lebensunterhalt der elfköpfigen Familie die Landwirtschaft mehr schlecht als recht ausreichte“. Künkele rekonstruiert in seinem neuen Buch den Unfallhergang: Der Bauer hatte das Holz demnach einen Tag vor seinem Unfall in dem als Holzkammer bekannten Waldgebiet bei Gomadingen abgeholt. Am Bahnhof in Urach sollten die Stämme auf die Königlich Württembergische Staatseisenbahn verladen werden. „Eines der Zugtiere war wohl gegen sieben Uhr auf der abschüssigen Seeburger Steige durchgegangen“, sagt Künkele. Nur wenige Tage nach dem Unglück verkaufte die Witwe, wie eine Anzeige im Alb-Bote vom 18. Juli 1911 belegt, wohl aus Geldnot ein erstes Pferd. „Wie viele sogenannte Holzbauern bei ihrer gefährlichen Lohnarbeit an den Steigen der Schwäbischen Alb ums Leben kamen, weiß niemand mehr“, sagt Günter Künkele. Die alten Wegsteine, selbst wenn sie verloren sind, erzählen aber davon, dass die steilen, kurvenreichen Trassen am Trauf vor 100 Jahren genauso gefährlich waren wie heute.

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